Ein einmaliges Erlebnis für Schüler  Rhauderfehner Schüler auf Spurensuche in Israel

| | 22.10.2022 10:03 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auch der Besuch einer Synagoge in Tel Aviv stand auf dem Programm. Foto: Privat
Auch der Besuch einer Synagoge in Tel Aviv stand auf dem Programm. Foto: Privat
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Die Gymnasiasten waren mit dem gebürtigen Rhauderfehner Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg in Israel. Es gab viele Begegnungen und einen sehr bewegenden Moment für den 97-Jährigen.

Rhauderfehn/Israel - Eine Woche lang haben Schüler des Seminarfachkurses „Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Ostfriesland“ des Abiturjahrgangs 2023 des Rhauderfehner Albrecht-Weinberg-Gymnasiums zusammen mit Lehrern und dem 97 Jahre alten Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg Israel besucht.

Der neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel, Steffen Seibert (hinten links), zeigte sich beeindruckt von dem Wissen und Engagement der Schüler in Sachen Erinnerungskultur. Albrecht Weinberg (hinten rechts) und die Schüler unterhielten sich angeregt mit dem Botschafter. Foto:Privat
Der neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel, Steffen Seibert (hinten links), zeigte sich beeindruckt von dem Wissen und Engagement der Schüler in Sachen Erinnerungskultur. Albrecht Weinberg (hinten rechts) und die Schüler unterhielten sich angeregt mit dem Botschafter. Foto:Privat

„Eine unvergessliche Studienfahrt liegt hinter dem Seminarfachkurs“, heißt es in einem Erlebnisbericht der Schule. „Dass die Begegnung mit dem Staat der Juden in Weinbergs Begleitung etwas Einmaliges ist, versteht sich von selbst“, heißt es weiter.

Die Eindrücke der Reisegruppe:

Seminarfachleiterin Anke Chudzinski-Schubert hatte mit einem Israel-Reiseveranstalter aus Stuttgart ein passendes Programm entworfen, in dessen Zentrum ein zweitägiger Aufenthalt in der nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem stand. Dort gab es nicht nur eine Führung durch die bewegende Ausstellung, sondern auch zwei Begegnungen mit weiteren Holocaust-Überlebenden. Zipora Feivlovich, geboren 1926, stammt aus Ungarn und wurde von dort nach Auschwitz verschleppt. Glücklicherweise überlebten sie und drei Geschwister den Holocaust, während die Eltern, ein Bruder und die meisten weiteren Verwandten ermordet wurden. Die Darstellung ihres Leidenswegs, der sich von dem von Albrecht Weinberg so deutlich unterscheidet und doch letztlich nur eine Variation der „Hölle auf Erden“ ist, berührte die Schüler. Auch Tswi Herschel, der als Baby von seinen jüdischen Eltern in die Obhut einer christlichen Pflegefamilie gegeben wurde und nur dadurch überlebte, beeindruckte mit seiner Geschichte.

Die Rhauderfehner Gymnasiasten waren mit Lehrern, Begleitpersonen und Albrecht Weinberg auch auf dem Ölberg. Foto: Privat
Die Rhauderfehner Gymnasiasten waren mit Lehrern, Begleitpersonen und Albrecht Weinberg auch auf dem Ölberg. Foto: Privat

Ergänzt wurde die Arbeit in der Gedenkstätte durch die Beschäftigung mit ausgewählten „Gerechten unter den Völkern“. Mit diesem Ehrentitel und einem eigens für die betreffende Person in der Gedenkstätte gepflanzten Baum werden Menschen geehrt, die nachweislich durch ihren selbstlosen und oft lebensgefährlichen Einsatz Juden vor der Verfolgung und Ermordung gerettet haben.

Selbstverständlich ließ die Reisegruppe nicht die Gelegenheit aus, bei einer Führung durch die Altstadt Jerusalems die Spuren der Passion Jesu nachzuverfolgen: Hierzu gehörten der Blick vom Ölberg auf die Stadt, der Besuch der Klagemauer unterhalb des Tempelbergs, der Gang durch den Garten Gethsemane und schließlich durch die Via Dolorosa zur Grabeskirche an der Kreuzigungsstätte. Eine Tagesfahrt mit Bergwanderung in der Oase En Gedi und Badeaufenthalt am Toten Meer ergänzte das Besichtigungsprogramm.

