Athen So anstrengend ist die Mutter aller Marathon-Läufe wirklich
Die 42,195 Kilometer von Marathon nach Athen gelten als Ursprung des Marathon-Laufs. Selbst für trainierte Sportler ist die Strecke eine Herausforderung. Autorin und Hobby-Läuferin Nina Kallmeier wäre fast gescheitert.
Endlich! Da hängt sie auf der rechten Fahrbahnseite, die große Fahne mit der Aufschrift „41 Kilometer”. Ich dachte schon, sie kommt gar nicht mehr. Das bedeutet: Noch 1,195 Kilometer, dann habe ich es geschafft. Und noch viel besser: Es geht leicht bergab. Wenn das keine Motivation ist, noch mal einen Zahn zuzulegen und den einen oder anderen zu überholen.
Die brennenden Füße sind vergessen, rechts und links der Strecke erschallt immer wieder ein „Bravo!” von den Zuschauern. Aus Erfahrung weiß ich allerdings, dass ich mich von dem aufblasbaren blaue Tor, das ich von Weitem sehen kann, nicht täuschen lassen darf - es wird noch nicht das Ziel sein. Und so ist es auch. Die Strecke macht eine leichte Kurve und biegt ins Panathinaikon-Stadion, dem Austragungsort der ersten modernen olympischen Spiele, ein.
Die Zeitmessung auf dem Boden zeigt an: 42 Kilometer sind geschafft. Noch 195 Meter auf der Tartanbahn – die längsten und zugleich kürzesten 195 Meter meines Lebens. Auf der einen Seite scheinen sie sich zu ziehen wie Kaugummi, ich habe das Gefühl auf der Stelle zu treten. Auf der anderen Seite merke ich, wie meine Füße in immer kürzeren Abständen über den Boden fliegen und ich schneller werde.
Und dann bin ich durch! Ich bin wirklich einmal von Marathon nach Athen gelaufen. Und auch ein bisschen stolz, dass ich trotz aller Höhenmeter angekommen bin.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich an einen Marathon getraut habe. In Berlin bin ich schon gelaufen, doch für dieses Jahr wollte ich etwas Neues – eine andere Umgebung, eine neue Strecke, ein anderes Feeling. Und damit ein Ziel, über das Jahr sportlich am Ball zu bleiben. So bin ich auf Athen gekommen. Der Lauf liegt relativ spät im Jahr, was für Griechenland kein Problem ist. Und immerhin dient die Strecke von Marathon nach Athen als Vorbild für jeden modernen Marathon.
Allerdings muss ich im Nachhinein sagen: Wer den Athen-Marathon laufen will, der sollte Bergläufe trainieren. Denn einen Großteil der Original-Strecke geht es vor allem in eine Richtung: nach oben.
Dass ich die Berge im Laufe des Tages noch verfluchen würde, war mir morgens noch nicht klar. Der Tag startet früh, alle Läufer müssen mit Reisebussen von Athen nach Marathon gebracht werden. Um 6 Uhr bin ich an der Station Syntagma vor dem Denkmal des Unbekannten Soldaten, um einen der Busse zu erwischen. Die Stimmung unter den Läufern ist ausgelassen, es wird gequatscht und gescherzt. Allerdings überlege ich kurz, ob es doch ein Fehler war, kein langes Laufshirt angezogen zu haben. Es ist eisig kalt.
Über die Temperatur kann ich mich schon wenige Kilometer nach dem Start jedoch schon nicht mehr beklagen. Es ist eng, bis ich an den ersten Läufern vor mir vorbei bin und meinen Rhythmus finde, dauert es etwas. Schilder und Fahnen an der rechten Seite zählen an, wie viele Kilometer geschafft sind – 1… 2… 3… 4… Also noch 38 Kilometer bis zum Ziel... Puh.
Immerhin soll es gleich laut Streckenplan ein erstes Highlight zu sehen geben: das Grab des ersten Marathon-Läufers. Doch wo ist es? Zwischen den Bäumen kommt irgendwann nach Kilometer fünf ein großer Erdhaufen in Sicht. Ob es das ist?
Viel mehr beschäftigt mich zu diesem Zeitpunkt allerdings eine andere Frage: Wo ist die für Kilometer fünf angekündigte Verpflegungsstation? Auch, wenn ich noch keinen Durst habe – bis es so weit ist, sollte man nicht warten. Denn die Sonne brennt schon, der Schweiß läuft. Hinzu kommt: Sich von Station zu Station zu hangeln ist für mich eine gute Taktik: Die Abstände von zweieinhalb Kilometern sind eine überschaubare Distanz, sich etwas zu trinken und zu essen zu nehmen eine gute Gelegenheit, ohne schlechtes Gewissen das Tempo rauszunehmen und den Puls runterzukriegen.
