Berlin Das sagen die Einsatzkräfte zur möglichen Schuld der „Letzten Generation“
In Berlin gerät eine Radfahrerin unter einen Betonmischer. Klimaaktivisten, die zur selben Zeit eine Stadtautobahn blockieren, werden für ihren Hirntod verantwortlich gemacht. Denn ein Einsatzwagen kam wegen eines Staus verspätet zur Unfallstelle. Der Versuch einer Rekonstruktion.
Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ blockieren in Berlin die A 100, verursachen einen Stau und sorgen so dafür, dass ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr verspätet zu einem Unfall kommt. Eine 44-jährige Radfahrerin war kurz zuvor von einem Betonmischfahrzeug überrollt und eingeklemmt worden - die Berliner Feuerwehr forderte dafür eines von drei Rüstfahrzeugen an. Wegen des Staus trifft das Spezialfahrzeug verspätet ein. Die Frau wird nach drei Tagen für tot erklärt. Der genaue Unfallhergang ist noch ungeklärt.
Schaut man sich die zeitlichen Abläufe genauer an, wirkt die Schuldfrage nicht ganz so eindeutig.
Der Berliner „Tagesspiegel“ veröffentlichte kurz nach dem Unfall ein Protokoll der Ereignisse. Demnach wurde das Spezialfahrzeug der Feuerwehr, ein sogenannter Rüstwagen (RW3), um 8.26 Uhr alarmiert, um die Radfahrerin zu bergen. Der Rüstwagen verfügt über spezielle Hebe- und Drucksysteme, die so besonders schwere Fahrzeuge bewegen können. Bis zum Unfallort sind es circa sieben Kilometer - eine Strecke, die normalerweise in zehn bis zwölf Minuten zu schaffen sei. Wegen des Staus auf der A 100 brauchte das Fahrzeug aber 19 Minuten.
Die Rettungskräfte des RW3 nutzen laut „Tagesspiegel“ die ihnen bekannte und vor allem schnellste Strecke über die Stadtautobahn A 100. Seit 7.20 Uhr blockierten dort zwei Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ einen Abschnitt der Autobahn, indem sie auf ein Autobahnschild kletterten. Der Polizei war die Aktion bekannt, die Aktivisten informierten sie kurz vorher - woraufhin die Beamten zwei der drei Spuren vorläufig sperrten.
Wieso die Rettungskräfte des RW3 nicht einen anderen Weg, als den über die Autobahn nutzen, ist aktuell unklar. Die A 100 ist bekannt für stockenden Verkehr. 43.858 Kilometer beträgt die Gesamtlänge aller Staus in Berlin im Jahre 2021, die meisten Abschnitte fielen dabei auf die A 100.
Dass es in Berlin und anderen Großstädten regelmäßig zu Staus kommt, ist kein Grund für Rettungskräfte, die eigentlich schnellste Strecke nicht trotzdem zu nutzen. Schließlich sind Autofahrer vor allem auf Autobahnen verpflichtet, Rettungsfahrzeugen mit dem Bilden einer Rettungsgasse den Weg freizumachen. Laut einer Anfrage des „Tagesspiegels“ bei der Berliner Feuerwehr sei das auch am Unfalltag kein Problem gewesen.
In diesem Fall kam erschwerend hinzu: Der RW3 ist ein Fahrzeug mit über 8,6 Metern Länge und 2,5 Metern Breite. Die Bildung der Rettungsgasse sei laut einem mit dem Einsatz vertrauten Feuerwehrmann nur „etappenweise“ passiert, auch wegen der Größe des Fahrzeuges.
Wie viel schneller das Rettungsfahrzeug durch eine korrekte Rettungsgasse gewesen wäre, ist aktuell unklar. Jedoch verspäten sich Einsatzkräfte laut einer Umfrage des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) von 2018 regelmäßig, weil sie durch dichten Stadtverkehr nicht durchkommen. In mehr als einem Drittel der Einsätze machten Fahrer den Weg für die Rettungskräfte nur nach Aufforderung frei, mehr als 20 Prozent der Fahrer reagierten gar nicht. Für die Retter bedeuteten die Blockaden laut DRK im Schnitt geschätzt fünf Minuten Zeitverlust.
Als der Rüstungswagen nach 19 Minuten am Unfallort in Berlin ankommt, es ist mittlerweile 8.45 Uhr, läuft die Rettungs- und Bergungsaktion für die Radfahrerin bereits. Schon bevor der Wagen eintrifft, versammeln sich laut „Tagesspiegel“ Dutzende Einsatzkräfte vor Ort. Die Unfallstelle ist weiträumig abgesperrt.
Die Kollegen, die auf das Sonderfahrzeug nicht mehr warten konnten, mussten „improvisieren“, wie der „Tagesspiegel“ weiter schreibt. Konkret bedeutet das, dass die Radfahrerin ohne die Hilfe des RW3 geborgen und unter dem Betonmischer hervorgezogen wurde. Sie wird mit einem anderen Fahrzeug auf die Intensivstation gebracht - der Rüstwagen ist ausschließlich für spezielle technische Hilfeleistungen konzipiert, wie es auf der Seite der Berliner Feuerwehr heißt.
Ob eine frühere Ankunft des RW3 Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Radfahrerin gehabt hätte, dazu machte die Polizei keine Angaben. Laut einem internen Vermerk der Feuerwehr, den die Süddeutsche Zeitung (SZ) einsehen konnte, soll der Stau, den die Klimaaktivisten verursacht haben, keinen Einfluss auf die Versorgung der verstorbenen Fahrradfahrerin gehabt haben.
Das Unfallopfer sei vor Ort von einer Notärztin versorgt worden, die durch den Stau nicht gehindert wurde. Während der RW3 im Stau stand, soll die Ärztin entschieden haben, den Betonmischer nicht anheben zu lassen - stattdessen sollte sich das Fahrzeug mit eigener Kraft fortbewegen. Nach Einschätzung der Rettungskräfte sei der Einsatz des Spezialfahrzeugs letztlich medizinisch nicht angezeigt gewesen, heißt es in der SZ. Die Berliner Innensenatorin sei darüber bereits informiert worden - den Vermerk hatte die Berliner Feuerwehr bereits am Dienstag verschickt.
Ob die Klimablockade im kausalen Zusammenhang mit der Verspätung steht, sollen nun laut Polizei Sachverständige prüfen. Die Polizei ermittelt zudem gegen zwei 63 und 59 Jahre alte Klimaaktivisten wegen unterlassener Hilfeleistung beziehungsweise der Behinderung hilfeleistender Personen.