Treffen mit Botschafter Steffen Seibert

Für die letzten beiden Tage der Studienfahrt quartierte sich die Gruppe in Tel Aviv ein. In einer Begegnung mit dem im März als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel ernannten Steffen Seibert beeindruckten die Schüler ihn mit ihrem Wissen und Engagement in Sachen Erinnerungskultur. Weinberg im Kreis der Schüler kennenlernen zu können, hat den Botschafter sichtlich bewegt.

Für Weinberg selbst wiederum gab es einen emotionalen Moment, als er gemeinsam mit den Schülern in einer Synagoge der Stadt die dort ausgestellte steinerne Gebotstafel berühren durfte, die 1938 nach dem Brandanschlag auf die Leeraner Synagoge aus dieser geraubt wurde und jahrzehntelang verschollen war. Foto: Privat
Für Weinberg selbst wiederum gab es einen emotionalen Moment, als er gemeinsam mit den Schülern in einer Synagoge der Stadt die dort ausgestellte steinerne Gebotstafel berühren durfte, die 1938 nach dem Brandanschlag auf die Leeraner Synagoge aus dieser geraubt wurde und jahrzehntelang verschollen war. Foto: Privat

Für Weinberg selbst wiederum gab es einen emotionalen Moment, als er gemeinsam mit den Schülern in einer Synagoge der Stadt die dort ausgestellte steinerne Gebotstafel berühren durfte, die 1938 nach dem Brandanschlag auf die Leeraner Synagoge aus dieser geraubt wurde und jahrzehntelang verschollen war, bevor sie vor gut 30 Jahren wieder auftauchte und schließlich den Weg zu ehemaligen Leeraner Bürgern fand, die nach dem Holocaust nach Tel Aviv ausgewandert waren.

Gedenkstätte des Flüchtlingslagers Atlit

Der letzte Programmpunkt führte die Schülergruppe und Weinberg schließlich in die Gedenkstätte des Flüchtlingslagers Atlit. Dieses Lager hatte Großbritannien während seines Völkerbundsmandats für Palästina in den 1930er und 1940er Jahren genutzt, um dort illegal eingewanderte Juden unterzubringen. Die Einreise von Juden nach Israel war seinerzeit nur einer festgelegten Personenzahl pro Jahr gestattet, welche vor dem Hintergrund der Judenverfolgung jedoch keineswegs ausreichend war.

So kam es dazu, dass Holocaust-Flüchtlinge den NS-Lagern entkamen, unter dramatischen Bedingungen nach Israel flüchteten, und sich dann doch in einem Lager wiederfanden. Weinberg, der nach seiner Befreiung aus Bergen-Belsen zunächst auch eine Emigration nach Israel in Betracht gezogen hatte, zeigte sich nach der Führung durch die Gedenkstätte erleichtert, dass er sich schließlich für das Exil in den USA entschieden hatte.

Eindrücke von Schülern zur Israel-Reise

Alina Groenewold: „Ich wollte nach Israel reisen, um die Kultur dort kennenzulernen und mich mit dem jüdischen Leben vor Ort auseinandersetzten zu können. Es war ein einmaliges Erlebnis, dass der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg mitgereist ist und ich fühle mich geehrt, dass wir dies miterleben durften. Ich werde mich immer an den besonderen Umgang mit dem Holocaust und die Aufarbeitung vor Ort und natürlich auch zum Beispiel an das Schwimmen im Toten Meer erinnern.“

