Berlin  Frau Pappel, wird beim Porno-Filmfest masturbiert?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 24.10.2022 16:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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In Berlin beginnt am 25. Oktober das Porn Film Festival. Was um Gottes willen passiert da im Kinosaal? Wir haben die Kuratorin Paulita Pappel gefragt.

Klassische Porno-Kinos sterben aus. Mit dem Aufstieg der Internet-Pornografie sind die Leinwände aus Deutschlands Bahnhofsvierteln verschwunden. Dafür läuft in Berlin im Oktober 2022 wieder das Porn Film Festival. Ist es ein angemessener Ersatz? Oder etwas ganz Anderes? Womöglich besser? Wir haben die Kuratorin Paulita Pappel gefragt: Was zeigt das Porn Film Festival? Was macht man im Kino mit seiner Erregung? Und verirren sich noch Gäste mit falschen Erwartungen in den Saal? „Bei uns wird nicht masturbiert“, sagt Paulita Pappel. „Da müssen Sie sich keine Sorgen machen.“

Frage: Das Porn Film Festival gibt es schon viele Jahre. Was sagen Sie Leuten, die sich trotzdem noch nie hingetraut haben?

Antwort: Trau dich hin! Es ist eine schöne Atmosphäre. Wir sind in zwei Berliner Kinos, im Babylon und im Moviemento – da haben wir das ganze Kino für uns. Die Stimmung ist offen, nett und queer. Das Porn Film Festival ist ein Ort, an dem man sich austauschen kann und neuen Input bekommt. Uns gibt es schon 17 Jahre; ich selbst bin seit 2013 im Kuratoren-Team.

Frage: Was haben Sie im Programm? Historische Pornos? Feministische? Queere?

Antwort: Wir zeigen gar nicht nur Pornos. Das Festival heißt so, aber das Programm dreht sich um alles Relevante im Bereich Sex, Intimität, Feminismus, LGTBQ, aber auch um sozialkritische Sachen, die nicht direkt mit Sexualität zu tun haben. Wir zeigen alle Formate: Spielfilm, Doku, Experimental – dieses Jahr haben wir einen Schwerpunkt zur Animation. Am Dienstag, 25. Oktober, geht’s los. Ab dann machen wir sechs Tage Programm. Wenn man will, kann man sich dann ab 11 Uhr vormittags schon Pornos angucken. Abends läuft ein Begleitprogramm; die große Party ist Freitag im Gretchen Club. Und in diesem Jahr bieten wir mit den Industry Days zum ersten Mal auch einen Branchen-Treff an.

Frage: Sie zeigen also nicht nur, aber auch Pornos. Und so diskursiv das Programm auch ist – Hardcore-Szenen wirken nicht nur auf den Kopf …

Antwort: Bei uns wird nicht masturbiert. Da müssen Sie sich keine Sorgen machen.

Frage: Wie ist die Stimmung beim Publikumsgespräch, wenn nach dem Hardcore-Film alle noch ein bisschen erhitzt sind?

Antwort: Gemeinsam und öffentlich Pornos zu gucken, erweitert den Blick dafür, was Pornos überhaupt sind. Und dafür, welchen Platz Pornografie im eigenen Leben haben kann. Wir stellen uns Pornos oft als einsame Angelegenheit vor dem Computer vor. Wenn man sie gemeinsam guckt, wird es eher eine Feier von Lust und Begehren. Nacktheit und Sexualität sind in unserer Gesellschaft verpönt und schambesetzt. Das alles fällt bei unserem Festival von einem ab.

Antwort: Natürlich sollen Pornos auch erregen; und es kann sein, dass man bei uns im Kino zwischendurch auch erregt ist. Aber wenn man die Reaktionen der anderen Leute mitbekommt, wenn man lacht und mitgeht, dann geht es auch schnell darüber hinaus.

Frage: Wer kommt? Mehr Frauen, mehr Männer?

Antwort: Das ist ausgeglichen; es gibt einen großen queeren Anteil. Männer, Frauen, Trans, hetero, schwul, lesbisch, queer – es kommen alle.

Frage: Ich frage auch deshalb, weil ich den Eindruck habe: Männer stellen zwar den Hauptanteil der Porno-Konsumenten …

Antwort: Stimmt, wahrscheinlich sind so 70 bis 80 Prozent der Pornokonsumenten Männer.

Frage: Aber das Gespräch über Pornografie führen trotzdem vor allem Frauen. Vermutlich, weil man als Frau dabei hip und aufgeschlossen wirkt – wohingegen Männer, die sich zu Pornos bekennen, leicht in die Schmuddelecke geraten.

Antwort: Und das macht was mit dir. Die meisten Männer gucken Pornos, trauen sich aber nicht, darüber zu reden. Gegen dieses negative Gefühl, gegen diese Scham gehen wir an. Das sind religiöse Prägungen, die tief in uns drin stecken. Wir müssen es also erstmal schaffen, dass Leute sagen: Ich gucke Pornos oder ich gucke keine – aber was auch immer es auch ist, es ist nichts Falsches dran.

Bei den Venus Awards wurde der ZDF-Porno von Paulita Pappel und Jan Böhmermann prämiert:

Frage: Parallel zum Aufstieg Ihres Festivals sind die klassischen Pornokinos ausgestorben – die, in denen eben wirklich masturbiert wurde. Verirren sich noch Gäste aus dieser Ära in Ihr Programm?

Antwort: Früher ist das immer mal wieder passiert. Dann haben wir die Person aufgeklärt, dass das kein übliches Sexkino ist, wo man masturbiert oder Sex mit jemand anders hat. Inzwischen passiert das aber nicht mehr. Man merkt sehr schnell, wo man bei uns gelandet ist.

Frage: Welchen Festival-Beitrag empfehlen Sie Zuschauern, die beim Porn Film Festival 2022 eine gute Diskussion suchen? Und welchen den Zuschauern, die eine gute Masturbationsfantasie suchen?

Antwort: Für die Diskussion: „Deep Throat“, der Porno-Klassiker aus dem Jahr 1972, läuft in einer restaurierten Version; zum Publikumsgespräch kommt Gerard Damiano Jr., der Sohn des Regisseurs. Zur Masturbation: Unser Abschlussfilm „The Listener“ von Lidia Ravviso, produziert von Erika Lust.

Termine: Das Porn Film Festival läuft vom 25. bis zum 30. Oktober 2022 in den Berliner Kinos Moviemento und Babylon Kreuzberg. Hier geht‘s zum Festival-Programm.

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