Bei rund fünfeinhalb Kilometern ist es dann endlich so weit. Ich bremse ab, nehme eine der 500-Milliliter-Flaschen Wasser entgegen und trinke walkend ein paar Schlucke. Ein halber Liter ist allerdings viel zu viel, das meiste landet am Straßenrand, wo sich bereits die Flaschen sammeln. Schade um die Verschwendung. Und weiter geht‘s. Ich liege gut in der Zeit.
20 Kilometer weiter kann ich das nicht mehr sagen. Ob dem Läufer, der als Thor verkleidet im Startblock stand, wohl mittlerweile der Hammer schwer in der Hand liegt?
Nachdem der Lauf recht flach begonnen hatte, geht es nun schon kilometerlang bergauf. Kein Wunder, dass der erste Marathon-Läufer völlig erschöpft in Athen angekommen ist. Mein Kopf fühlt sich heiß und rot an und das kommt sicherlich nicht nur von der Sonne. Und nicht zum ersten Mal frage ich mich: Warum noch gleich mache ich das? War das eine gute Idee? Ja, war es, sage ich mir immer wieder wie ein Mantra. Am Ende ist die Quälerei es wert und ich bin froh, dass ich es geschafft habe – aber eben erst am Ende, so viel Ehrlichkeit muss sein. Eine wirkliche Erholung hat auch das kurze Bergab-Intermezzo bei Kilometer 17 nicht gebracht.
Zumal die Steigungen immer steiler zu werden scheinen. Oder kommt mir das nur so vor, weil langsam nicht nur die Sonne brennt, sondern auch die Füße sich anfühlen, als würde ich auf heißen Kohlen laufen? Zumindest scheine ich mir (noch) keine Blasen geholt zu haben, jedenfalls drückt und scheuert noch nichts. Und auch das Eisgel der Medizin-Teams am Streckenrand gegen verhärtete Muskeln brauche ich – anders als einige meiner Laufkollegen, die da drin fast zu baden scheinen – noch nicht.
Allerdings habe ich, wie so viele andere, mittlerweile vor den Steigungen kapituliert. Nachdem ich die ersten kleinen Anstiege zu Beginn der Strecke noch gelaufen bin, gebe ich mich bei den Bergen geschlagen und reihe ich mich ein in die Gruppe der Walker.
Wobei, eigentlich sehe ich keinen, der wirklich noch läuft. Sehr sympathisch, schießt es mir durch den Kopf. Immer in Bewegung bleiben, ist da eher mein Motto, und so überhole ich den einen oder anderen, der am Rand stehenbleibt. Und wenn vereinzelte einigermaßen gerade Streckenabschnitte die Möglichkeit bieten, das Tempo wieder anzuziehen, nehme ich die Herausforderung an – bis zur nächsten Bergetappe. Ich muss mir eingestehen: Das Höhenprofil habe ich – trotz guter Vorbereitung über das Jahr – völlig unterschätzt.
Doch aufzugeben ist für mich keine Option. Auch nicht bei Kilometer 30, als ich das erste Mal einen Bus an der Seite stehen sehe. Darin sitzen die ersten Läufer, die 12,195 Kilometer vor dem Ziel das Handtuch geworfen haben. Es wären noch Plätze frei und sie sehen verlockend aus. Raus aus der Sonne, Klimaanlage, das Gewicht runter von den Füßen... Das wäre jetzt was. Aber nein, ich wollte ja ankommen. Und so schaue ich schnell weg, nehme mir die nächste Flasche Wasser, die mir eine der mehr als 3000 Freiwilligen in die Hand drückt, und gehe weiter – natürlich bergauf.
Erst nach Kilometer 32 kommt die Erlösung: Es geht wieder runter. Und dieses Mal wirklich, nicht nur ein paar Meter. Das zaubert mir trotz der Anstrengung doch ein leichtes Lächeln ins Gesicht. Und meine Füße tun gleich nur halb so weh wie vorher. Langsam ist auch etwas mehr los an der Strecke.
Und ich fange an, die verbleibenden Kilometer rückwärts zu zählen. Sieben noch – quasi eine Trainingseinheit. Fünf – das habe ich vorgestern durch Athen auch geschafft. Drei – das ist ja praktisch schon fast da. Ob man gleich die Akropolis sehen kann?
Und obwohl die Füße schmerzen – je näher ich dem Ziel komme, desto motivierter bin ich wieder. Keine Fragen mehr, ob der Original-Marathon wirklich eine gute Idee war, kein Gefühl mehr, vielleicht doch besser den klimatisierten Sitzplatz im Bus zu wählen. Ganz im Gegenteil. Je näher ich dem Ziel komme, desto schneller werde ich wieder, nachdem das Tempo doch stark nachgelassen hat. 40, 41, bergab und die halbe Stadionrunde – geschafft! Und ich bin mir sicher, dass ich auf den Fotos, die Fotografen von den Zieleinläufen gemacht haben, zwar einen roten Kopf habe, aber doch lächle.