Thees Bunger: „Mit der Reise nach Israel wollte ich vor allem ein ganz anderes Land kennenlernen, in dem sich die Kultur und die Menschen dort von Deutschland sehr unterscheiden. Aber auch der Aspekt der Erinnerungskultur war wichtig für mich, da sich mit Yad Vashem eine der wichtigsten Gedenkstätten in Israel befindet. Besonders diese Gedenkstätte Yad Vashem hat mir imponiert. Es gab einen dunklen Raum, in dem eine Stimme die Namen von Kleinkindern vorgelesen hat, die von den Nazis umgebracht wurden. Das ging wirklich unter die Haut und das werde ich nicht so schnell vergessen. Ich finde es schon bemerkenswert, dass Albrecht Weinberg in seinem hohem Alter die Reise angetreten hat. Dadurch konnte man Albrecht Weinberg auch abseits seiner Geschichte privat kennenlernen. Aber auch die Kombination von den Erlebnissen, die er durchgemacht hat und die Ausstellung in Yad Vashem haben mir noch einmal verdeutlicht, dass man sich entschlossen gegen Judenhass einsetzen sollte. Die Hinreise wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben, weil ich zu der Gruppe gehörte, die den Flug verpasst hat. Als wir um 4 Uhr nachts übermüdet ankamen, schliefen die anderen schon. Aber auch an die Freundlichkeit der dort lebenden Menschen und die offene Kultur werde ich mich erinnern. Israel ist definitiv eine Reise wert, weil es viel zu erleben gibt.

Tjard Goßling: „Besonders beeindruckt haben mich die neuen Perspektiven auf den Holocaust sowie das Land mit seinen erstaunlichen Projekten wie der Aufforstung durch geschenkte Bäume selbst. Albrecht war ein besonderer Teil der Reise. Zum einen erzählte er zu jeglichen Punkten in der Gedenkstätte seine eigene Geschichte. Andererseits entwickelte sich außerhalb des Themas Holocaust durch persönliche Gespräche während des Abendessens oder Busfahrten eine richtige Freundschaft.“

Mathis Baumann: „Beeindruckend fand ich die ganz unterschiedlichen Geschichten der Überlebenden der Shoa. Beispielsweise auch wie die ,Gerechten unter den Völkern’ in der Zeit geholfen haben und so Menschenleben gerettet haben. Im Generellen haben uns die zwei Tage in Yad Vashem die Geschichte noch näher gebracht und einem zum Nachdenken angeregt. Seien es die Videos und Fotos aus der Zeit des Nationalsozialismus, wo man gesehen hat, wie viele überhaupt den Antisemitismus unterstützt haben, oder auch wie es den Juden in der Zeit ging. Das ist einem alles durch den Gang nach Yad Vashem sehr unter die Haut gegangen.“

Lisa-Marie Stamm: „Ich werde mich vor allem an die Gedenkstätte „Yad Vashem“ erinnern, dort haben wir zwei weitere Zeitzeugen kennengelernt. Weitere Zeitzeugen kennenzulernen, war eine große Ehre. Außerdem waren einige Räume sehr emotional gestaltet, so dass sie auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben werden. Generell werde ich mich immer dran erinnern können, dass wir das Privileg hatten, mit Albrecht Weinberg nach Israel reisen durften.“

