Neue Ausstellung zu Emil Nolde  Kunsthalle stellt Künstler mit Nazi-Vergangenheit zur Diskussion

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 12.11.2022 10:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Künstler Emil Nolde in einem Porträt von Ernst Retzlaff. Nolde gilt als Anhänger der Nazis. Die Kunsthalle stellt in einer neuen Ausstellung die Frage, wie man mit dieser Vergangenheit umgeht. Fotos: Ortgies
Der Künstler Emil Nolde in einem Porträt von Ernst Retzlaff. Nolde gilt als Anhänger der Nazis. Die Kunsthalle stellt in einer neuen Ausstellung die Frage, wie man mit dieser Vergangenheit umgeht. Fotos: Ortgies
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Der Künstler Emil Nolde gilt als Nazi-Anhänger. Viele seiner Werke sind in der Sammlung der Emder Kunsthalle. Eine neue Ausstellung schaut kritisch auf das Verhältnis von Person und Werk.

Emden - Der „Mythos Wald“ ist abgebaut, die Emder Kunsthalle eröffnet an diesem Samstagabend ihre neue Ausstellung „Nolde/Rohlfs. Zwei Künstlerleben“. Die Künstler Christian Rohlfs (1849 bis 1938) und Emil Nolde (1867 bis 1956) zählen zu den bedeutendsten Vertretern des Expressionismus. Etwas unterscheidet beide aber deutlich: Während beide in der Zeit des Nationalsozialismus als „entartet“ diffamiert wurden, war Nolde ein glühender Anhänger der Nazis, heißt es in einer Mitteilung der Kunsthalle.

Das Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner vor einem ihrer eigenen Werke, die in der neuen Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Beide haben sich kritisch mit Emil Noldes Nazi-Vergangenheit beschäftigt.
Das Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner vor einem ihrer eigenen Werke, die in der neuen Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Beide haben sich kritisch mit Emil Noldes Nazi-Vergangenheit beschäftigt.

Nolde - mit bürgerlichem Namen Hans Emil Hansen - war von der nationalsozialistischen Ideologie fasziniert, NSDAP-Mitglied und diente sich dem NS-Regime an. Seine Biografie bereinigte er nach dem Krieg wie viele Künstler und galt lange Zeit als Opfer des Regimes. Die Ausstellung, die von dem Hannoveraner Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner begleitend mitgestaltet wurde, stellt nun die Frage, wie Person und Werk in ein Verhältnis gebracht werden können.

Dauerhaftes Verbannen von Künstlern keine Lösung

Die ausgestellten Werke stammen aus dem Bestand der Kunsthalle, die um Leihgaben ergänzt sind. „Als zentrales Dilemma einer sammelnden Institution kann die Frage gelten, wie wir mit heutigem Sach- und Kenntnisstand mit dem belasteten Erbe der Sammlungsexponate umgehen“, schreibt Lisa Felicitas Mattheis, Wissenschaftliche Direktorin der Kunsthalle Emden, zu der Ausstellung. Das betreffe sowohl die Frage nach den Provenienzen, also dem Ursprung, der Werke als auch diskriminierende Begriffe und Darstellungen – wie beispielsweise rassistische Titel oder visuelle antisemitische Chiffren – sowie letztlich die Biografien der Künstlerinnen und Künstler im Sammlungsbestand.

Ausstellungsbesucher können sich kritisch mit den Kunstwerken und der Geschichte der Künstler auseinander setzen. Hier ist eine Arbeit von Emil Nolde mit dem Titel "Zwei Männer im Gespräch" zu sehen.
Ausstellungsbesucher können sich kritisch mit den Kunstwerken und der Geschichte der Künstler auseinander setzen. Hier ist eine Arbeit von Emil Nolde mit dem Titel "Zwei Männer im Gespräch" zu sehen.

Ein dauerhaftes Verbannen einer ambivalenten Person wie Emil Nolde ins Depot komme für die Kunsthalle nicht in Frage. Vielmehr wolle man in ihrer Ausstellungstätigkeit einen reflektierten, sensiblen und zeitgemäßen Umgang mit Personen und Objekten der Sammlung sowie deren Inhalten anregen. Es gehe um Bildung, Genuss, Reflexion und Wissensaustausch sowie eine Auseinandersetzung mit der Kunst. Dem mündigen Publikum solle ein Einbezug ermöglicht werden, so Mattheis. Das Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner habe sich „im feingeistigen Sich-Hineinfühlen der ambivalenten Person Emil Nolde genähert und dabei die Größe bewiesen, immer wieder Abstand vom eigenen Handeln zu nehmen und ihre anfänglichen Annahmen offen und ehrlich zu revidieren“.

Kunsthallen-Gründer und die Nazis selbst auf Prüfstand

Henri Nannen (1913 bis 1996), Gründer der Kunsthalle, war in diesem Jahr selbst wegen seiner Nazi-Vergangenheit in die Kritik geraten. Das NDR-Funk-Reporterteam „STRG_F“ hatte im Frühjahr Details zu Nannens Aktivitäten im Zweiten Weltkrieg durchleuchtet. Der spätere Stern-Verleger hatte demnach im Auftrag der Nazis in einer SS-Propaganda-Einheit Flugblätter mit antisemitischen Inhalten erstellt und verbreitet. Nachdem der Stern angekündigt hatte, den Emder kritisch zu untersuchen, hatte auch die Kunsthalle mitgeteilt, „eine externe Historikerin oder einen externen Historiker mit einem entsprechenden Forschungsauftrag zu versehen“. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen veröffentlicht werden und „so für künftige Recherchen zur Verfügung stehen“, heißt es weiter. Als wissenschaftliche Institution wolle die Kunsthalle Emden die „differenzierte Auseinandersetzung mit historischen Fakten fordern und fördern“.

Eine Hand-Skulptur.
Eine Hand-Skulptur.

Für diesen Sonntag lädt die Kunsthalle Interessierte ab 15 Uhr zu einem „Artist Talk“, also einem Künstlergespräch, mit Lotte Lindner und Till Steinbrenner ein. Lisa Felicitas Mattheis und Kristin Schrader, Kuratorin der Ausstellung, führen die Unterhaltung. Für Ausstellungsbesucher ist die Veranstaltung kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Die neue Ausstellung geht bis zum 21. Februar. Kunsthalle ist regulär dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Jeden ersten Dienstag im Monat können Gäste bis 21 Uhr die Ausstellungen besichtigen.

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