Osnabrück „Das andere Mädchen“: Annie Ernaux und ihr Brief an die tote Schwester
Wer war Ginette? Annie Ernaux erfährt erst mit zehn Jahren von der toten Schwester. „Das andere Mädchen“ ist ihr Brief an die Verschwundene. Und die Antwort auf eine furchtbare Kränkung.
Das belichtete Fotopapier in das Entwicklerbad legen, es mit der Pinzette vorsichtig untertauchen, darauf warten, dass die Umrisse des Motivs zuerst schemenhaft und dann immer deutlicher erscheinen – wer erinnert sich noch daran, heute, mitten in der Instagram-Kultur? Annie Ernaux schreibt in dem jetzt in deutscher Übersetzung publizierten Text „Das andere Mädchen“ von 2011 über ihre früh verstorbene Schwester, als entwickle sie ein Fotonegativ, das Jahrzehnte in einer Schachtel gelegen hat. Die Literaturnobelpreisträgerin führt dabei wieder einmal vor, wie sich autobiographische Spurensuche und Gesellschaftsanalyse gegenseitig bedingen.
Annie ist zehn Jahre alt, als sie das Gespräch der Mutter mit einer Ladenkundin belauscht. Sie erfährt, dass sie eine Schwester hatte, die 1938 mit nur sechs Jahren an Diphterie stirbt, ausgerechnet an Gründonnerstag, dem Tag des letzten Abendmahls Christi. Im Gedächtnis der Eltern lebt das Bild des toten Mädchens wie eine makellose Ikone weiter. „Sie war viel lieber als die da“, hört die zehn Jahre alte Annie und weiß: Damit ist sie gemeint, der „kleine Teufel“. „Eine in sich geschlossene, endgültige, gleichbleibende Erzählung, in der du als Heilige lebtest und starbst“: Annie Ernaux schreibt ihre Gegenerzählung, mit der sie die falsche Autorität einer Familienlegende aufbricht.
Die Literaturnobelpreisträgerin schließt damit an ein literarisches Muster an, dessen Archetyp sie in „Das andere Mädchen“ selbst benennt: Franz Kafkas „Brief an den Vater“, dieses Muster eines Schreibvorgangs als Versuch der Selbstbefreiung. Ernaux taucht mit ihrer Zeitlupenprosa in die Tiefenschichten einer Vergangenheit, in der Familiengeschichte immer auch in gesellschaftliche Entwicklung eingelassen ist. Ginette, die kleine Schwester stirbt zu der Zeit, in der Frankreichs linke Regierung den Acht-Stunden-Tag und bezahlten Urlaub erstreitet. Das Foto, das die Eltern mit ihrer Erstgeborenen zeigt, zeigt im Hintergrund Plakate der Volksfront.
Doch mit Ginette scheint auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gestorben. Die Eltern, erst noch stark und optimistisch, altern und verhärmen schnell. Das kleinbürgerliche Lebensmodell, in dem sie sozialen Aufstieg sehen, fixiert sie zugleich, welch fataler Kreislauf, in der Hoffnungslosigkeit eines provinziellen Lebens. So ruhig Ernaux´ Prosa auch dahinfließen mag, auf Seite 57 von knapp 80 steht der Satz, dessen lakonische Wucht dieses Büchlein zur Bombe macht: „Ich wurde geboren, weil Du gestorben warst. Ich habe Dich ersetzt“. Die Eltern meinten, sich nur ein Kind leisten zu können. Nur weil Ginette stirbt, darf Annie ins Leben treten.
Das ist nicht nur die Pointe einer schmalen Erzählung, das ist vor allem der Angelpunkt, um den das ganze Werk von Annie Ernaux kreist. Es gibt kein privates Leben ohne seine soziale Bedingung, keine persönliche Existenz, die nicht von der Struktur der Verhältnisse imprägniert ist. Diese Einsicht könnte endgültig ernüchtern. Ernaux aber erschließt sich im literarischen Schreiben jenes Medium, das mehr als jede politische Reform das Leben verändern kann. An ihre tote Schwester gerichtet, sagt sie: „Du bist gestorben, damit ich schreibe“. Welch kraftvolle Selbstermächtigung.
Annie Ernaux: Das andere Mädchen. Suhrkamp Verlag. 80 Seiten. 18 Euro.