Jonathan Heinrich: „Israel und vor allem auch Jerusalem haben mich schon immer interessiert, gerade weil man auch durch den Religionsunterricht und biblische Erzählungen mit dem Land in Kontakt gekommen ist. Da Israel noch sehr jung ist beziehungsweise nicht lange existiert und aufgrund der ganzen Vorgeschichte mit Nazideutschland und der Verfolgung von Juden entstanden ist, war es meiner Meinung nach sehr interessant und wichtig, Israel zu besuchen, um zu sehen, wie jüdische Menschen und auch Holocaust-Überlebende einen neuen Start und somit auch eine neue Heimat für sich finden konnten. Mich hat es beeindruckt, wie die Menschen letztendlich dort leben, da dort ja so viele Religionen zum Beispiel in Jerusalem zusammenkommen und man immer wieder gegensätzliche Seiten in Israel entdecken kann, so zum Beispiel Tel Aviv und Jerusalem. Dass so viel Judentum in Israel ist und die jüdischen Menschen ihre Religion frei ausleben können, aber auch andere Religion wie Islam und Christentum zusammen kommen, hat mich sehr beeindruckt. Ich fand es sehr wichtig, das Albrecht Weinberg mitgekommen ist, denn durch ihn hat man eine noch stärkere Verbindung zur Vergangenheit gehabt. Albrecht Weinberg hat seine Erfahrungen mit uns geteilt - und somit haben wir vieles aus erster Hand lernen können, wenn es zum Beispiel in Yad Vashem um die Zeit von 1933 bis 1945 ging. Viele Informationen wurden durch ihn und seine Herkunft aus Rhauderfehn nochmal deutlicher und realer. Ich muss auch sagen, dass ich es unglaublich stark fand, das er sich letztendlich auch getraut hat und sich überwinden konnte, trotz des hohen Alters noch mal diese Reise auf sich zu nehmen, um uns zu begleiten und mit uns neues erfahren zu können. Ich werde mich immer daran erinnern, das Albrecht Weinberg diese Reise mit uns gemacht hat, was noch mal etwas ganz besonderes ist und diese Reise auch umso interessanter gemacht hat. Durch seine Teilnahme hat man natürlich auch die Möglichkeit gehabt, sehr persönliche Sachen zu fragen. So hat man ihn zum Beispiel auch gefragt, wie das Leben in New York letztendlich war, was er alles erlebt hat. Man konnte auch Sachen fragen, die man nicht in der Gruppe fragen würde. In 10 Jahren würde ich natürlich auch über unsere ganzen Aktivitäten reden, also nicht nur, dass wir in Yad Vashem waren und noch zwei weitere Überlebende der Nazizeit und des Holocaust treffen konnten, sondern auch, das wir zum Beispiel in Jerusalem waren. Was mich an Jerusalem bleibend beeindruckt hat, ist, dass diese Stadt multikulturell und multireligiös ist, in der verschiedene Religionen und Kulturen letztendlich aufeinandertreffen und somit ein sehr interessantes und einmaliges Konstrukt an Stadt entstanden ist. Aber auch die Wanderung in En Gedi und der Besuch beim Toten Meer waren ein absolutes Highlight. letztendlich auch das tote Meer besuchen können.

David Heinrich: „Zunächst wollte ich nach Israel reisen, weil ich auch sehr gespannt war, wie Israel wirklich ist, zum einen kennt man Jerusalem als heilige Stadt, in der viele Religionen aufeinander treffen und an dem auch viele Orte zu finden sind, an denen biblische Ereignisse stattgefunden haben. Zum anderen stellt Tel Aviv einen kompletten Gegensatz dazu dar, da es sich um eine sehr junge und moderne Stadt handelt. Diesen Gegensatz zu erleben, fand ich sehr interessant und hat mich auch dazu animiert, nach Israel reisen zu wollen. Des Weiteren hat mich die Perspektive, die das Land Israel auf den Holocaust hat, dazu angeregt, nach Israel zu reisen. Yad Vashem beispielsweise zeigt den Holocaust aus der Geschichte der Holocaust-Opfer und gibt diesen Jüdinnen und Juden somit ihren Namen und ihre Geschichte, die diesen Menschen im Nationalsozialismus genommen wurde, wieder. Ich fand es wirklich sehr schön und beeindruckend, dass Albrecht Weinberg diese Reise in seinem doch sehr hohen Alter gewagt hat. Albrecht Weinberg als Holocaust-Überlebender kann durch seine Verbreitung seiner Geschichte uns jungen Menschen viel mitgeben, aus einer Zeit, die für uns nur sehr entfernt und schwer zu verstehen ist. Seine individuelle Geschichte zu hören, ist sehr wichtig und Albrecht Weinberg als Zeitzeuge dabei gehabt zu haben, gibt einem insofern die Möglichkeit, etwas so grausames versuchen verstehen zu können. Zu vielen Dingen, die wir beispielsweise in Yad Vashem gehört haben, konnte er aus eigenen Erfahrungen etwas erzählen, was mir geholfen hat, einen tieferen Einblick für die menschlichen Gefühle und Empfindungen, nach dem man etwas so grausames wie den Holocaust überlebt und den Großteil seiner Familie dort verloren hat, wobei das natürlich nie verständlich und greifbar für uns sein kann, zu bekommen. Gleichzeitig konnten wir so auch die Hürden und Aufgaben kennenlernen, die Albrecht hatte, nachdem er aus Deutschland in die USA ausgewandert ist.

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