Osnabrück  Museen als Energiefresser: Brauchen wir eine Triage für Kunstwerke?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 04.11.2022 18:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Jedes Bild eine Insel? Besonders kostbare Kunstwerke, wie dieses Gemälde im Museumsquartier Osnabrück werden in besonderen Rahmen einzeln klimatisiert. Foto: Jörn Martens
Jedes Bild eine Insel? Besonders kostbare Kunstwerke, wie dieses Gemälde im Museumsquartier Osnabrück werden in besonderen Rahmen einzeln klimatisiert. Foto: Jörn Martens
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Triage für Kunstwerke? Trotz Energiekrise lehnen Museumsleute im Norden das ab. Gleichzeitig wird in den Kunsttempeln längst umgedacht, wenn es um Verbrauch und Klimabilanz geht.

Kunstgenuss kostet Strom: „Um das Raumklima in Ausstellungsräumen stabil zu halten und Luftfeuchtigkeit auszugleichen, braucht man viel Energie. Ein Museum ist einfach energieintensiv“, sagt Alexander Klar, Direktor der Hamburger Kunsthalle. Sein Kollege Nils-Arne Kässens vom Museumsquartier in Osnabrück pflichtet bei: „Klimaanlagen haben großen Energiehunger. Darauf können wir nur begrenzt Einfluss nehmen“.

Museen gleichen Kühlschränken. Auch sie laufen ständig. Warum? Weil sie Kulturgut erhalten sollen, indem sie es aufbewahren, so, wie es ist.

Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind die Marker des Raumklimas in Museen. Sie werden ständig stabil gehalten, für Exponate in den Ausstellungen und in den Magazinen. Dabei haben die Häuser unterschiedliche Bedingungen.

„Die Energiesteuerung einzelner Räume ist schwierig“, sagt zum Beispiel Thorsten Sadowsky, neuer wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen. Gerade ein Bau wie jener des Schlosses Gottorf ist kaum durchgehend zu klimatisieren.

Was sich gerade ändert: Museumsleute denken gerade um. „Wir haben die hohen Kosten des Energieaufwands schon lange im Blick“, sagt Ilka Erdwiens, Sprecherin der Kunsthalle Emden und betont: Da die Kunsthalle als Stiftung aufgestellt ist, schießt die öffentliche Hand nicht einfach Geld für hohe Kosten nach. Sparen ist angesagt, auch in den Tempeln splendiden Kunstgenusses. Alexander Klar von der Hamburger Kunsthalle präzisiert weiter: „Die Energiekrise ist ein Treiber. Sie liefert eine großartige Argumentationshilfe für Maßnahmen zum Klimaschutz, auch in Museen“.

Der Klassiker: In vielen Museen sind die alten Halogenlampen durch LED-Leuchten ersetzt worden. Außerdem werden auch in den Museen die Heizungen gerade abgeregelt. „Besucher dürfen, wenn es trocken ist, ihre Mäntel anbehalten. Und auch die Aufsichten ziehen sich etwas wärmer an“, berichtet Ilka Erdwiens aus Emden. Das ist das Brot-und-Butter-Geschäft des Energiesparens.

Videokonferenz statt Flugreise: Einsparungen werden aber auch im Betrieb der Museen fällig. Die hohe Taktzahl der Wechselausstellungen, die vielen Reisen von Kurieren und Kuratoren – all das steht gerade auf dem Prüfstand. Die Hamburger Kunsthalle etwa hat die Reisen ihrer Kuratoren nach den Worten ihres Direktors Alexander Klar schon um ein Drittel reduziert.

Längst ist im Leihverkehr die „digitale Begleitung“ der neue Trend. Kuriere reisen nicht mehr selbst, wenn kostbare Exponate für Ausstellungen auf Reisen gehen, sie bleiben per Bildschirm dran. Immer häufiger einigen sich auch benachbarte Museen darauf, dass ein Kurator die Bilder aus zwei oder drei Häusern zum Zielort einer Sonderausstellung begleitet. Im Fußball mögen Hamburg und Bremen wie Hund und Katze sein, die Museen aber arbeiten in diesem Sinn längst zusammen.

Klimakorridor wird weiter: Der wirkliche Knackpunkt der Museumsarbeit aber liegt im Umgang mit den eigenen Beständen. Deren Klimatisierung kostet viel Geld. Bislang liegen die Standards hoch, um Kulturschätze sicher durch die Zeiten zu bringen. Aber inzwischen werden strenge Maßstäbe aufgeweicht. „Museumsleute überlegen, im Zeichen des Klimaschutzes von rigiden Klimawerten, die für den Erhalt von Kunstschätzen angelegt werden, abzugehen. Mit der Klimakrise ist das denkfähig geworden“, verdeutlicht Alexander Klar aus Hamburg.

