Berlin Die Bindung zwischen Großeltern und Enkeln war noch nie so eng
Kinder werden immer länger in Kitas betreut, Großeltern wohnen oft weit weg von ihren Familien und haben – Reisen, Radfahren, Rätseln – eigene Pläne: Wie wichtig sind Oma und Opa noch für ihre Enkel?
Die Berliner Soziologin Dr. Katharina Mahne hat zu dem Thema geforscht und sagt: sehr wichtig. „Die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln ist in Deutschland sehr eng, und sie haben regelmäßigen Kontakt“, erklärt sie. Und zwar selbst dann, wenn Großeltern und Enkel nicht nah beieinander leben: „Das familiäre Gebilde basiert nicht zwangsläufig darauf, dass man sich oft live sieht. Die Beziehung zu den Enkeln kann auch über andere Kontaktformen stabil sein“, sagt Mahne.
Und die Beziehung zu den Enkeln bedeutet Oma und Opa offenbar viel: Bei einer Befragung des Deutschen Alterssurvey gaben über 90 Prozent an, dass die Großeltern-Rolle ihnen wichtig oder sehr wichtig ist.
Das untermauern auch Zahlen eines im Sommer vorgestellten Forschungsprojektes. Demnach beaufsichtigen Oma und Opa trotz Kitaausbau regelmäßig etwa ein Drittel der Krippenkinder und ein Fünftel der Grundschüler. Zwischen 20 und 40 Prozent der Mädchen und Jungen unter zehn Jahren werden von ihren Großeltern beaufsichtigt, die wiederum im Schnitt acht Stunden pro Woche im Enkeldienst sind.
Gefragt sind die Großeltern vor allem nachmittags und bei Betreuungsengpässen, also wenn Kinder krank werden oder die Kita schließt. „In Deutschland haben Großeltern eher eine Feuerwehr-Funktion, während sie in südeuropäischen Ländern, wo das Kitanetz weniger gut ausgebaut ist, als Mother-Savers dafür sorgen, dass Mütter überhaupt wieder erwerbstätig sein können“, bestätigt Katharina Mahne.
Mindestens Mütter-Entlaster sind Oma und Opa aber hierzulande auch: Die Zufriedenheit mit der eigenen Freizeit steigt bei Müttern, die ja immer noch die Hauptlast der Kinderbetreuung tragen, um 14 Prozent, wenn Oma und Opa engagiert sind.
Und was, wenn die Enkel keine Betreuung mehr brauchen? „Dann bleiben Großeltern wichtig – aber in der Rolle einer vertrauten Person, die da ist, wenn man sie braucht“, erklärt Katharina Mahne. 2014 sagten 70 Prozent der Großeltern, dass sie eine enge Beziehung zu ihren erwachsenen Enkeln haben. Oft ist das Verhältnis zu Oma und Opa unbelasteter als zu den Eltern, weil diese ihre Enkel nicht erziehen, sondern sich auf schöne Sachen konzentrieren können.
Die Soziologin erklärt:
Ob die jungen Leute den Senioren Tiktok und Fridays For Future erklären oder sich umgekehrt erzählen lassen, warum Oma kein Essen wegwerfen mag: „Durch die jeweils andere Generation bekommen sie Einblick in andere Themen“, weiß Katharina Mahne. Außerdem können Großeltern ihren Enkeln aus der Kindheit von deren Eltern erzählen, was viele Kinder und Jugendliche fasziniert.
Übrigens: Das Bild von der einstigen Großfamilie, in der mehrere Generationen über viele Jahre unter einem Dach lebten, sei in Teilen eine Mär, sagt die Soziologin. „Demografisch hat es sich erst in diesem Jahrhundert entwickelt, dass sehr viele Enkel noch lange etwas von ihren fitten Omas und Opas haben, weil die Menschen früher nicht so alt geworden sind.“
Zudem ist die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln heute weniger distanziert, dafür freundschaftlicher. „Die Bindung zwischen Großeltern und Enkeln war womöglich noch nie so eng wie heute.“