Recklinghausen Warum Martin Brambach weder „Pegida“ noch „Fridays for Future“ verurteilt
Tatort-Star Martin Brambach (55) spricht im Interview darüber, wie ihm die Krisen der Welt aufs Gemüt schlagen und warum er skeptisch gegenüber Social Media ist.
Es ist nicht gerade einfach, in einem Recklinghäuser Straßencafé ein Interview mit Tatort-Star Martin Brambach (55) zu führen. Immer wieder wird der populäre Schauspieler von Passantinnen erkannt, die ohne ein Selfie nicht weiterziehen wollen. Zwischendurch erzählt er, was ihn bewegt.
Frage: Herr Brambach, nach unserem letzten Interview lautete die Überschrift „Sehr, sehr glücklich“. Würden Sie das heute, fünf Jahre später, immer noch von sich sagen, oder haben Ihnen die ganzen Krisen der letzten Jahre doch ein bisschen aufs Gemüt geschlagen?
Antwort: Die haben mich mitgenommen. Corona hat mich mitgenommen, aber auch die gesellschaftlichen Verwerfungen, die es dadurch gab. Dass direkt darauf auch noch dieser Krieg mit seinen verschiedensten Auswirkungen kam, war schon extrem heftig. Gleichzeitig werden die Meinungskorridore immer enger. Man muss doch darüber reden dürfen, ob man schwere Waffen liefert oder nicht. Dass man Leute in Not unterstützt und versucht, Putin in seinem Großmachtsstreben aufzuhalten, ist überhaupt keine Frage. Aber was man macht und wie man es macht, muss doch gesellschaftlich breit diskutiert und nicht immer nur durch die moralische Keule entschieden werden. Das war bei Corona auch schon so.
Frage: Die Moral…
Antwort: Natürlich ist Moral wichtig – sie ist ja das, was uns zusammenhält. Aber trotzdem muss es die freie Argumentation geben. Es gibt nicht nur Gut und Böse, richtig und falsch. Wenn Leute auf die Straße gehen und protestieren, weil sie Angst vor den Energierechnungen haben, wird ihnen vorgeworfen, sie gingen mit den Rechten auf die Straße, und ihr Anliegen wird niedergemacht. Aber das Problem verschwindet dadurch ja nicht.
Frage: Was heißt das?
Antwort: Dass wir da aufpassen müssen. Bei uns gibt es eine immer stärkere Polarisierung auch über die sozialen Netzwerke, aber wir gehören alle zu diesem Land. Die „Fridays for Future“-Leute gehören genauso zu dieser Gesellschaft wie Menschen, die auf eine andere Art protestieren – und seien es die, die zu Pegida gehen. Auch die sind Wähler, Steuerzahler und Menschen, die das soziale Leben mitbestimmen. Wir müssen mit allen reden, und wir müssen alle in ein Boot holen, eine andere Chance haben wir gar nicht. Aber im Moment knallt es nur auseinander, und zwar von allen Seiten. Das macht mir große Sorgen.
Frage: Ist denn von dem „Sehr, sehr glücklich“ vielleicht noch ein „Glücklich“ übrig geblieben?
Antwort: (Lacht) Vorsichtig formuliert: Ich bin nicht unglücklich.
Frage: Was macht für Sie Glück aus? Was muss da zusammenkommen?
Antwort: Glück sind ja immer nur Momente, und wenn ich auf mein Leben gucke, kann ich immer noch sagen: Ich habe ein sehr glückliches Leben. Und ich habe sehr viel Glück im Leben. Andererseits bringt es das Älterwerden auch mit sich, sich mehr Sorgen zu machen, sich mehr mit der Gesellschaft zu beschäftigen, eine wachsende Verantwortlichkeit zu spüren. Das lässt die ganze Sache fünf Jahre später vielleicht nicht mehr ganz so leicht erscheinen.
Frage: Worin besteht Ihr Glück?
Antwort: Ich habe eine glückliche und schöne Ehe, gesunde Kinder und beruflich das wahnsinnige Privileg, dass ich seit so vielen Jahren gut zu tun habe – was will man denn mehr?
