Berlin  Berechnen Sie selbst: Bin ich eigentlich arm?

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 08.11.2022 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Gegen Ende des Monats sind bei immer mehr Deutschen die Taschen leer. Foto: dpa/Heiko Wolfraum
Gegen Ende des Monats sind bei immer mehr Deutschen die Taschen leer. Foto: dpa/Heiko Wolfraum
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Bei steigenden Kosten für Lebensmittel und Energie fühlen sich immer mehr Menschen arm. Aber wer gilt offiziell als arm? Das ist ganz klar definiert.

Eine wachsende Anzahl von Menschen scheint Probleme zu haben, ihre Alltagskosten zu bestreiten. Das wird momentan an allen Ecken und Enden offensichtlich. Tafeln und Sozialkaufhäuser in der ganzen Republik verzeichnen wachsende Kundenzahlen. In seinem jährlichen Armutsbericht benennt der paritätische Wohlfahrtsverband eine deutlich wachsende Zahl von Armen. Immer mehr Menschen spüren, dass sie sich weniger kaufen können als früher. Aber ist das schon Armut?

In den Sozialwissenschaften gibt es zwei gängige Armutsbegriffe. Die absolute und die relative Armut. So viel sei gesagt: Absolute Armut dürfte in Deutschland quasi ausgerottet sein. Als absolut arm gilt, wer weniger als die Kaufkraft von 1,90 Dollar pro Tag (beim aktuellen Wechselkurs etwa 1,90 Euro) zur Verfügung hat. In vielen ärmeren Ländern sind solche Einkommen an der Tagesordnung, aber in Deutschland dürften sie dank Sozialstaat kaum vorkommen.

Deutlich häufiger ist hierzulande hingegen die sogenannte „relative Armut“. Hier gilt als arm, wer im Monat weniger als die Hälfte des Medianeinkommens zur Verfügung hat. Also des Einkommens, bei dem 50 Prozent der Deutschen mehr und 50 Prozent der Deutschen weniger Geld hat. Wer 60 Prozent des Medianeinkommens hat, gilt als „armutsgefährdet“. Mit untenstehendem Rechner des Instituts für Wirtschaft können Sie ausrechnen, wo Sie im Vergleich zum Rest der Republik stehen.

Freilich spielen auch diverse andere Faktoren eine Rolle. Etwa ob sie einen Migrationshintergrund haben, körperlich behindert sind oder alleinerziehend und nur eingeschränkt arbeiten können.

Hinzu kommt, dass sich der Geld-Bedarf nicht verdoppelt, wenn man zu zweit wohnt. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung etwa ist meist nicht doppelt so teuer wie eine Ein-Zimmer-Wohnung; zudem man sich hier teure Geräte wie eine Waschmaschine oder einen Kühlschrank teilen. Sozialwissenschaftler bilden also das sogenannte „Netto-Äquivalenz-Einkommen“.

Dieses wird berechnet, indem man die Summe der Netto-Einkommen durch die Summe der Personengewichte teilt (Der Hauptverdiener entspricht einer 1,0, jede weitere Person über 14 einer 0,5 und jedes Kind unter 14 einer 0,3). Dieses Netto-Äquivalenz-Einkommen liegt auch der offiziellen Armutsstatistik in der Bundesrepublik zugrunde. Mit den Zahlen aus dem Mikrozensus von 2020 ergeben sich folgende Armutsgrenzen:

Anhand dieser Messgrößen kommt der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem jährlichen Armutsbericht zum Beispiel auf 16,6 Prozent der Bevölkerung oder 13,8 Millionen Menschen, die von Armut betroffen sind. Laut den Experten des Wohlfahrtsverbands ein Rekordwert. Diese Zahl hat 2019 noch bei 15,9 Prozent der Bevölkerung gelegen.

Bei Rentnern liegt die Zahl mit 17,9 Prozent noch höher. Bei Kindern und Jugendlichen liegt sie sogar bei 20 Prozent.

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