Ostfriesische Krimitage in Leer Rainer Rudloff inszenierte Krimi von Arne Dahl
Der schwedische Bestseller-Autor Arne Dahl war zu Gast in Leer. Der Schauspieler Rainer Rudloff schlüpfte in die Rolle der Kommissarin. Es war irritierend und bewegend.
Leer - „Rums“, machte es und schon lag die Protagonistin auf der Bühne im Sparkassen-Foyer. Zuvor hatte sie sich schon mit gellenden Schreien ihre Schmerzen aus dem Leib geschrien, so laut, dass Literatur-Expertin Margarete von Schwarzkopf sich verschreckt die Hände an die Ohren riss. Und auch der Krimi-Bestseller-Autor Arne Dahl riss erschrocken die Augen auf. Was war da los?
Im Zuge der 12. Krimitage hatten die Initiatoren, Heike und Peter Gerdes, den schwedischen Krimi-Autoren Arne Dahl nach Leer eingeladen. Ihm zur Seite stand von Schwarzkopf und der Schauspieler und Rezitator Rainer Rudloff. Der las einige Passagen aus dem jüngsten Werk „Null gleich eins“ nicht nur vor, sondern schlüpfte mit Haut und Haaren in die Rolle von Kommissarin Deer.
Inszenierung ging unter die Haut
Der waren im vorherigen Band die Beine amputiert und wieder angenäht worden. Mühsam kämpft sie sich im fünften und letzten Band der Reihe um Molly Blom und Sam Berger zurück in den Beruf. Und Rainer Rudloff kämpfte sehr eindringlich stellvertretend ihren qualvollen Kampf zurück ins Leben, auf die Füße, die Beine, in ein selbstständiges Leben. Und am Tatort, einem Strand, verliert sie den Halt und fällt – so kam es zu dem eingangs erwähnten Sturz. Die theatralische Inszenierung ging unter die Haut, war ein bisschen irritierend, aber auch sehr bewegend.
Im Zuge seiner Lesereise durch Deutschland standen Arne Dahl schon etliche Schauspieler und Sprecher zur Seite, trugen die Texte mit professioneller Intonation vor. Doch so wie Rudloff die Passagen präsentierte, das war auch für Dahl eine Premiere. Er las die Szene um die Kommissarin, die in der Reha an einem Barren verzweifelt und unter übermächtigen Schmerzen brüllend versucht, einen Schritt nach dem anderen mit den versehrten Beinen zu erlernen, auf Schwedisch vor. So gewannen die Zuhörer einen Eindruck davon, wie Dahl seine Erzählung vortragen würde: ruhig, besonnen, den geschriebenen Worten Raum gebend. Rudloffs Inszenierung war das krasse Gegenteil: laut, eindringlich, voller „aufbäumender Emotionen“, wie von Schwarzkopf es nannte. Um so tief in das Szenario eintauchen zu können, habe er den Krimi komplett lesen müssen, erzählte Rudloff, der sonst gar kein Krimi-Leser sei.
20 Krimis hat Arne Dahl geschrieben
Die szenischen Lesungen waren eingebettet in ein Gespräch zwischen von Schwarzkopf und Dahl auf Deutsch, denn der Schwede spricht sehr gut deutsch. 20 Krimis hat Arne Dahl unter seinem Erfolgspseudonym geschrieben, acht weitere Bücher unter seinem richtigen Namen, Jan Arnald. Aus seinem Nachnamen entstand das Pseudonym, unter dem er sich frei fühlte, Unterhaltungsliteratur zu schreiben. Und weil er Krimis liebe, wurden es eben Krimis, erzählte er den rund 100 Besuchern der Lesung in Leer. Mit „Null gleich eins“ endet die jüngste Reihe schon nach fünf Büchern, „sie war dann einfach schon zu Ende erzählt“, sagte Dahl. Ursprünglich war geplant, dass sie verfilmt wird, Engländer hatten sich die Rechte gesichert und das Drehbuch für den ersten Band habe er auch schon gelesen. Doch dann kam die Corona-Pandemie und so wurden die Dreharbeiten Jahr für Jahr verschoben. Ob daraus noch etwas wird, sei im Moment noch offen.
Am Serienformat schätze er es, seine Charaktere über Jahre begleiten zu können, ihnen den Raum geben zu können, sich als Menschen weiter zu entwickeln. Den Mörder in „Null gleich eins“ habe er auch erst während des Schreibens kennen gelernt, verriet er. „Das Motiv kannte ich, aber was für ein Mensch dahinter stand, das wusste ich nicht von Anfang an.“
Ostfriesland und Schweden hätten eine Gemeinsamkeit, nirgends werde – zumindest in Krimis - so viel gemordet, hatte Peter Gerdes eingangs festgestellt. Arne Dahl bestätigte das: „Es gibt ganze Städte in Schweden ohne Menschen“, sagte er grinsend. In der Pause und im Anschluss an die Lesung bildeten sich lange Schlangen vor einem Stehtisch, an dem er in aller Ruhe Buch um Buch signierte, für Fotos posierte, und sich mit seinen Lesern unterhielt.