Frage: Sie haben vor ein paar Jahren mal Achtsamkeitsseminare besucht – ist das ein gangbarer Weg, Glück zu suchen und zu finden?
Antwort: Das ist ein Weg, den ich weitergehe und der hoffentlich nie aufhört. Es gibt im Asiatischen diesen schönen Begriff „do“ – man begibt sich auf einen Weg, nicht nur physisch, sondern auch geistig. Der Stress und die Sorgen, die man hat, entstehen ja in einem selber und sind in meinem Kopf. Damit umzugehen, sich selbst ab und zu mal positiv zu stimmen und die Dinge auf ein Maß herunterzustutzen, das sie eigentlich verdienen, dazu muss man sich kennen und mit sich arbeiten.
Frage: Sie machen das also bis heute?
Antwort: Ja, ich habe Fortsetzungsseminare und ein Achtsamkeitsyoga-Seminar gemacht, und ich meditiere regelmäßig. Es gibt ein paar Meditationen, die mir sehr helfen, und das spielt eine immer größere Rolle, je älter ich werde.
Frage: Wie sind Sie damals darauf gekommen?
Antwort: Aus der Not. Ich habe drei Filme parallel gedreht, hatte massive Schlafprobleme und ein bisschen wohl auch einen Burn-out. Dadurch bin ich auf die Achtsamkeitsseminare gekommen, um den Umgang mit mir selbst zu verändern.
Frage: Und das hat funktioniert?
Antwort: Ich bin dabei. Es ist ein steter Kampf, der noch nicht gewonnen ist. Ich rauche zum Beispiel noch – es gibt immer solche Sachen, an denen man sich festhält. Früher war es so, dass ich, wenn es mir schlecht ging, dachte: Trink mal ein paar Bier, dann geht’s dir besser. Heute weiß ich: Das hilft mir vielleicht für den Abend, aber am nächsten Tag habe ich Kopfschmerzen, und die Probleme sind auch nicht weg.
Frage: Ist Essen für Sie eigentlich auch manchmal mit Glücksgefühlen verbunden?
Antwort: Auf jeden Fall. Man ist, was man isst – was ich verspeise, wird ja ein Teil von mir. Eine der ersten Übungen im Achtsamkeitsseminar ist es, eine Rosine zu essen. Man bekommt eine Rosine in die Hand und muss die Konsistenz dieser Rosine prüfen. Dann daran riechen, mit der Zunge und den Lippen schmecken. Es beschreiben. Erst dann nimmt man die Rosine in Mund – und wenn man sie dann kaut und runterschluckt, hat man ein irrsinniges Geschmackserlebnis, was man sich vorher gar nicht vorstellen konnte.
Antwort: Das liegt daran, dass man etwas bewusst tut, sich Zeit dafür nimmt, den ganzen Kopf und die Sinne darauf einstellt, was man da gerade macht. Deshalb zwinge ich mich immer wieder, mir zu sagen: Nicht nebenbei essen, nimm dir Zeit, mach mal das Handy und das Radio aus und iss einfach.
Frage: Kochen Sie auch?
Antwort: Meine Frau und ich kochen beide sehr gerne. Etwas Schönes zu kochen, zusammenzusitzen, einen guten Rotwein aufzumachen – das empfinde ich zum Beispiel als großes Glück.
Frage: In Ihrem Film „McLenBurger“ geht es hauptsächlich um Burgerbuden. Wann haben Sie denn Ihren letzten Burger gegessen?
Antwort: Das ist schon eine ganze Weile her. Aber es gibt ja auch Veggieburger und gute Burger-Restaurants, in denen man nicht nur Fast Food serviert. Überhaupt: Dieser Begriff Fast Food ist so diametral zu dem, was ich im Achtsamkeitsseminar gemacht habe, das lehne ich ab. Man sollte einfach nicht schnell essen – andererseits will ich auch nicht andere Menschen bekehren, es soll jeder machen, was er denkt, was ihm schmeckt und worauf er Lust hat. Mir aber macht es mehr Spaß, ein qualitativ hochwertiges Lebensmittel zu essen.
Frage: Lebensmittel sind neben Energie die großen Inflationstreiber. Hat das Auswirkungen auf Ihr Einkaufsverhalten?
