Gedenken an die Pogromnacht  Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen

| | 09.11.2022 16:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Der 9. November ist der „Schicksalstag“ der Deutschen. Das sagte Gabriele Ostholthoff, 1. stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Westoverledingen, am Mittwochnachmittag während der Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht vor 84 Jahren. Foto: Ammermann
Der 9. November ist der „Schicksalstag“ der Deutschen. Das sagte Gabriele Ostholthoff, 1. stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Westoverledingen, am Mittwochnachmittag während der Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht vor 84 Jahren. Foto: Ammermann
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In Ihrhove fand am Denkmal eine Gedenkveranstaltung für die 13 jüdischen Mitbürger statt, die bis 1933 in Ihrhove gelebt haben und im Holocaust umgebracht wurden.

Ihrhove - Der 9. November ist der „Schicksalstag“ der Deutschen. Das sagte Gabriele Ostholthoff, 1. stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Westoverledingen, am Mittwochnachmittag während der Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht vor 84 Jahren. „An diesem Tag fanden die Novemberrevolution, der Hitlerputsch, die Reichspogromnacht und der Fall der Berliner Mauer statt“, führte Ostholthoff während ihrer Rede am Denkmal in Ihrhove aus. Das Denkmal soll an die 13 jüdischen Personen erinnern, die bis 1933 in Ihrhove gelebt haben und im Holocaust umgebracht wurden.

Der Holocausüberlebende Albrecht Weinberg sprach am Ende der Gedenkveranstaltung das Kaddisch, ein traditionelles Totengebet. Mit auf dem Bild ist Gerda Dänekas zu sehen. Foto: Ammermann
Der Holocausüberlebende Albrecht Weinberg sprach am Ende der Gedenkveranstaltung das Kaddisch, ein traditionelles Totengebet. Mit auf dem Bild ist Gerda Dänekas zu sehen. Foto: Ammermann

Am 9. November 1938 war die Reichspogromnacht. „An diesem Tag wurden im Deutschen Reich tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatlich gewollt waren. Es ist daher ein Tag, der uns heute mahnt. Nie wieder sollen in unserer Gesellschaft und bei uns vor Ort Minderheiten ausgeschlossen und verfolgt werden“, sagte die 1. stellvertretende Bürgermeisterin zu den zahlreichen Gästen. Unter ihnen war auch der Holocausüberlebende Albrecht Weinberg. Der 97-Jährige sprach am Ende der Gedenkveranstaltung das Kaddisch, ein traditionelles Totengebet.

Umgekommen im Holocaust

In ihrer Rede ging Ostholthoff darauf ein, dass der Ihrhover Heimatforscher Hermann Adams die Geschichte der jüdischen Familien aufgearbeitet hat. „Adams hat aber auch herausgefunden, was aus ihnen geworden ist. Er hat ihre Lebens-und ihre Todeswege nachvollzogen. Denn viele von ihnen sind ermordet worden. Umgekommen im Holocaust, wie sechs Millionen weitere Männer, Frauen und Kinder mit ihnen. Hermann Adams hat in seinem Buch ,Geboren in Ihrhove Westoverledingen – Umgekommen im Holocaust‘ die Geschichte für uns alle erinnerungsfähig gemacht, indem er die Schicksale der in Ihrhove geborenen Juden zum Nachlesen aufbereitet hat. Mit den Recherchen von Hermann Adams bekommt Westoverledingen einen Bezug zum Holocaust“, sagte Ostholthoff.

Am Denkmal, das an die 13 jüdischen ehemaligen Mitbürger erinnern soll, wurden anlässlich der Gedenkfeier Rosen niedergelegt. Foto: Ammermann
Am Denkmal, das an die 13 jüdischen ehemaligen Mitbürger erinnern soll, wurden anlässlich der Gedenkfeier Rosen niedergelegt. Foto: Ammermann

Anschließend trugen Kirsten Beening, Pressesprecherin der Gemeinde Westoverledingen, und Auszubildende der Gemeinde Porträts der 13 ehemaligen jüdischen Mitbürger vor und legten dann mit Schülern des Schulzentrums Collhusen, die die Gedenkveranstaltung zuvor mit einem musikalischen Beitrag bereichert hatten, Rosen am Denkmal nieder.

Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit

Nach Ansicht von Sascha Laaken, 1. stellvertretender Landrat, sei es wichtig, immer wieder an den 9. November 1938, der Reichspogromnacht, zu erinnern. „Auch heute gibt es wieder Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit, und diese Menschen leben unter uns, sie gesatalten auch Politik. Unsere Verantwortung ist es, diesen Menschen ständig entschieden entgegenzutreten“, so Laaken.

Die Geschichte der 13 jüdischen Mitbürger

Während der Gedenkfeier wurden Porträts der ehemaligen 13 jüdischen Mitbürger, die bis 1933 in Westoverledingen gelebt haben und im Holocaust umgebracht wurden, vorgelesen.

Kirsten Beening (am Mikrofon), Pressesprecherin der Gemeinde Westoverledingen, und Auszubildende der Gemeinde trugen Porträts der 13 ehemaligen jüdischen Mitbürger vor. Foto: Ammermann
Kirsten Beening (am Mikrofon), Pressesprecherin der Gemeinde Westoverledingen, und Auszubildende der Gemeinde trugen Porträts der 13 ehemaligen jüdischen Mitbürger vor. Foto: Ammermann

Sophie Benjamin

Sophie Benjamin wird am 6. November 1894 in Ihrhove geboren. Sie wächst in Leer-Loga auf, geht dort zur Schule und wird mit anderen Juden in der Pogromnacht zur Viehhalle nach Leer gebracht. Am 14. Juli 1939 emigriert sie mit ihrer Mutter in die Niederlande. Dort wird sie am 12. November 1942 ins KZ Westerbork gebracht und zwangsinhaftiert. Von dort wird Sophie Benjamin ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Auf dieser Fahrt kommt sie noch einmal in die Nähe der Stelle, wo heute das Denkmal steht, durch ihren Geburtsort Ihrhove. Am 16. Mai 1944 wird sie nach Auschwitz deportiert. Hier verliert sich ihre Spur. Sophie Benjamin wird laut dem Bundesarchiv für tot erklärt.

Hartog Cohen

Hartog Cohen wird am 25. Juni 1878 in Ihrhove geboren. 1882 zieht er mit seinen Eltern nach Leer-Loga um. Nach dem Tod des Vaters übernimmt Hartog dessen Betrieb als Viehhändler. Als Reaktion auf die Pogromnacht emigriert er mit seinen Geschwistern ins vermeintlich sichere Holland. Dort wird er am 12. November 1942 ins KZ Westerbork eingeliefert. Am 16. November 1942 wird Hartog nach Auschwitz deportiert und passiert ebenfalls wenige Meter von den heutigen Stelen entfernt noch einmal seinen Heimatort Ihrhove. Da er als fast 60-Jähriger zu den Alten zählt, wird er nach seiner Ankunft in Auschwitz direkt zu den Gaskammern und Krematorien gebracht. Offiziell gilt Hartog Cohen als vermisst. Er wird im Gedenkbuch des Bundesarchivs für tot erklärt.

Schüler des Schulzentrums Collhusen sangen ein Lied. Foto: Ammermann
Schüler des Schulzentrums Collhusen sangen ein Lied. Foto: Ammermann

Esther Cohen

Esther Cohen wird am 11. Januar 1881 in Ihrhove geboren. 1882 zieht Esther, auch Etti genannt, mit ihren Eltern und Bruder Hartog nach Leer-Loga. Nach dem Tod ihres Vaters eröffnet sie unter ihrem Namen ein Viehhandelsgeschäft in Leer. Als Reaktion auf die Pogromnacht in Leer emigriert auch sie mit ihren Geschwistern in die Niederlande. Am 9. März 1943 wird sie ins niederländische Konzentrationslager Westerborg deportiert. Schon zwei Wochen später wird sie mit anderen Insassen in Waggons verladen und in das Vernichtungslager Sobibor gebracht. Dort wird Cohen wahrscheinlich nach ihrer Ankunft am 26. März 1943 direkt in die Gaskammer geführt. Sie ist laut Bundesarchiv für tot erklärt worden.