Wenn es um Klima und Energieverbrauch geht, werden Museen inzwischen nicht mehr durchgehend als eine Einheit gesehen, sondern nach Raumzonen aufgeteilt. Nils-Arne Kässens aus Osnabrück und Thorsten Sadowsky aus Schleswig berichten davon, dass in ihren kulturgeschichtlichen Sammlungen auch mit, so Kässens, „Insellösungen“ gearbeitet wird.

Kunst im Wertewandel? Der Zwang, etwas für den Klimaschutz zu tun, verändert offenbar gerade den Umgang mit Kunstschätzen und ihrem Erhalt. „Es geht gegenwärtig um einen Abgleich der Werte: Kunsterhalt versus Klimaschutz. Dabei wird darüber nachgedacht, Standards des Erhalts herabzusetzen“, macht Alexander Klar von der Hamburger Kunsthalle auf das Grundsatzproblem aufmerksam. Die strengen, dadurch aber auch energieaufwändigen Standards moderner Museen erscheinen immer mehr als historischer Sonderfall.

Auch kostbarste Bilder wurden nicht immer in Watte gepackt. „Die Mona Lisa hat bislang rund 500 Jahre überstanden, davon nur die letzten 30 unter den Bedingungen einer sehr guten Klimatisierung“, sagt Alexander Klar.

Der Hamburger Museumsdirektor weiß aber auch, wo für ihn die Grenzen sind – nämlich dort, wo sein Haus im internationalen Leihverkehr weiter mitspielen muss, um auf einem hohen Qualitätslevel bleiben zu können: „Der Facility Report der Hamburger Kunsthalle ist weiterhin makellos. Insofern ist unser Haus durch Fragen des Klimaschutzes beim internationalen Leihverkehr von Kunstwerken nicht eingeschränkt“, macht Klar deutlich, dass die Geschäftsgrundlage in seinem Haus weiter stimmt, wenn es um den peniblen Umgang mit kostbaren Bildern geht.

Triage für Kunstwerke? Museumsleute werden auch dann deutlich, wenn es um den Gedanken geht, dass vielleicht nicht alle Kunstwerke, die ihr Haus aufbewahrt, erhalten bleiben müssen. Brauchen wir eine Triage für Kunstwerke, eine Unterscheidung nach Spitzenstücken und Depotware, um beim Energiesparen in den Kunsthäusern weiterzukommen? Thorsten Sadowsky aus Schleswig und Nils-Arne Kässens aus Osnabrück zögern. Das eine Exponat, das sie allen anderen vorziehen würden, haben sie nicht.

„Eine Triage von Kunstwerken wird es nicht geben. Das ginge zu weit. Die Einschätzung von Kunstwerken ändert sich mit der Zeit. Museen sind Speicher, die Kunst auf lange Sicht bewahren und damit auch für neue Bewertungen bereithalten“, hält Alexander Klar seinen Kurs. Der Grund: Kunstwerke werden von jeder Generation neu gesehen. Welche von ihnen wirklich wichtig sind, wird in jeder Zeit neu beantwortet.

Und der schlimmste Fall? Während Museumsleute ihre Maßstäbe im Hinblick auf Energieeinsparung neu justieren, denken sie nur mit Unbehagen an den absoluten Notfall. Was passiert bei einem Energieausfall? „Dann hätten wir ein Szenario, auf das wir nur schwer reagieren könnten“, sagt Thorsten Sadowsky vom Schloss Gottorf in Schleswig. Wer die Energiezufuhr ganz kappt, unterbricht nicht nur den Museumsbetrieb, sondern setzt auch den Erhalt von Kulturschätzen auf das Spiel.

Nils-Arne Kässens aus Osnabrück spricht von Notfallplänen, die ausgearbeitet werden, um gegebenenfalls Ausweichdepots zu finden. Sogar Notfallkoffer gibt es nach seinen Worten im Osnabrücker Museumsquartier. Was ist da drin? „Taschenlampen und Handschuhe zum Beispiel“, sagt Kässens und man merkt, dass er diese Koffer gern geschlossen lassen würde.

Und wie wird der Winter? Wenn es um den Winter geht, sind sich die Museumsleute einig: ihre Häuser sollen offenbleiben. Zu tief sitzt der Schock der Corona-Krise, als Kulturhäuser mit Freizeiteinrichtungen auf eine Stufe gestellt und reihenweise kurzerhand geschlossen wurden. „Ich gehe davon aus, dass Museen im Winter offenbleiben werden“, gibt sich Alexander Klar optimistisch.

Sein Osnabrücker Kollege Kässens verweist auf Museen als Bildungseinrichtungen: „Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, dass Museen Orientierung geben, weil sie Geschichte und Identität vermitteln“. Dabei ist klar, dass Museen eben auch Orientierung vermitteln, wenn es um Klima und Energie geht. Hinter den Fassaden der Musentempel hat das Umdenken längst begonnen.

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