Hamburg  Gerry Weber führt Vier-Tage-Woche ein – warum das keine gute Nachricht ist

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 10.11.2022 08:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gerry Weber sitzt in Halle (Westfalen). Foto: Imago images/snowfieldphotography
Gerry Weber sitzt in Halle (Westfalen). Foto: Imago images/snowfieldphotography
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Die deutsche Modemarke Gerry Weber erlaubt ihren Angestellten, ihre Arbeitszeit auf vier statt auf fünf Tage zu verteilen. Wie fortschrittlich ist das?

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Was wäre Dir lieber: Jeden Tag ein paar Stunden Erholung oder jede Woche drei Tage Wochenende? Vor dieser Wahl stehen Angestellte der deutschen Modemarke Gerry Weber künftig. Wie Vorstandsvorsitzende Angelika Schindler-Obenhaus der „Bild“-Zeitung sagte, dürfen sich die Angestellten entscheiden, ob sie lieber an vier oder fünf Tagen in der Woche arbeiten wollen.

20 Prozent weniger arbeiten für das gleiche Gehalt? Klingt nicht nur zu schön, um wahr zu sein – ist es auch. Denn an der Wochenarbeitszeit von 37 Stunden ändert sich erstmal nichts: Die Mitarbeiter haben lediglich die Möglichkeit, die Stunden auf vier Tage zu verteilen. Wer die Arbeitszeit zusätzlich oder stattdessen reduzieren möchte, verdient entsprechend weniger.

Während Gerry Weber die Vier-Tage-Woche durch eine Umschichtung der Arbeitszeit anbietet, reduzieren andere Unternehmen bei gleichem Gehalt die Wochenarbeitszeit. Sie setzen darauf, dass die Mitarbeiter motivierter und mit weniger Pausen ihre Arbeit in einer kürzeren Zeit schaffen können.

Auch in Norddeutschland gibt es einige Betriebe, die mit dem Konzept experimentieren. In der Agentur von Jens Hannemann in Eckernförde haben die Angestellten beispielsweise jede Woche Freitag frei – dafür müssen sie an den anderen Tagen eine halbe Stunde länger arbeiten. „Der Rest ist geschenkt“, sagte Hannemann dieser Redaktion. Damit ist er deutlich großzügiger als ein Hersteller für Wochenmarkt-Wagen aus Rotenburg (Wümme). Hier haben die Angestellten jeden zweiten Freitag frei, müssen dafür aber täglich eine halbe Stunde länger bleiben; ihr Arbeitgeber „schenkt“ ihnen gerade mal eine halbe Wochenarbeitsstunde.

Deutlich weiter gehen diese beiden Betriebe: Die Kanzlei von Steuerberater Erich Erichsen aus Schenefeld in Schleswig-Holstein hat für das fünfköpfige Team ebenfalls eine neue Arbeitszeitrechnung eingeführt. Von der üblichen 38,5-Stunden-Woche wurde kurzerhand auf 25 Stunden umgeschaltet – ohne das Gehalt zu kürzen. Das erste Fazit fiel positiv aus, wie Erichsen gegenüber unserer Redaktion schilderte.

Antonia Burgsmüller, Inhaberin des Friseursalons Hairvorragend in Wallenhorst, hat in diesem Frühjahr die Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden auf 32,5 Stunden reduziert – bei gleichem Gehalt.

„Die Vier-Tage-Woche beweist sich als gutes Instrument, vor allem zur Beschäftigungssicherung“, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann unserer Redaktion. „Die Beschäftigten profitieren von Sicherheit im Wandel, von einer besseren Work-Life-Balance und höherer Arbeitszufriedenheit.“ Das gilt allerdings nur, wenn die Wochenarbeitsstunden gesenkt werden. „An jedem der verbliebenen vier Tage einfach mehr zu arbeiten, erhöht den Stress und ist damit aus unserer Sicht keine Lösung“, hieß es von der IG Metall.  Die Gewerkschaft Verdi lehnt eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich generell nicht ab – vorausgesetzt sie geht mit einer entsprechenden Reduzierung der faktischen Arbeitszeit einher.

Ein Großteil der Deutschen würde gerne an vier statt an fünf Tagen arbeiten:

Skeptischer hingegen ist Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Dass die Vier-Tage-Woche in Deutschland eher selten vorzufinden sei, „hat sicher Gründe“, sagt er. „So sind die postulierten Produktivitätssteigerungen, die den Arbeitszeitverlust ausgleichen sollen, wohl in den meisten Betrieben illusionär“, so Schäfer.

Deutlich bedeckter gibt man sich bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). „Die Gestaltung der Arbeitszeit ist Kernkompetenz der Unternehmen und Sozialpartner. Hinweise aus der Politik helfen nicht bei der betrieblichen Praxis und sind deshalb nicht zielführend“, sagt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger unserer Redaktion.

Eine einheitliche Definition der Vier-Tage-Woche gibt es nicht: Manche verstehen darunter, dass die Arbeitszeit einer in Vollzeit beschäftigten Person auf vier Tage verteilt wird, für andere ist eine Arbeitszeitverkürzung maßgeblich damit verbunden. Zu dieser Gruppe gehören auch Andrew Barnes und Charlotte Lockhart. Sie unterstützen mit ihrer gemeinnützigen Organisation „4 Day Week Global“, Unternehmen, die Arbeitszeit zu reduzieren und trotzdem allen Mitarbeitern das volle Gehalt zu zahlen. Barnes führte 2018 in seinem Unternehmen „Perpetual Guardian“ die Vier-Tage-Woche ein, und schrieb auf diesen Erfahrungen aufbauend einen Leitfaden, wie andere Unternehmen ebenfalls bei gleichbleibender Produktivität die Arbeitszeit verkürzen können.

In Großbritannien haben Forscher die Auswirkungen einer echten Vier-Tage-Woche mit Arbeitszeitverkürzung getestet.  3300 Arbeitnehmer in 73 britischen Firmen arbeiteten nur noch 32 statt 40 Stunden.

Die Ergebnisse der Halbzeitumfrage:

Auch in anderen Ländern wird oder wurde mit der Vier-Tage-Woche experimentiert. In Island etwa zeigte eine Studie unter 2500 Beschäftigten, dass die Produktivität bei einer Vier-Tage-Woche und meist reduzierter Arbeitszeit größtenteils gleich blieb oder besser wurde. Belgien will die Vier-Tage-Woche sogar landesweit ermöglichen. Allerdings wird die wöchentliche Arbeitszeit nicht verkürzt.

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