Antwort: Ich habe das große Glück, dass ich privilegiert bin, gut zu tun habe und Geld verdiene, dass ich mir darüber nicht groß Sorgen machen muss. Es ist aber nicht so, dass ich es nicht merke, wenn ich für einen Einkauf, der mich früher 30 Euro gekostet hat, plötzlich 50 oder 60 Euro zahlen muss. Die Sorgen, die ich mir mache, sind aber eher sozialer Natur. Was macht das mit den Menschen, die das nicht mehr bezahlen können?
Frage: Sind Sie Vegetarier oder Veganer?
Antwort: Wir versuchen, uns vegetarisch zu ernähren, aber ich lehne Fisch nicht ab. Und wenn mein Sohn mal ein gutes Stück Fleisch essen möchte, dann soll er das machen. Es ist ja auch nicht automatisch alles gesund, was vegan und vegetarisch ist. Mittlerweile ist ja auch Nestlé Großproduzent von veganen Produkten, und da sagte mir meine Tochter: Hast du mal draufgeguckt, was da alles für E-Inhaltsstoffe drin sind? Was wir wirklich viel kaufen, sind Bio-Lebensmittel. Aber auch das ist ein Privileg, denn man muss es sich leisten können. Wenn ich in der „Sonnenblume“ einkaufe, zahle ich natürlich mehr als bei Edeka.
Frage: Im Ruhrgebiet muss ich natürlich auch nach der Currywurst fragen.
Antwort: Es gibt auch vegane Currywurst, aber ich hab natürlich auch schon eine richtige gegessen. In meinem Buch stelle ich ja diesen herrlichen Laden „Die Currywurst“ in Herne vor, der die schärfste Currywurst verkauft, die auch wirklich lecker ist. Er bezieht aber auch relativ nachhaltiges Fleisch aus der Umgebung.
Frage: In Ihrem neuen Tatort pfeffern Sie eine Currywurst in den Mülleimer.
Antwort: Das hat aber eher mit Schnabels psychischer Situation zu tun. Eigentlich war sie wahnsinnig lecker. Es war übrigens eine vegane Currywurst, die ich in dieser Szene esse, es ist mir wirklich schwergefallen, die wegzuhauen. Aber es war nun mal eine Regieidee (lacht).
Frage: Das wird Ihnen hier im Ruhrgebiet Kommentare einbringen.
Antwort: (Lacht) Klar, der Brambach braucht hier keine Currywurst mehr zu essen.
Frage: Sie haben gesagt, ihre neuer Tatort „Katz und Maus“ (20. November) sei Ihnen eine Herzensangelegenheit. Warum?
Antwort: Es geht um Verschwörungserzählungen und alternative Realitäten, die unsere Gesellschaft immer mehr spalten. Der Auslöser war sicher die Corona-Zeit, in der Menschen sich über soziale Netzwerke Themen angenähert haben, die dort nicht so divers und komplex diskutiert wurden, wie es vielleicht in anderen Medien der Fall ist. Das ist ein großes Problem und ein großes Thema. Die Hauptfigur des Films ist ja nicht nur ein Täter, sondern auch ein Opfer. Ein Opfer der sozialen Netzwerke. Ich finde, dass die sozialen Netzwerke und das Internet, wie es im Moment funktioniert, unsere Demokratie und unser gesellschaftliches Zusammenleben kaputtmachen.
Frage: An einer Stelle im Tatort sagt Schnabel: „Merken die Menschen eigentlich nicht, wie sie verblöden durch das Internet?“
Antwort: Und ich finde, dass das tatsächlich auf der ganzen Linie passiert. So schön es ist, dass ich mit meinem Handy googeln oder schnell mal ’ne Zugverbindung nachgucken kann, aber ich lasse mir auch Dinge abnehmen, die ich besser erleben sollte.
Frage: Beim Tatort gibt’s ja zwei Sorten von Kommissaren: Die einen machen den Job so lange, bis man sie aus dem Polizeipräsidium tragen muss, und die anderen sagen nach ein paar Jahren „Danke, das war’s“. Welcher Typ sind Sie?
Antwort: Im Moment macht mir die Rolle noch Spaß. Ich finde den Schnabel noch nicht auserzählt.