Osnabrück  Die Strohwitwe: Warum war sie eigentlich allein?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 17.11.2022 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Eine junge Strohwitwe von heute? Das Wort ist heute kaum noch geläufig. Was bedeutet es eigentlich? Foto: imago-images
Eine junge Strohwitwe von heute? Das Wort ist heute kaum noch geläufig. Was bedeutet es eigentlich? Foto: imago-images
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Was war noch einmal eine Strohwitwe? Das Wort ist nicht mehr allgemein geläufig. Dabei lohnt es den zweiten Blick, denn früher verwies es auf prekäre Lebenslagen.

„Er geht stracks in die Welt hinein / Und lässt mich auf dem Stroh allein“: In Goethes „Faust“ hat Frau Marthe gut klagen. Ihr Mann ist unterwegs, sie bleibt zurück und ist damit Strohwitwe. Der Reim auf dem Wort „allein“ zeigt an, dass die Dame mit diesem Zustand alles andere als glücklich ist. Sie bleibt einsam auf dem Stroh, also auf einer Bettstatt zurück, die den Komfort des Federkerns noch nicht kennt.

Wo ihr Mann unterdessen wohl liegen mag? Diese Ungewissheit schwingt in Marthes Klage mit – ihre Empörung ebenso. Strohwitwe ist zumindest sie nicht gern. Die vorübergehende Abwesenheit des Partners verunsichert eher, als dass sie als temporäre Freiheit begriffen würde.

Das Klassikerzitat zeigt, dass der Ehestand für Frauen in dieser Zeit gerade dann entscheidend ist, wenn es um ihren sozialen Status geht. Vielleicht fühlt Marthe vor allem den bedroht. Wie ernst es dabei werden konnte, belegt das verwandte, heute aber ganz vergessene Wort der Graswitwe. So bezeichnete man junge Frauen, die im Gras liegend schwach, also vor der Ehe schwanger geworden waren. Im Sachsen des späten Mittelalters etwa mussten sich, wie nachzulesen ist, diese Frauen mit einem Strohkranz auf dem Kopf trauen lassen – als Zeichen ihrer Schande und sozialen Ausgrenzung.

Alte Wörter klingen meist hübsch und unverfänglich. Ihre Bedeutung muss es nicht unbedingt sein. Das gilt eben auch für die Strohwitwe. Anderen Erklärungen zufolge ging es um Frauen, die deshalb allein waren, weil ihre Männer ins Stroh gegangen waren, sich also als Gehilfen vorübergehend auf Bauernhöfen verdingt hatten. Wie auch immer: Strohwitwen wurden bemitleidet oder beargwöhnt. Heute ist das nicht mehr so. Ob jemand eine Zeit lang ohne den Partner lebt – wen kümmert das?

Bei Strohwitwern mag das hingegen anders sein. Denn die leben nach landläufiger Meinung daheim in ziemlicher Unordnung, weil die Frau im Hause fehlt, die sonst alles richtet – vom herausgelegten Hemd für den Tag bis zur Mahlzeit auf dem Tisch. Welch überkommenes Rollenmodell!

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