Hamburg Braucht man Kinder zum Muttersein, Marie Pohl?
Frauen, die Grenzen sprengen, und die Frage, ob familiäre Fürsorge nur durch Elternschaft möglich ist: In ihrer Graphic Novel behandelt die Hamburger Zeichnerin Marie Pohl das Frausein in den Dreißigern neu.
In diesem Artikel erfährst Du:
Die Frage hängt wie ein Damoklesschwert über Frauen in ihren Dreißigern: Will ich eigene Kinder haben? Nicht, dass man in zehn Jahren das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben; oder aber ganz im Gegenteil unter dem Dasein als Mutter leidet. Dass familiäre Fürsorge mehr sein kann als Kinderkriegen, zeigt die Hamburger Illustratorin Marie Pohl (alias Marijpol) in ihrer Graphic Novel „Hort“ anhand von drei Frauen, die die Grenzen sprengen: der Konventionen, unserer Erwartungen und gesellschaftlicher Normen.
Frage: Entweder die junge Verführerin oder die liebevolle Mutter: Frauen wurden in der Literatur lange Zeit auf eine dieser beiden Rollen reduziert – oder kamen so gut wie nicht vor. Irgendwo dazwischen stehen Deine drei Protagonistinnen Petra, Denise und Ulla. Wie hast Du diese Figuren entwickelt?
Antwort: Ich habe sie nicht entwickelt, vielmehr kamen sie zu mir. In einer anderen Arbeit, in der ich schräge Sumpfbewohner*innen erfunden habe, kamen sie am Rand vor, ohne dass ich wusste, was aus ihnen wird. Dann habe ich begonnen, mich für sie zu interessieren. Es war, wie wenn man jemanden auf der Straße sieht und denkt: ,Die Person sieht sympathisch aus, die würde ich gerne besser kennenlernen.’ Ich habe also erst die Äußerlichkeit erfunden und den Figuren dann im Laufe der Geschichte eine Innerlichkeit gegeben. Das Leitmotiv waren die Körper dieser drei Frauen.
Frage: Ging es dabei um Repräsentation?
Antwort: Die Repräsentation diverser Körper in den Medien ist total wichtig, um Körper, die bestimmten Idealen nicht entsprechen, zu normalisieren. Das war aber nicht mein primäres Anliegen. Ich habe bewusst extreme Körper gezeichnet, die weit außerhalb der Norm liegen und vielleicht gar nicht normalisiert werden können. Mir ging es darum, mit den Figuren Körpergefühle zu illustrieren: Wie es ist, sich sehr groß, sehr stark oder sehr fremd zu fühlen. Alle drei haben dieses “Zuvielsein” gemeinsam. Symbolisch geht es um die Erfahrung, die vor allem viele Frauen kennen, wenn sie denken, sich klein machen zu müssen. Doch diese drei Figuren könnten sich nicht klein machen, selbst wenn sie wollten.
Frage: Wollen sie es überhaupt? Schließlich haben sie sich, zumindest teilweise, bewusst dafür entschieden, ihre Körper durch Training oder Modifikationen zu verändern. Ist das ein Akt der Selbstbestimmung und des Trotzes?
Antwort: Auf die Bodybuilderin Petra und die Schlangenfrau Denise trifft das zu. Ulla dagegen ist einfach riesig und dick geboren. Sie ist die einzige Figur, bei der ich ein normalisierendes Anliegen hatte. Entgegen häufiger Darstellung von Dick-Sein, wollte ich eine riesige Person zeigen, die in sich ruht und die mit sich kein Problem hat – nur ihre Umwelt mit ihr.
Antwort: Die beiden anderen Figuren haben ihre Körper selbst gestaltet. Ich habe den Frauen dafür als Begründung kein Kindheitstrauma angedichtet, wie man es heute oft in Serien sieht , sondern sie bewusst diese Entscheidungen über ihre Körper treffen lassen. Es geht nicht um irgendeine Kompensation, sondern eine extreme Art der Selbstbestimmung und Entfaltung. Petra hat als Bodybuilderin in der Welt der Underground-Schönheitswettbewerbe, wie man Bodybuilding beschreiben könnte, eine schwierige Rolle, weil sie als Frau mit Muskeln die Norm einer weiblichen Körperlichkeit sprengt.
