Idee aus den Niederlanden  Helfen bunte Kugeln gegen aufdringliche Wölfe?

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 20.11.2022 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wölfe, die sich zu unbekümmert Menschen nähern, können in den Niederlanden demnächst Flecken bekommen. Foto Weigel/dpa
Wölfe, die sich zu unbekümmert Menschen nähern, können in den Niederlanden demnächst Flecken bekommen. Foto Weigel/dpa
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In den Niederlanden will man allzu furchtlosen Wölfen jetzt farblich eins auf den Pelz brennen. Wir wollten wissen, ob Paintball-Munition auch in Ostfriesland eine Option ist.

Ostfriesland - Seit der Wolf den Weg zurück in die Wälder Niedersachsens geschafft hat, steht er in hitziger Diskussion. Romantiker verklären das Raubtier zum edlen Herrscher des Waldes. Weidetierhalter beklagen unterdessen immer wieder Risse ihrer Tiere, weil Wölfe sich zu nah an und zu weit in die Kulturlandschaft wagen. Erst am vergangenen Sonnabend war in Strackholt ein totes Kalb mit Bissspuren gefunden worden. Die legen den Verdacht nahe, dass ein Wolf dort zugepackt haben könnte. Die Untersuchung entsprechender DNA-Spuren läuft derzeit noch.

Auch in den Niederlanden beschäftigt der Wolf Landwirte, Tierschützer und Verwaltung. Aus dem Nachbarland waren im Internet zuletzt Videoaufnahmen von Wölfen aufgetaucht, die sich etwa in einem Nationalpark unbekümmert einer Familie näherten oder auch mal einen Radfahrer verfolgen. Die niederländische Provinz Gelderland wählt deshalb jetzt einen ungewöhnlichen Weg, um Wölfe von den Menschen fernzuhalten. Tiere, die sich den Menschen auf weniger als 30 Meter nähern, sollen dort mit Paintball-Munition beschossen werden. Die Verwaltung verspricht sich davon, die Wölfe vertreiben zu können, ohne sie zu töten oder zu verletzen.

Paintball ist ein taktischer Mannschaftssport, bei dem die Spieler sich in Kampfsituationen mit Farbkugeln aus Druckluftwaffen beschießen. Getroffene Spieler scheiden aus und müssen das Spielfeld verlassen. Von den Farbkugeln (deren Inhalt biologisch rückstandsfrei abgebaut wird) versprechen sich die Gelderländer einen Zusatznutzen. So könnte an den Farbflecken erkannt werden, welcher Wolf eines Rudels bereits beschossen wurde.

Nette Idee, aber nutzlos

Farbkugeln statt Blei – wäre das auch eine Option für die Wölfe in Ostfriesland? Gernold Lengert, Vorsitzender der Jägerschaft Aurich, findet die Idee nett, aber nutzlos. „Ich hatte als Junge eine Korkenpistole, die würde wahrscheinlich genauso gut funktionieren“, sagt er halb scherzhaft. Grundsätzlich würde der Beschuss den Wolf sicherlich erst einmal abschrecken, schätzt Lengert. „Aber der Wolf ist nicht doof! Wenn er weiß, dass an einer bestimmten Stelle tagsüber jemand auf ihn schießt, dann kommt er eben nur noch nachts dorthin. Außerdem müsste erstmal jemand auf 20 bis 30 Meter an ihn herankommen.“

Nette Herren wie dieser könnten sich künftig um Wölfe kümmern, die sich menschlichen Siedlungen nähern. Foto: Pixabay
Nette Herren wie dieser könnten sich künftig um Wölfe kümmern, die sich menschlichen Siedlungen nähern. Foto: Pixabay

Das wirft die nächste Frage auf, wer solche Beschüsse überhaupt vornehmen sollte. „Wir Jäger werden das nicht machen“, stellt Lengert klar. „Wir sind schon nicht begeistert davon, dass der Wolf wieder ins Jagdrecht aufgenommen wurde. Ich will für den Wolf nicht verantwortlich sein, ich habe ihn schließlich nicht gerufen.“ Lengert betont, dass er die Paintball-Idee nicht grundsätzlich ablehnt. „Man sollte alles ausprobieren, um das jetzige Problem mit dem Wolf zu lösen. Deshalb sollte man ruhig auch diese Idee ausprobieren. Ich bin mir nur sicher, dass der Erfolg gleich null sein wird.“

Landwirte wollen Obergrenzen

Die Wolfsberater wollen sich zu der Idee nicht äußern. Dies sei eine politische Frage, zu der die Landesregierung Stellung beziehen müsse, heißt es auf Nachfrage dieser Zeitung. Vom Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz sowie von der Pressestelle des Umweltministeriums gab es auf unsere Anfrage bis Redaktionsschluss keine Antwort.

Für die Bauern äußerte sich unterdessen der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Hauptvereins (LHV) Ostfriesland, Manfred Tannen. „Wir begrüßen erst einmal jede Idee, die helfen kann, das Problem zu lösen“, sagt auch Tannen. Er befürchtet aber, dass durch die Paintball-Idee das Problem nur aufgeschoben würde. Der LHV setzt sich für eine Bestandsregulierung mit einer Obergrenze für die Population ein. Solche Regelungen gibt es beispielsweise in den skandinavischen Ländern und in Polen. „Die Bundesregierung sollte in der Lage sein, eine Populationszahl für den Erhaltungszustand der Wölfe festzusetzen“, sagt Tannen. „Was darüber hinaus geht, muss entnommen werden. Vor allem dort, wo Weidetiere sind.“

Für Tannen ist das gegenwärtige Ringen um den Umgang mit dem Wolf „ein Pingpong-Spiel zwischen Hannover, Berlin und Brüssel“, wie er sagt. „Wir Bauern haben aus Brüssel durchaus schon das Signal bekommen, dass eine Obergrenze kein Problem wäre“, sagt er. Sicher ist er sich darin, dass eine weitere Hängepartie fatal wäre. „Wenn das Problem nicht gelöst wird, geht die Weidehaltung in Niedersachsen zu Ende“, sagt Tammen. „Unsere Landwirte werden ihre Tiere lieber dauerhaft im Stall behalten, als immer wieder tote Tiere von ihren Weiden zu holen. Das ist auch emotional eine unglaubliche Belastung für sie.“

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