Hamburg Trump, Pornos, Kosten, Arzttermine: Wie sich Twitter verändern könnte
Elon Musk hat Twitter für rund 44 Milliarden Dollar übernommen. Was das für Nutzer, das Unternehmen und die Welt bedeutet.
Bereits am frühen Freitagmorgen deutscher Zeit twitterte Elon Musk: „The Bird is freed“, schrieb er bei Twitter – „Der Vogel ist befreit“. Einige Stunden später informierte Twitter die US-Wertpapieraufsicht SEC über den Rückzug von der Börse und bestätigte damit den Vollzug der Übernahme. Damit endet ein monatelanges Hin und Her, das zwischenzeitlich auf einen brisanten Gerichtsprozess zusteuerte. Nun stehen Twitter und seinen Nutzern tiefgreifende Änderungen bevor.
Elon Musk hatte bereits angekündigt, Twitter von der Börse zu nehmen. Anschließend will er das Unternehmen nach seinen Wünschen und ohne Rücksicht auf Investoren verändern. Unklar ist, in welchem Tempo das passieren wird. Der Plan: Twitter soll zu einer „App für alles“ ausgebaut werden; solche Apps sind vor allem in Asien weit verbreitet. Dort öffnen Nutzer „WeChat“ oder „Grab“, um zu chatten, Einkäufe zu bezahlen und um Arzttermine oder ein Taxi zu buchen.
Unter Elon Musk dürfte die aktuelle Twitter-Sperre für Donald Trump und andere Betroffene umgehend aufgehoben werden. Das hat der SpaceX-Chef bereits gesagt und die Sperre des ehemaligen US-Präsidenten in der Vergangenheit als „einfach dumm“ bezeichnet. Trump äußerte sich auf der von ihm mitgegründeten Social-Media-Plattfrom „Truth Social“ mit den Worten: „Ich bin sehr froh, dass Twitter jetzt in vernünftigen Händen ist und nicht mehr von linksradikalen Spinnern und Verrückten geführt wird, die unser Land wirklich hassen.“
Laut Elon Musk soll Twitter zur globalen Plattform für Meinungsfreiheit werden. Und diesen Begriff legt der 51-Jährige recht radikal aus: Musk kündigte bereits an, in Zukunft solle praktisch nichts mehr gelöscht werden. Zu extreme Beiträge würden nicht aktiv verstärkt – was das heißen und wie das in der Praxis funktionieren soll, ist unklar. Kritiker sind besorgt, dass der Eigentümerwechsel zu weniger moderierten Inhalten auf dem Netzwerk führt und so Hass und Hetze Vorschub leistet.
Offen ist auch, was Musks „alles ist erlaubt“-Ansatz für nicht-jugendfreie Inhalte wie Nacktheit, Sex und Gewalt bedeutet. Das Problem daran: Sollten sie praktisch ungefiltert auf der Twitter landen, würde das vermutlich zahlreiche bestehende Werbekunden verschrecken. Doch Werbeeinnahmen sind quasi die alleinige Einnahmequelle für Twitter.
Offenbar vor diesem Hintergrund ist Elon Musk am Donnerstag in einem offenen Brief an Twitters Anzeigenkunden der Sorge entgegengetreten, dass die Plattform zu einem Hort von Hetze und Hassbotschaften werden könnte. Twitter dürfe kein „Ort des Grauens“ werden, wo ohne Konsequenzen alles gesagt werden könne, erklärte Musk per Tweet. Die Plattform müsse „warm und einladend für alle“ sein. Das klingt ganz anders als das, was Musk zuvor gesagt hat.
Elon Musk ist überzeugt, dass er mit Twitter Geld verdienen kann. Wie das abgesehen von Werbung klappen soll, hat er in E-Mails an Twitter und Investoren nur grob umrissen. Eine Option: Dritte sollen bezahlen, wenn sie Tweets von anderen verwenden oder einbetten. Eine andere Idee: Nutzer können ihr Twitter-Konto hinter eine Bezahlschranke stellen – wer lesen will, muss zahlen. Twitter selbst würde wohl einen Teil der Einnahmen einbehalten.
Außerdem hatte Musk davon gesprochen, im Kampf gegen Twitter-Bots und andere Fake-Konten einen Identifizierungszwang einzuführen. Dann würde es keine anonyme Teilnahme mehr geben. Der Vorteil für Twitter: Werbung könnte durch besser Nutzerdaten noch gezielter ausgespielt werden, was zu höheren Einnahmen führen könnte.
Bevor Elon Musk mit Twitter Geld verdient, will er zunächst die Kosten drastisch senken – mit einem personellen Kahlschlag. Die „Washington Post“ berichtete vergangene Woche, dass Elon Musk bis zu 75 Prozent der rund 7500 Twitter-Angestellten entlassen will. Allerdings sind viele Branchenkenner der Meinung, dass das Unternehmen unnötig viele Mitarbeiter hat. Diese große Anzahl würde sich nicht in der Entwicklung der Plattform widerspiegeln, meinen Kritiker.
Laut übereinstimmenden US-Medienberichten hat Musk bereits am Donnerstag – und damit noch vor der offiziellen Bekanntgabe des Deals – ranghohe Führungskräfte gefeuert, darunter der bisherige Firmenchef Parag Agrawal und Finanzchef Ned Segal. Angeblich wolle Musk den Spitzenposten zunächst selbst übernehmen. Erst mit der Zeit könnte er den Job an jemand anderen abgeben, hieß es.
Diese Statista-Grafik zeigt, wie viele Mitarbeiter ausgewählte Tech-Unternehmen haben:
Eigentlich hatte sich Musk mit Twitter schon im April auf die Übernahme geeinigt. Im Juli erklärte er die Vereinbarung jedoch wegen angeblicher Falschangaben des Unternehmens zu Fake-Accounts für ungültig. Twitter klagte auf Einhaltung des Kaufvertrags und es wurde ein Gerichtsprozess zur Klärung des Streits angesetzt. Anfang Oktober erneuerte Musk sein Kaufangebot dann überraschend wieder.
Er stellte jedoch die Bedingung, dass das Gerichtsverfahren - bei dem seine Chancen als relativ schlecht galten - beigelegt wird. Twitter lehnte dies ab. Das Unternehmen war misstrauisch, da Musk seine Offerte von der Finanzierung abhängig machte. Die Richterin setzte das Verfahren letztlich aus, verhängte aber eine Frist bis zum 28. Oktober - ist der Deal dann nicht durch, kommt es zum Prozess.
(Mit Material von dpa.)