Antwort: Bei Denise’ Modifikationen war mir wichtig, dass es um frei gewählte Körperattribute geht, nicht etwa um Magie. Vielleicht hat sie nicht so lange darüber nachgedacht, aber sie hat sich so entschieden. Sie erweitert die Erfahrung ihres menschlichen Körpers um etwas Tierisches und lebt mit allen Konsequenzen
Frage: Geht es Dir beim Blick auf die Körper um Body Positivity oder eher Body Neutrality?
Antwort: Wie gesagt, beim Zeichnen hatte ich kein aktivistisches Anliegen - aber ich habe aber auch nichts dagegen, wenn man das darin liest. Wenn ich mich für eine Haltung entscheiden müsste, wäre es Body Neutrality. Mit Body positivity kann ich weniger anfangen, weil ich finde, dass es eine Schippe Schuld auf Körperkomplexe drauf kippt, wenn man von sich selbst auch noch fordert, dass man den eigenen Körper toll finden muss.
Warum wir nicht alle body positive sein müssen – und die Bewegung sogar schaden kann, erfährst Du in dieser Kolumne.
Frage: Petra, Denise und Ulla lernen im Buch drei vernachlässigte Kinder kennen. In einem Interview zu „Hort“ hast Du kürzlich erzählt, dass eine Deiner Motivationen für das Buch war, dass Dir „Geschichten über Erwachsenen ohne Kinder [gefehlt haben]“. Warum sind trotzdem Kinder Teil der Geschichte?
Antwort: Mir geht es darum ambivalente Gefühle rund um Mutterschaft und ein Spektrum an Kinderwünschen zu zeigen. Oft wird diese Entscheidung schwarz-weiß dargestellt: Man möchte Kinder haben oder nicht, so einfach ist es aber nicht immer. Ich wollte verschiedene Haltungen zum Kinderkriegen zeigen; ein Thema, das damals sehr präsent in meinem Leben war. Petra ist diejenige, die am ehesten so etwas wie einen Kinderwunsch hat - aber wie ist der zu verstehen? Sie mag diese bestimmten Kinder, vor allem Ilse, und wünscht sich eine stabile Beziehung zu ihnen. Es bleibt offen, daraus abzuleiten, ob sie sich auch eigene biologische Kinder wünscht. Sie will sich um Kinder kümmern, die schon da sind, und nicht um hypothetische Kinder, die sie erst noch gebären muss.
Frage: Wie ist das bei den anderen beiden?
Antwort: Ulla muss sich auch mit einem Kinderwunsch auseinandersetzen; nur ist das nicht ihr eigener, sondern der ihres Partners. Sie fühlt sich eher befangen mit Kindern und vermisst sie auch nicht als Teil ihres Lebens. Weil sie einen Partner hat, der Kinder mag, muss sie sich damit auseinandersetzen und riskiert ihre Beziehung, weil sie keinen Kompromiss eingehen will.
Antwort: Denise ist am Ende diejenige, die wirklich Nachwuchs produziert, allerdings eher aus Versehen als Ergebnis von Lust und nicht aus dem Wunsch heraus, sich zu vermehren. Die Schlangenkinder gibt sie an andere Menschen ab und hat keine Gewissensbisse, weil ihr klar ist, dass sie sich nicht um die ganzen Schlangen kümmern kann.
Antwort: Ich wollte zeigen, dass man auch kinderlos in Kontakt mit Kindern sein kann und dafür nicht unbedingt eigene Kinder bekommen muss.
Frage: Werden die Frauen für die Kinder zum „Hort“?
