Eckernförde  Wegen geschlossener Geburtsstation: Ben-Luca kommt auf Parkplatz zur Welt

Gernot Kühl
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Von Gernot Kühl
| 08.11.2022 11:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Sarah Schulz und Ben-Luca sind wohlauf. Sie haben die außergewöhnliche Geburt am Sonntagabend im Rettungswagen auf dem Parkplatz eines Baumarkts gut überstanden. Foto: Annkathrin Brien
Sarah Schulz und Ben-Luca sind wohlauf. Sie haben die außergewöhnliche Geburt am Sonntagabend im Rettungswagen auf dem Parkplatz eines Baumarkts gut überstanden. Foto: Annkathrin Brien
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Das haben sich die Eltern anders vorgestellt. Am Sonntagabend ist erneut ein Kind auf dem Parkplatz eines Baumarkts zur Welt gekommen. Die nahe gelegene Geburtsstation: geschlossen. Der nächste Kreißsaal: eine Dreiviertelstunde entfernt.

Der Sonntag verlief bei Familie Schulz aus Rieseby (Schleswig-Holstein) vorerst ganz entspannt. Doch das änderte sich um 17.35 Uhr schlagartig: Bei der schwangeren Sarah setzten die Geburtswehen ein.

Jetzt musste schnell gehandelt werden. Ehemann André kümmerte sich um seine Frau, rief sofort ihre Hebamme Goda Messmer an. Die machte sich umgehend auf den Weg zur Uni-Klinik nach Kiel – dort sollte der Nachwuchs im Kreißsaal das Licht der Welt erblicken.

Das Ehepaar packte schnell alles Notwendige zusammen und stieg um 17.52 Uhr ins Auto. Mit dabei auch die fünfjährige Tochter Lara-Sophie, die auf dem Weg nach Kiel zu den Großeltern gebracht werden sollte. Doch nur zehn Minuten später wurden die Wehen immer stärker. „Das schaffen wir nie nach Kiel“, habe seine Frau ihm gesagt. Er sprach ihr Mut zu: „Wir schaffen das irgendwie.“

Das war zu optimistisch gedacht. Die Presswehen wurden so stark, dass an eine Weiterfahrt nicht mehr zu denken war. Es war 18.09 Uhr als der werdende Vater auf einen direkt an der Bundesstraße liegenden Parkplatz eines Baumarktes in Eckernförde fuhr.

Parallel telefonierte er mit der Hebamme, die bereits auf halber Strecke nach Kiel war und sofort wieder umdrehte. Er solle sofort über die Notfallnummer 112 einen Rettungswagen rufen, damit die Geburt nicht im engen Pkw stattfinden müsse, wies sie den Vater an. Dann rief sie eine Kollegin an, die schneller als sie selbst bei Mutter Sarah sein konnte.

Die verständigte Hebamme war am schnellsten vor Ort, dann kam der Rettungswagen (RTW). Kurz darauf traf auch die eigentliche Hebamme ein. Mit vereinten Kräften sorgten sie für eine sichere Geburt im RTW, in dem Sohn Ben-Luca schließlich um 18.30 Uhr auf die Welt kam. Mutter und Kind wurden anschließend in die Uni-Klinik nach Kiel gebracht und dort weiter versorgt.

Ehepaar Schulz und die beiden Hebammen dankten dem Rettungsteam, das freundlich, kompetent, mit Ruhe und Besonnenheit die Geburt begleitet habe – und nicht zuletzt Mutter und Kind einen warmen und geschützten Raum zur Geburt bieten konnte.

„In die nächste Geburtsstation nach Eckernförde hätten wir es geschafft, aber die ist leider geschlossen“, sagte der Vater. Von ihrem Wohnort bis dorthin wäre es nur eine Viertelstunde gewesen. Bis nach Kiel ist es eine Dreiviertelstunde.

Geschlossen wurde die Geburtshilfe in der Eckernförder Klinik vor einem Jahr aufgrund einer internen Untersuchung, nachdem dort ein Baby bei der Geburt verstorben war. Ben-Luca ist nicht das erste Kind, das seitdem trotzdem in der Stadt zur Welt gekommen ist. Bereits im Januar diesen Jahres schaffte es eine werdende Mutter nicht bis nach Kiel und entband auf eben diesem Baumarktparkplatz.

Hebamme Goda Messmer freut sich mit Familie Schulz über den glücklichen Ausgang dieser ungewöhnlichen Geburt, muss aber auch Kritik anbringen: „Dieser Fall zeigt wieder, dass die Zentralisierung insbesondere der Geburtshilfe eine Katastrophe ist. Lange Wegstrecken und mangelnde Kapazitäten in den Kliniken sind die Folge. Diese Situation ist nicht speziell ein Eckernförder Problem, das hätte überall geschehen können, wo erreichbare Kliniken und Geburtshilfestationen geschlossen werden.“

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