Sara (Else) Isaak

Sara (Else) Isaak wird am 21. Oktober 1895 in Ihrhove geboren. Sara – Else genannt – besucht mit ihrer älteren Schwester die evangelisch-reformierte Schule in Ihrhove. Schon einen Monat nach ihrer Einschulung im Jahr 1901 verliert sie ihren Vater. Ein Schulprotokollheft aus Ihrhove weist ihre guten Noten aus. 1911 zieht Sara nach Leer, wo ihre Mutter ein kleines Manufakturgeschäft eröffnet. Sara betreibt später mit ihrer Schwester ein Hausiergewerbe und zieht damit überwiegend durch das Oberledingerland. Später arbeitet Sara als Küchenhilfe im jüdischen Krankenhaus in Hannover. Diese Anstellung endet am 15. Dezember 1941, als Sara ins Ghetto nach Riga deportiert wird. Dort muss sie im Heeresbekleidungslager arbeiten, bis sie 1944 ins Konzentrationslager Stutthoff bei Danzig deportiert wird. Dort findet Sara (Else) Isaak laut Bundesarchiv am 1. Oktober 1944 den Tod.

Jakob Isaak

Jakob Isaak wird am 6. April 1898 in Ihrhove geboren. Isaak besucht die Volksschule in Ihrhove und erlernt den Beruf des Einzelhandelskaufmanns. Er ist sportlich und gehört als Jugendlicher dem Fußballverein Germania Leer an. Im Ersten Weltkrieg kämpft Jakob Isaak als Landsturmrekrut in der Deutschen Armee, wofür man ihm noch 1935 das Ehrenkreuz der Frontkämpfer überreicht. Bereits 1931 hat er sich mit Behördenerlaubnis den Namen Albert Sachs geben lassen und ein Jahr später eine Christin geheiratet. Nach der Pogromnacht wird er zunächst ins KZ Buchenwald bei Weimar gebracht, jedoch als Weltkriegsteilnehmer wieder freigelassen. Als Jude einer sogenannten „Mischehe“ kommt er nicht ins KZ, er muss jedoch im Jahr 1942 mit französischen Kriegsgefangenen Reparaturarbeiten an der Bahnstrecke Hannover-Minden ausführen. Dabei kommt er in Stadthagen auf mysteriöse Weise ums Leben. Während damals hinter vorgehaltener Hand von einem gewaltsamen Tod gesprochen wurde, nennt das Bundesarchiv einen Freitod als Todesursache.

Israel Mindus

Israel Mindus wird am 25. März 1890 in Ihrhove geboren. Er besucht zunächst die Volksschule in Ihrhove, bevor er um 1903 mit seiner Familie nach Weener zieht. Israel wird Einzelhandelskaufmann, bildet sich zum Buchhalter weiter und arbeitet bis 1919 an verschiedenen Stellen in norddeutschen Städten. 1922 heiratet er in Emden. 1940 muss er mit einem Zwangstransport Ostfriesland verlassen, lebt kurzzeitig in Berlin, wird aber am 15. August 1942 ins Ghetto Riga deportiert. Dort wird Israel Mindus drei Tage später umgebracht. Seine Tochter wird fünf Tage danach und seine Frau zwei Monate später ermordet.

Hinderika Mindus

Hinderika Mindus wird am 22. August 1884 in Ihrhove geboren. Die ältere Schwester von Israel und Max Mindus wird 1891 zunächst in Jever eingeschult, wo ihre Eltern eine kurze Zeit lang gelebt haben. Später besucht Riekchen, so ihr Rufname, die Volksschule in Ihrhove. Als erwachsene Frau geht sie mit ihren Eltern und Geschwistern mit nach Weener. Danach zieht sie in die weite Welt und erlebt den Ersten Weltkrieg in Amerika. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland heiratet sie einen verwitweten Viehhändler in Leer. Da sie von Bekannten in den USA eine Bürgschaftserklärung bekommt, will sie mit ihrem Mann nach Amerika emigrieren. Von diesen Plänen erfährt jedoch die Geheime Staatspolizei, und der Leeraner Bürgermeister Drescher zieht ihre Reisepässe ein. 1940 wird Hinderika Mindus zwangsweise mit ihrem Mann nach Berlin umgesiedelt und am 15. August 1942 ins Ghetto Riga deportiert. Dort stirbt sie drei Tage später.

