Hamburg Warum jeder scheitert – und wir das mit Humor nehmen müssen
Die Moderatoren Laura Larsson und Simon Dömer kennen sich mit dem Scheitern aus. In ihrem Podcast „Zum Scheitern verurteilt“ nehmen sie ihre alltäglichen Fehltritte mit Humor – und raten zu einem entspannten Umgang damit.
Laura Larsson und Simon Dömer scheitern am Sport, gesunder Ernährung, Auto fahren oder am Aufräumen. „Jeder scheitert“, sagen sie – und das meistens sogar täglich. Wir sprechen nur zu wenig darüber, erklären die beiden. Ganz im Gegenteil stehe bei Social Media das Optimieren im Fokus. Die beiden Podcaster bieten dazu einen, wie sie sagen „ehrlichen“ Gegenentwurf – und haben damit Erfolg. Ihre Tour zum Podcast „Scheitern verurteilt“ war in kurzer Zeit komplett ausverkauft. Im Interview sprechen sie über Ehrlichkeit und toxische Positivität.
Frage: In eurem Podcast „Zum Scheitern verurteilt“ habt ihr Scheitern zum Erfolg gemacht. Wie ist euch das gelungen?
Antwort: Laura: Ich glaube nicht das Scheitern an sich, aber das darüber Sprechen. Wir leben in einer Welt, in der es durch Podcast und Social Media um das Gegenteil geht, nämlich ums Optimieren. „Das kannst du machen, um besser zu werden, das kannst du machen, um genauso geil zu werden wie ich.“ Ich glaube, dass die Leute darauf Bock hatten mal abgeholt zu werden und sich nicht einen Podcast oder ein Instagram- oder YouTube-Video reinzuziehen und sich danach noch schlechter als vorher zu fühlen, weil man jetzt weiß, wie kacke man eigentlich wirklich ist. Und bei uns könnte man vielleicht im besten Fall denken, nein, ganz so schlimm bin ich nicht, vielen Dank.
Antwort: Simon: Im besten Fall sagen unsere Hörerinnen und Hörer dann „Ich bin wie Laura oder wie Simon.“ Oder sie merken, dass sie doch viel disziplinierter und ordentlicher sind als wir.
Antwort: Laura: Im besten Fall kann man sich beim Hören sogar besser fühlen – oder man weiß einfach, damit bin ich nicht alleine.
Frage: Ihr sprecht in eurem Podcast über Situationen, in denen ihr gescheitert seid. Bekommt ihr oft Ratschläge?
Antwort: Simon: Wir bekommen oft Tipps. Freuen uns aber auch darüber.
Antwort: Laura: Genau darum geht es: Menschen geben lieber Tipps, als Tipps zu bekommen. Ich glaube, es ist schöner, Podcasts zu hören, bei denen Zuhörer selber denken, da hätte ich jetzt fünf Ratschläge. Wir erheben nicht den Zeigefinger.
Frage: Auf Social Media und im Podcast klingt es, als hättet ihr euer Leben nicht immer im Griff. Ist das wirklich so?
Antwort: Simon: Hier muss man, glaube ich, das Arbeits- und Privatleben trennen. Denn alles, was mit Arbeit zu tun hat, haben wir schon im Griff. Würde ich sagen.
Antwort: Laura: Im Podcast oder bei Instagram sieht man einen Teil unseres Lebens. Wir sind beide Mitte 30 und Radiomoderatoren, wir haben eine journalistische Ausbildung. Das haben wir nicht geschafft, weil wir völlig im Chaos untergehen. Da haben wir unser Leben schon im Griff.
Mit selbstironischen Videos begeistert Laura Larsson ihre 200.000 Instagram-Follower:
Frage: Laura, du warst eine Zeit lang arbeitslos, es lief nicht alles rund. Dann hast du den Comedy-Preis gewonnen, die aktuelle Podcast-Tour ist ausgebucht. Hast du berufliches Scheitern überwunden?
Antwort: Laura: Ich glaube, mit Podcasts und auch mit Radio habe ich persönlich eine Nische gefunden, die gut funktioniert. Natürlich gehört auch Glück dazu und Menschen, die einem eine Chance geben. Es reicht manchmal nicht, wenn man weiß, das kann ich und es macht total viel Spaß. Es gibt oft diese eine Person, die bestimmt, jetzt darfst du. Das ist leider so. Und die hatte ich nicht immer in meinem Leben. Du hast darüber offen gesprochen im Podcast, Simon. Ich glaube, dass wir das überwunden haben. Aber natürlich aus eigener Kraft heraus in erster Linie.
Antwort: Simon: Komplett aus eigener Kraft.
Frage: Simon, wie hast du Scheitern in Bezug auf den Beruf überwunden?
