Kolumne: Digital total Tiktok ist auch für den Experten Neuland
Am Dienstag geht es in unserer Kolumne immer um Digitales und Technik. Dieses Mal berichtet unser Kolumnist von seinen ersten Erfahren bei Tiktok.
Ich bin jetzt auf Tiktok, diesem Kurzvideo-Social-Network. Eigentlich wollte ich nie zu Tiktok. Ich mag nicht, wer hinter dieser Plattform steht und wie sie zustande gekommen ist. Außerdem denke ich, dass man in 60-Sekunden-Videos keinen vernünftigen Journalismus machen kann. Und ich bin nun mal Journalist. Und überhaupt reden mir die Leute da zu schnell. Und sie tanzen zu viel.
Allerdings hat mich meine Frau gezwungen, bei Tiktok ein Konto anzulegen und Videos hochzuladen. Sie sagt, ich werde alt im Kopf. Sie sagt, ich bin Tech-Journalist – und da müsse ich mich dem Neuen stellen und könne nicht einfach sagen, dass ich zu alt für so etwas bin. Soll heißen, dass wenn ich den Kontakt zu den jungen Leuten verliere, ich mich auch gleich beerdigen lassen kann.
Und wisst ihr was? Meine Frau hat recht. Was auch eigentlich kein Wunder ist, denn sie ist viel schlauer als ich. Aber in diesem Fall hat es mich trotzdem gewundert. Alles, was lebt, wandelt sich. Der Mensch sehnt sich in seinem Leben zwar immer nach Sicherheit und Stillstand, aber im Grunde gibt es wirkliche Sicherheit und Unveränderbarkeit nur im Tod.
Auch kleine Dinge – wie beispielsweise das Beschäftigen damit, wie Tiktok funktioniert und wie man Inhalte mit eigentlich längeren Formaten für dieses neue Medium umbaut – halten einen wach im Kopf. Und im Endeffekt hält einen das wiederum jung. Was gerade für jemanden, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, über neue Dinge zu schreiben, sehr wichtig ist.
Sich jetzt mit den nervigen Inhalten auf Tiktok herumschlagen zu müssen, ist am Ende doch ein ziemlich geringer Preis dafür, geistig beweglich zu bleiben. Und mal schauen: Vielleicht finde ich ja nebenbei heraus, wie man vernünftige journalistische Arbeit in 60-Sekunden-Videos verpackt. Ich werde allerdings nicht anfangen, auf Tiktok zu tanzen. Das will niemand.
Kontakt: kolumne@zgo.de
Zur Person
Fabian Scherschel, geboren in Duisburg und nun in Düsseldorf lebend, arbeitete bis 2019 als Redakteur für das Tech-Portal Heise-Online und für die Tech-Newsseite „The H“ in London. Als Freiberufler schreibt er unter anderem für das Magazin „c’t“. Mittlerweile hat der begeisterte Podcaster sein eigenes Projekt: fab.industries. Fernseh- und Radiosender schätzen ihn als Experten.
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