Zartje de Jonge

Zartje de Jonge geb. de Levie wird am 19. Dezember 1880 in Ihrhove geboren. Sie besucht die Volksschule in Ihrhove. Nach dem Tod ihrer Eltern kümmert sich ihre ältere Schwester um Zartje. Später nennt sie sich Sara und heiratet einen Viehhändler in Weener. Dieser darf unter den Nationalsozialisten sein Gewerbe nicht mehr ausüben, und Sara kommt mit ihrem Mann bei einer Verwandten in Minden unter. Von dort wird Zartje de Jonge über Theresienstadt am 15. Mai 1944 ins KZ Auschwitz deportiert und dort noch am selben Tag ermordet.

Gustav Nerden

Gustav Nerden wird am 18. Februar 1905 in Ihrhove geboren. Gustav wächst zunächst in Westrhauderfehn auf und besucht später die neue jüdische Schule in Leer. Mit seiner Familie emigriert er in die Niederlande. Dort heiratet er, bleibt aber kinderlos. Mit seinem Vater wird er am 5. Oktober 1942 ins KZ Westerbork eingeliefert und zwei Wochen später ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er Zwangsarbeit leisten muss. Am 4. Dezember 1942 wird er in den Krankenblock verlegt. Am Tag darauf wird Gustav Nerden als gestorben im Leichenbuch des Vernichtungslagers eingetragen.

Ester de Levie

Ester de Levie wird am 14. Januar 1866 in Oude Pekela in den Niederlanden geboren. Mit 21 Jahren heiratet sie in Ihrhove den Viehhändler Max Salomon Benjamin. Sie wird Mutter von drei Kindern, unter anderem von der bereits erwähnten Sophie Benjamin. Ihr Sohn Alex fällt im Ersten Weltkrieg an der Westfront in Frankreich. Nach der Pogromnacht 1938 flieht Ester nach Winschoten. Dort betreibt sie mit ihrer Tochter ein Gemischtwarengeschäft. 1942 wird sie zunächst ins KZ Westerbork eingeliefert und dann ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort kommt sie am 18. November 1944 um.

Ester de Levie

Ester de Levie wird am 2. Februar 1863 in Oude Pekela in den Niederlanden geboren. Sie heiratet am 24. Juni 1894 in Ihrhove den Witwer Hartog Polak. Im holländischen Goor bekommen sie mehrere Kinder. Ester ergeht es wie vielen anderen Juden. Sie wird am 20. April 1943 ins KZ Westerbork gebracht und von dort direkt über Ihrhove ins Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie am 23. April 1943 umgebracht wird.

Geertje de Levie

Geertje de Levie wird am 29. September 1862 in Oude Pekela in den Niederlanden geboren. Sie lebt dann Anfang der 1870er Jahre mit ihren Eltern in Ihrhove. 1833 heiratet sie in Ihrhove den Schlachter und Viehhändler Abraham Mindus. In Ihrhove werden auch ihre ersten vier Kinder geboren. Nach einer Zwischenstation in Jever, wo eine weitere Tochter geboren wird, zieht es sie zurück nach Ihrhove. Hier erblicken zwei weitere Kinder das Licht der Welt. Aus dem jüdischen Altersheim in Emden wird Geertje de Levie schließlich ins Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo sie am 17. Januar 1942 stirbt.

Abraham Nerden

Abraham Nerden wird am 13. Juli 1879 in Amsterdam geboren. 1903 zieht er mit Frau und Kind nach Ihrhove, wo er eine Leistengroßhandlung gründet. Er entscheidet sich für den christlichen Glauben und konvertiert zur altreformierten Kirchengemeinde Ihrhove. 1933 zieht Nerden mit seiner Familie in die Niederlande. Mit seinem Sohn Gustav wird er inhaftiert und ins KZ Westerbork eingeliefert. Am 20. April 1943 wird er mit weiteren 1165 Juden in Viehwaggons verladen und fährt wenig später in den Bahnhof von Ihrhove ein. Von hier geht die Fahrt weiter bis nach Sobibor, wo Abraham Nerden gleich nach seiner Ankunft umgebracht wird.

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