Antwort: Simon: Es ist genau das, was Laura sagt. Man hat Wünsche oder Vorstellungen von dem, was man beruflich machen möchte. Man ist aber tatsächlich abhängig davon, was Menschen sagen – gerade beim Radio. Es gibt Menschen, die darüber entscheiden, ob du moderieren darfst oder nicht. Selbst wenn man sagt, ich bin jetzt bereit, ich möchte mich beweisen, heißt es nicht, dass es auch klappt. Bei mir war es so, dass es für mich mehrere Jahre nicht weiterging. Dann habe ich Laura kennengelernt und wir haben angefangen unser Ding zu machen. Man muss erstmal an den Punkt kommen, an dem man sagt, ich löse mich jetzt davon und gehe einfach. Das ist am Ende die beste Entscheidung. Selbstbestimmt.
Frage: Hast du dein berufliches Ziel erreicht?
Antwort: Simon: Auf alle Fälle. Ich bin gebürtig aus Nordrhein-Westfalen und da haben wir im Radio immer “1LIVE” gehört. Und jetzt für den Radio-Sender tatsächlich zu arbeiten, ist für mich als kleiner Radio-Nerd irgendwie total abgefahren.
Zusammen mit Laura Larsson moderiert Simon Dömer im Radiosender „1Live“.
Frage: Macht jeder Mensch die Erfahrung des Scheiterns?
Antwort: Simon: Man kann schon damit scheitern, dass man es nicht schafft aufzustehen, wenn der Wecker klingelt. Obwohl man sich vorgenommen hat, genau dann aufzustehen um in Ruhe Kaffee zu trinken und dann zu duschen. Aber man bleibt doch einfach liegen. Es muss nicht das große Ganze sein. Scheitern kann ganz niederschwellig anfangen.
Antwort: Laura: Jeder scheitert. Auf jeden Fall! Man kann nicht viel verallgemeinern, aber das schon.
Frage: Wo seid ihr krachend gescheitert?
Antwort: Simon: Mein größtes Scheitern im Leben ist Autofahren. Ich habe einen Führerschein, bin aber seit 17 Jahren nicht mehr wirklich Auto gefahren. Ich nehme es mir immer wieder vor, aber mache es dann doch nicht.
Antwort: Laura: Bei mir ist es Ordnung halten und alles was mit Zahlen zu tun hat. Ich bin so schlecht mit Zahlen, schon mein ganzes Leben lang. In der Grundschule wurde dann Dyskalkulie bei mir diagnostiziert. Irgendwie habe ich es doch geschafft, zu überleben. Aber trotzdem würde ich sagen, ich scheiter bei allem mit Zahlen und räumlicher Vorstellung. Da gehört natürlich auch Geld ausgeben und sparen dazu.
Antwort: Im Podcast erzählst du auch, dass Sport dein persönliches Scheitern ist.
Antwort: Laura: Ich möchte gerne diese sportliche Person sein und schaffe es nicht.
Frage: Warum versuchst du es immer wieder?
Antwort: Laura: Weil ich weiß, dass es mir mit Sport besser gehen würde. Es gab schon Momente – denn ich bin unermüdlich – in denen ich Sport gemacht habe und die Vorteile gespürt habe, aber der Aufwand war genauso groß wie die Vorteile. Da wird es ein bisschen schwierig. Vor der Tour habe ich gesagt, Simon, ich werde vorher viel Sport machen, damit ich auf der Bühne ein besseres Körpergefühl habe. Und? Ich habe keinen einzigen Tag Sport gemacht. Aber ich gebe nicht auf. Ich sehe mich da noch.
Frage: Würdest du auch gerne mehr Sport machen, Simon?
Antwort: Simon: Nein. Ehrlich gesagt, würde ich am liebsten gar keinen Sport machen. Ich mache auch gar keinen Sport. Meine Ausrede ist: Ich bin ein Kurs-Sportmensch, aber im Fitnessstudio gibt es wenig Kurse, die mich ansprechen. Ich war mal boxen. Das war was für mich. Aber da waren überall Menschen, die das so sehr professionell wollten und da musste ich dann aufhören, als im Training gegeneinander geboxt werden sollte. So dringend boxen wollte ich dann doch nicht mehr. Da hatte ich schon etwas Schiss.
Frage: Verändert es euer Selbstbild, wenn ihr so viel über euer persönliches Scheitern sprecht?
Antwort: Laura: Ich finde, es ist ein Unterschied zu sagen, das ist ja wieder kacke gelaufen oder ich hasse mich. Dieses „Mach dich doch nicht so schlecht“ ist für mich toxische Positivität. Es muss Raum für Wahrheit geben und natürlich sich selbst zu lieben. Ich sehe das so, als wäre man mit sich selbst befreundet. In einer Freundschaft sagt man sich auch nicht den ganzen Tag, wie perfekt man ist, sondern, auch wenn einen etwas stört. So muss man auch mit sich selbst umgehen. Das ist kein Selbsthass, das ist Ehrlichkeit. Für mich ist genau das der Punkt: Wenn wir mit Humor über das Scheitern sprechen und damit das Scheitern weniger ernst nehmen, dann tut es mir gut. Denn man wird jeden Tag scheitern. Wenn man nicht darüber spricht und sich nicht darüber lustig machen kann, ist man tot traurig für den Rest des Lebens.
Antwort: Simon: Ich sehe das auch so. Besonders wenn man darüber spricht und jemand sagt: „Das geht mir genauso!“. Und schon ist es geteiltes Leid.