Unfall vor Terschelling Wie gefährlich ist der Schiffsverkehr auf der Nordsee?
Eine Schnellfähre rammt ein Inseltaxi, zwei Menschen sterben, zwei verschwinden im Meer und sind seitdem vermisst. Das Unglück vor der niederländischen Insel Terschelling wirft auch hier Fragen auf.
Küste/Nordsee - Wie es zu dem tödlichen Unfall vor der niederländischen Insel Terschelling kam, fragen sich auch viele Menschen an der Küste Ostfrieslands. „Wir beobachten das sehr gespannt“, sagt Joschka Gerdes von BTS-Express. Das gelte sicher auch für seine ganze Branche. BTS bietet seit Jahren mit kleinen Wassertaxen regelmäßige, schnelle Verbindungen zwischen Neuharlingersiel und Spiekeroog an. Der Unfall in den Niederlanden: „Das hat uns sehr betroffen“, sagt Gerdes.
Vor der Wattenmeerinsel Terschelling war am 21. Oktober ein Wassertaxi mit einer Schnellfähre kollidiert. Zwei Menschen kamen dabei laut Polizei ums Leben, zwei weitere Passagiere des Wassertaxis gingen über Bord und werden seitdem vermisst. Der Unfall geschah ein paar hundert Meter vor der Insel in einer Fahrrinne. Es herrschte weder Sturm noch Nebel. Kann das auch vor der ostfriesischen Nordseeküste passieren? Immerhin herrscht reger Schiffsverkehr zwischen Inseln und Küste: Fähren, Wassertaxen, Privatboote, Sportler – bei gutem Wetter ist viel los.
Umfrage
Wir haben uns umgehört, bei der Wasserschutzpolizei, bei Wassertaxen, Fährlinienbetreibern und dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. Die Umfrage ergab: Kleinere Unfälle, auch Kollisionen etwa mit einer Hafenkante, gibt es immer mal wieder. An einen solch schlimmen Unfall mit Toten wie vor Terschelling konnte sich aber niemand erinnern.
Dennoch: Praktisch alle Gesprächspartner äußerten sich in etwa so wie Hermann Poppen, Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ems-Nordsee mit Sitz in Emden und Meppen: „Grundsätzlich ist so ein Unfall immer denkbar, menschliches Versagen ist stets möglich.“
Wassertaxi
Jörg Schmidt bietet mit seinem Töwerland Express Schnellverbindungen vom Festland nach Baltrum und Juist an. Privat fährt er schon seit Jahren zwischen Juist und Norddeich hin und her, seit Ende 2021 auch am Steuer eines seiner Wassertaxen. „Ich fahre im Schnitt 15.000 bis 20.000 Kilometer pro Jahr auf dem Wasser“, sagt er. Dabei begegnet er natürlich auch immer wieder den Inselfähren. Kein Problem, sagt Schmidt, bei normalem Hochwasser sei das Fahrwasser breit genug. Und wenn es mal enger wird: „Da wird dann per Funk Kontakt gehalten“, schildert er. Schmidt spricht auch von gegenseitiger Rücksichtnahme, „ gute Seemannschaft nennt man das“. Passiert sei mit den Töwerland-Booten noch nichts.
Das gilt nach Auskunft von Joschka Gerdes auch für die BTS-Boote. „Unseren Betrieb gibt es seit elf Jahren und wir sind komplett unfallfrei“, sagt er. Zudem sei jeder seiner Kapitäne erfahren, hier aufgewachsen und kenne das Revier in- und auswendig. „Aber generell muss man natürlich immer achtsam sein und miteinander kommunizieren“, hebt er hervor.
Fährverkehr
Die Gemeinde Spiekeroog betreibt ihren Fährverkehr selbst, zuständig dafür ist Janka Badberg. Drei große Fähren verbinden die Insel mit Neuharlingersiel. Einen Zusammenstoß mit einem Wassertaxi, den habe es noch nicht gegeben, sagt sie. Auch sie beobachtet, dass im Wattenmeer immer mehr los ist: „Man kann schon sagen, dass der Verkehr mit den Wassertaxen in den vergangenen fünf Jahren stärker geworden ist.“
Unfälle mit Fähren gibt es natürlich trotzdem: Im Sommer 2015 etwa kollidierte die Fähre Frisia V beim Einlaufen in den Hafen von Norddeich mit der Kaianlage. Dabei wurden mehrere Passagiere verletzt. Nach Erkenntnissen der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung war ein Druckknopf für die Steuerungsanlage nur halb gedrückt worden. Und erst im April dieses Jahres waren im Hafen von Norddeich zwei Fähren kollidiert. Vier Passagiere wurden leicht verletzt. Wahrscheinlich, so hieß es im April, sei eine Fähre durch starken Seitenwind gegen das Heck der anderen Fähre gedrückt worden.
Wasserschutzpolizei
Die Wasserschutzpolizeistellen in Wilhelmshaven und Emden decken gemeinsam das Wattenmeer vor der ostfriesischen Halbinsel ab. Einen Unfall wie den vor Terschelling gab es demnach in diesem Revier noch nicht. Lutz Hohn ist Ermittler bei der Wasserschutzpolizei in Wilhelmshaven und weiß einiges über Unglücksfälle auf See, über manövrierunfähige Segelboote etwa oder auf Grund gelaufene Containerschiffe. Auch von echten Unfällen kann er berichten. Vor ein paar Jahren, erzählt er, seien vor Borkum zwei größere Seeschiffe im Nebel kollidiert. Verletzt wurde niemand. „Da hat irgendeiner nicht aufgepasst – das ist wie im Straßenverkehr“, sagt Hohn. Aber Unfälle mit Wassertaxen – nein, bisher nicht.
Vermisstensuche vor Terschelling läuft weiter
Die Suche nach den Vermissten geht weiter
Das bestätigt ein Sprecher der Wasserschutzpolizei in Emden. Fähren, Taxen und alle anderen Nutzer der Wasserstraßen seien an die gleichen Verkehrsregeln gebunden. Eine Zunahme des Verkehrs sehe er nicht als Problem; eher das Verhalten der Kapitäne. Und dann gibt es noch etwas: Jegliche Art neuer Wassersportgeräte werde erstmal kritisch beobachtet, so der Sprecher. Seekajakfahrer zum Beispiel.