Kolumne „Artikel 1, GG“ Dafür habe ich meinen Baba geliebt
Heute schreibt unsere Kolumnistin über einen schmerzhaften Verlust, der auch ein wenig mit unterschiedlichen Kulturen zu tun hat.
Ich hatte Glück. Als ich am Sonntag mit dem Zug von Hanau und Hannover fuhr, gab es ausnahmsweise mal keine Verspätungen. „Baba geht es nicht gut, komm so schnell, wie Du kannst“, hatte mir meine Schwester mittags am Telefon gesagt. Ich habe mich daraufhin sogleich auf den Weg gemacht. Zwei Minuten, nachdem ich bei ihm am Bett saß, seine Hand hielt und ihm ins Ohr rief, dass ich nun da sei, hatte er seinen letzten Atemzug. Ich bin froh, dass er auf mich gewartet hat und ich ihn in den Tod begleiten konnte.
Zur Person
Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Es ging mir aber zu schnell, denn ich hätte gerne noch eine Weile an seiner Seite gesessen, seine Hand gehalten und ihm ein letztes Mal gesagt, was für ein toller Baba er war. Hüseyin Topçu war ein sehr liebevoller Vater, einer der sich nicht drum scherte, was die türkische Community über ihn dachte. Er hat mir vertraut, mich werden lassen. So selbstverständlich ist das nicht, denn die Erwartungen des sozialen Umfelds beeinflussen etliche Familien aus der türkeistämmigen Community; selbst wenn Eltern ihren Töchtern die Freiheit zur Selbstentfaltung geben möchten, orientieren sie sich aus Sorge um Gerede und Missachtung ungeschriebener Regeln über Anstand, Ehre und Moral.
Was die Leute über ihn, der als Lehrer für muttersprachlichen Unterricht weit über die Stadt Hannover bekannt war, hinter seinem Rücken schwätzten, kümmerte meinen Vater nicht. Ich habe meinen Baba auch dafür sehr geliebt.
Über die Beerdigung meiner Mutter auf dem muslimischen Grabfeld eines städtischen Friedhofs in Hannover schrieb ich für „Die Zeit“. Ich wollte eine Öffentlichkeit herstellen für die Missstände und Prozeduren, denen Muslime ausgesetzt sind, die ihre Toten in Deutschland beisetzen lassen. Seitdem sind inzwischen 16 Jahre vergangen. Ich hoffe, dass wir meinen Baba an der Seite seiner Frau so beisetzen können, dass uns nur die Trauer über den Verlust begleitet und nicht auch noch der Kummer über die deutsche Bürokratie.
Kontakt: kolumne@zgo.de
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Ossiloop