Arbeitslosigkeit sinkt  Immer mehr ukrainische Geflüchtete nehmen Jobs auf – Auch in Ostfriesland?

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 19.11.2022 14:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Frau hält bei einer Jobmesse für ukrainische Geflüchtete von der IHK Berlin und der Agentur für Arbeit den Messeplan in der Hand. Foto: Soeder/dpa
Eine Frau hält bei einer Jobmesse für ukrainische Geflüchtete von der IHK Berlin und der Agentur für Arbeit den Messeplan in der Hand. Foto: Soeder/dpa
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Viele Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Ostfriesland aufgenommen wurden, würden gern hier arbeiten. Das klappt aus verschiedenen Gründen aber nur bedingt, weiß eine Flüchtlingshelferin aus Ihlow.

Ostfriesland - Immer mehr Männer und Frauen, die aus der Ukraine geflohen sind, sollen in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden. Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Ukrainerinnen und Ukrainer sinkt in Niedersachsen, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit jüngst in Hannover. Im Oktober habe sogar erstmals die Zahl der Abmeldungen aus der Arbeitslosigkeit die Zahl der Neuanmeldungen überschritten. Auch in Ostfriesland konnten bereits Geflüchtete aus der Ukraine in den Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Die Agentur für Arbeit Emden-Leer, die für die Landkreise Leer, Aurich und Wittmund sowie die Stadt Emden zuständig ist, zählt in ihrem Einzugsgebiet im Oktober 2022 insgesamt 2484 gemeldete erwerbsfähige Personen aus der Ukraine. Mehr als 70 Prozent von ihnen sind Frauen. Das geht aus den Arbeitsmarktdaten der Agentur für Arbeit hervor, die unserer Redaktion vorliegen. 1876 dieser Personen werden als arbeitssuchend, 1383 als arbeitslos gelistet. Im Oktober konnten laut Statistik 381 und im September 207 Personen vermittelt werden. Gleichzeitig hat die Zahl der neu als arbeitslos gemeldeten Personen abgenommen: Im September waren es 708 und im Oktober nur noch 478.

Zahlen nur bedingt aussagekräftig

Das ist laut Marianne Gronewold aber nur bedingt aussagekräftig. Die Ihlowerin setzt sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs für die Geflüchteten aus der Ukraine in Ihlow und Umgebung ein und weiß um ihre Sorgen und Nöte. Die Geflüchteten bekommen seit dem 1. Juni Grundsicherung, besser bekannt als Hartz IV. Was von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im April als Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts und pragmatischer Weg in die Arbeit für die Geflüchteten verkauft wurde, ist laut Gronewold eher ein Hindernis.

„Wenn die Flüchtlinge arbeiten wollen, dürfen sie durch die Hartz-IV-Regelungen nur noch maximal 100 Euro mehr verdienen. Alles, was darüber hinausgeht, wird von dem Hartz-IV-Satz abgezogen“, erklärt sie. Und: „Da ist es verständlicherweise nicht gerade schmackhaft, arbeiten zu gehen.“ Viele der Ukrainerinnen und Ukrainer zeigten sich aber trotzdem willig, „hier zu Gang zu kommen“. Sie nähmen aber aufgrund der 100-Euro-Regelung eher Minijobs an, als in den Beruf zurückzugehen, den sie in der Ukraine ausgeübt hatten.

Erlernte Berufe werden oft nicht anerkannt

Außerdem sei die Sprachbarriere nach wie vor ein großes Problem, auch wenn es um die Vermittlung in den Arbeitsmarkt gehe. Das weiß auch die Agentur für Arbeit. Die Ukrainerinnen und Ukrainer absolvieren deshalb erst einen Sprachkurs, bevor sie in den Arbeits-markt vermittelt werden können, schreibt auch Vanessa Scheljagin, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Emden-Leer. „Diese Kurse dauern aber teilweise acht Stunden täglich“, berichtet Marianne Gronewold. Da bleibt wenig Zeit für einen Nebenjob. Außerdem gebe es viel zu wenig dieser Kurse, sodass teilweise mehrere Monate vergingen, bevor arbeitslose Geflüchtete Deutsch lernen könnten.

Ein weiteres Problem ist laut Marianne Gronewold auch die Anerkennung der vorherigen Berufe. Teilweise werden die in der Ukraine erworbenen Diplome nämlich nicht in Deutschland akzeptiert. Die Bearbeitung liegt bei den Jobcentern, bei denen laut Gronewold oft „großes Chaos“ herrsche. Ein weiterer Grund für die Geflüchteten, eher beim Minijob zu bleiben, vermutet auch Jörg Harms, Ausbildungsberater der ostfriesischen Handwerkskammer. Er berichtet auf Nachfrage, dass bei der Kammer bisher eher kein Zuwachs an Arbeitskräften aus der Ukraine zu verzeichnen sei.

Anreize schaffen, in den Beruf zurückzugehen

Laut Marianne Gronewold liegt es bei der Politik, den Geflüchteten mehr Anreize zu schaffen, wieder in ihren eigentlichen Beruf zurückzukehren. Fachkräfte fehlten schließlich in der Region genug.

Zur Erklärung: Die Zahl der gemeldeten erwerbsfähigen Personen enthält laut Definition der Arbeitsagentur alle zur Arbeitsvermittlung angemeldeten Personen. Das sind demnach alle, die Anträge auf Leistungen gestellt haben, aber noch keine Bewilligung erhalten haben, Arbeitssuchende, Arbeitslose und diejenigen, die keine Arbeit suchen – etwa, weil sie Kinder betreuen. Arbeitssuchende und arbeitslose Personen unterscheiden sich laut Definition dadurch, dass Erstere auch als arbeitssuchend gelten, wenn sie zum aktuellen Zeitpunkt bereits eine Beschäftigung ausüben.

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