Politik Ein Jahr Bürgermeisterin in Papenburg
Was hat die 33-jährige Sozialdemokratin Vanessa Gattung von ihren Wahlversprechen bisher umgesetzt? Dafür hat sich die Redaktion ihre Zeit im Rathaus angesehen.
Papenburg - Wahlversprechen, Auftreten, Diplomatie, Social Media: Unsere Redaktion hat sich das erste Amtsjahr von Papenburgs Bürgermeisterin Vanessa Gattung genauer angesehen – und stellt der Sozialdemokratin folgendes Zeugnis aus.
Am 1. November 2021 übernahm Vanessa Gattung (SPD) nach ihrem überraschend deutlichen Wahlerfolg das Bürgermeisteramt in Papenburg von ihrem Vorgänger Jan Peter Bechtluft (CDU). Das erste weibliche Stadtoberhaupt in der Geschichte der Fehnstadt startete seinen Dienst voller Enthusiasmus. Was ist nach dem ersten Amtsjahr davon übrig geblieben? Eine Analyse.
Wahlversprechen: Gattung kündigte eine bessere Kommunikation der Verwaltung sowie mehr Transparenz und Bürgerbeteiligungen an. Auch die Themen „Wohnen“ und „Infrastruktur“ (womit sie den schlechten Zustand der Straßen und Radwege meinte) schrieb sich Gattung oben auf ihre Agenda – ebenso wie ein unternehmensfreundlicheres Papenburg.
Nach einjähriger Amtszeit muss der 33-jährigen Verwaltungschefin attestiert werden, dass sie diese Versprechen bislang nur bedingt eingelöst hat. Was die Schaffung von mehr Wohnraum und ein Auflösen des Investitionsstaus auf Papenburgs Straßen und Radwegen betrifft, können der im Wahlkampf selbst ernannten „Macherin“ gleichwohl wenige Vorwürfe gemacht werden. Zu viel Zeit nehmen Planungs- und Genehmigungsverfahren in Anspruch, zu viele Akteure sind in die Abläufe involviert. Kritik der CDU wies Gattung daher zu Recht auch zurück.
Kommunikation: Was die bessere Kommunikation, Transparenz und Bürgerbeteiligung betrifft, lohnt ein Blick auf das Thema, das die Bürgermeisterin in ihrer ersten Amtszeit – zumindest in der Öffentlichkeit – am meisten beschäftigt haben dürfte: die Pläne für eine Freizeitanlage, die zunächst im Stadtpark und dann im Volkspark Bokel realisiert werden sollte. Beide Versuche scheiterten, Investor Frank Fennen warf entnervt das Handtuch.
Sowohl bei den Plänen im Stadtpark als auch im Volkspark fühlten sich Anwohner wie Gegner nicht ausreichend von der Verwaltung mitgenommen. Kritik, die sich Gattung ankreiden lassen muss. So erklärte die Verwaltungschefin beispielsweise nicht, nach welchen Kriterien mögliche Standorte im Stadtgebiet ausgesucht wurden – oder eben nicht. Für künftige Vorhaben besteht definitiv noch Luft nach oben.
Verbindlich, aber auch unsicher
Auftreten: Stets verbindlich und offen kommt Gattung in ihrem ersten Bürgermeisterjahr daher. Den ersten Kontakt zum Bürger beherrscht sie. Unsicherer wirkt die 33-Jährige aber bisweilen, wenn es tiefer in die inhaltliche Auseinandersetzung geht. Nicht selten blickt Gattung in politischen Sitzungen noch hilfesuchend zu ihrem Vertreter im Rathaus, dem erfahrenen Ersten Stadtrat Hermann Wessels (CDU).
Auch nach einem Jahr darf die Sozialdemokratin gleichwohl noch als Neuling auf dem Posten der Verwaltungschefin gesehen werden. Als Stadtoberhaupt darf dieser Zustand aber nicht mehr allzu lange andauern.
Es wird Zeit, dass Gattung eigene Akzente setzt und ihre Handschrift sichtbar wird. Deutlich wurde in den ersten zwölf Monaten ihrer Amtszeit auch, dass die anfängliche Euphorie etwas nachgelassen hat. Der neuen Bürgermeisterin dürfte schnell klar geworden sein, dass die Mühlen in einem Rathaus doch etwas langsamer mahlen, als sie es sich mit Blick auf schnelle Umsetzungen von Wahlversprechen gedacht haben mag.
Es werden klare Standpunkte erwartet
Diplomatie: Auf dieser Ebene versucht Gattung noch zu viel, es jedem recht machen zu wollen. Der Ruf nach Bürgerbeteiligungen ist berechtigt, von einer Bürgermeisterin werden aber auch klare Standpunkte erwartet. Zu selten ist bislang zu sehen, dass die 33-Jährige mit einer Position vorweg geht und zu dieser steht, auch wenn in der Debatte mal Gegenwind aufkommt.
Social Media: Böse Zungen beschreiben Gattung als „100-Bäume-Bürgermeisterin“, die sie zu Beginn ihrer Amtszeit pflanzte, was sie auf ihren Social-Media-Kanälen auch intensiv präsentierte. Ohnehin ist Gattung digital stark präsent, was nicht verwerflich ist. Dass sie den Austausch zur Online-Zielgruppe beherrscht, wurde bereits im Wahlkampf deutlich. Problematisch wird es nur, wenn die „Schön-Wetter-Posts“ überhand nehmen und Akzente in der analogen Welt fehlen.
Wie wird ihre Amtszeit benotet?
Die Zeugnisnote: Für ihr erstes Amtsjahr stellt unsere Redaktion der Bürgermeisterin als Note eine „4+“ aus. Für das erste Jahr als Stadtoberhaupt sind Gattungs Leistungen ausreichend, für die noch verbleibenden vier Jahre in dieser Legislaturperiode wird das aber nicht mehr reichen. Die Sozialdemokratin hat sich noch nicht frei geschwommen, wird dies aber schnell machen müssen. Sonst wird es ungemütlich. Der „Neuling“-Bonus greift ab sofort nicht mehr.
Gerne hätte unsere Redaktion auch eine eigene Einschätzung der Bürgermeisterin zu ihrem ersten Amtsjahr mit in den Artikel einfließen lassen. Doch sowohl die Anfrage nach einem persönlichen Gespräch als auch die Beantwortung der am 21. Oktober eingereichten Fragen wurden aus dem Rathaus mit Verweis auf einen vollen Terminkalender der Verwaltungschefin negativ beschieden. Für einen eigenen Rückblick hat es trotz der Termindichte aber gereicht. Dabei greift Gattung vornehmlich weiche Faktoren wie den Christopher Street Day in Papenburg oder das Kinderbuchfestival am Hauptkanal auf. Wirtschaftliche Themen spielen in dem Rückblick ebenso keine Rolle wie die gescheiterte Freizeitanlage im Volkspark Bokel.