Antwort: Das wäre eine mögliche Interpretation des Titels. „Hort“ hat zudem eine altdeutsche Bedeutung, die so viel wie Schatz oder Fülle bedeutet, wie beim Schatz der Nibelungen. Das spielt auch auf die zugemüllte Wohnung an, die ein Hort und das Zuhause der Kinder ist. Und ein Hort ist natürlich auch die Wohnung der drei Frauen. Ein Ort, an dem sie zu Hause sind und sich behütet fühlen können von ihren Freundinnen; ein Ort, in dem sie nicht infrage gestellt werden.
Einblick in Maries Aterlier:
Frage: Hättest Du die Geschichte genauso erzählt, wenn Du Dich für männliche statt für weibliche Protagonisten entschieden hättest?
Antwort: Das habe ich mich tatsächlich auch oft gefragt. Frauen haben durch das Rollenklischee einen Vertrauensvorschuss. Es ist fragwürdig, ob es überhaupt okay ist, dass sie sich einfach so um verlassene Kinder kümmern, aber sie werden selbstverständlicher als Männer als fürsorgliche und vertrauenswürdige Personen gesehen. Die Kinder im Buch haben im Grunde Glück, dass das auf Petra, Ulla und Denise auch halbwegs zutrifft. Es ist problematisch, sich darauf zu verlassen, dass Frauen automatisch liebevoll und immer bereit zum Kümmern sein sollen, weil das einfach nicht stimmt, wie man am Beispiel der verschwundenen Mutter sieht.
Frage: Zwei stilistische Dinge fallen beim Lesen des Buchs besonders auf: die Einfarbigkeit und die langsame Erzählweise. Erstmal zur Farbe: Warum lila?
Antwort: Das war erstmal eine Designentscheidung. Ich mag lila, es hat einen guten Kontrast zu weiß. Natürlich ist mir diese feministische Assoziation damit total willkommen, aber es wäre ja super plump, ein Buch lila zu machen und zu sagen, dass es deswegen feministisch ist. Lila ist eine Farbe, die Würde und Mystik innehat, im Gestaltungsprozess habe ich auch Lilatöne gesucht, die “lecker” aussehen.
Konsequent in einer Farbe gehalten – und doch alles andere als eintönig präsentiert sich „Hort“:
Frage: “Hort” hat keinen klassischen Spannungsbogen in dem Sinn, dass ein Problem auftritt, das gelöst werden muss, vielmehr ist es eine Aneinanderreihung von Alltäglichem. Wie passt diese Entschleunigung zum sonst sehr schnellen Medium Comic?
Antwort: Ich habe die Figuren beim Zeichnen kennengelernt und währenddessen die Geschichte entwickelt, alles ist parallel entstanden, ohne ein Drehbuch, chronologisch vom Anfang bis zum Schluss. Dass die Geschichte von Alltäglichkeiten handelt, war meine Absicht, ich wollte keinen spürbar vorangetriebenen Plot durchscheinen lassen . Es sollte eine Natürlichkeit in der Erzählweise geben, in der die Geschichte vor sich hin plätschert .Eine langsame Beschreibung, eine Annäherung zu zeichnen, war mein Ziel.
Antwort: Das entsprach auch meinen Gefühlen zu der Zeit gegenüber dem Kinderkriegen. Niemand wird als Mutter oder Vater geboren, man wird zur Mutter, Vater oder einer anderen Bezugsperson. Es ist eine Annäherung, ein Lernprozess.
Frage: Du hast mehrere Jahre an der Geschichte gezeichnet. Hast Du beim Zeichnen der letzten Seite einen Abschiedsschmerz gespürt?
Antwort: Oh ja, sehr. Ich habe mich lange in meinem einsamen Atelier mit diesen Figuren umgeben. In meiner kleinen Welt sind sie natürlich immer noch da und ich könnte theoretisch immer weiter zeichnen, aber das will ich nicht. Deswegen habe ich ihnen ein der Geschichte angemessenes Happy End gegeben. Es sollte das Gefühl, sich angenommen und behütet zu fühlen, am Ende stehen.