Projekt der Schule Osterfehn Mit einem Mal hat das russische Baby einen Namen
Die Achtklässler eines Wahlpflichtgeschichtskurses beschäftigten sich mit den sogenannten Kriegsgräbern auf dem katholischen Friedhof in Langholt. Dabei machten sie eine überraschende Entdeckung.
Ostrhauderfehn/Rhauderfehn - „Ohne Vornamen, Woroncow, geb. 20. 7. 1945, gest. 23. Januar 1946 . . .“: So steht es im Gräberverzeichnis des katholischen Friedhofs der Kirchengemeinde St. Bonifatius in Langholt von 1951. Doch seit vergangenem Jahr hat das sechs Monate alte Baby wieder einen Vornamen: Viktor. Es hat auch Eltern: Eugenia und Timofei Woroncow, die aus einem Dorf nahe der russischen Stadt Smolensk stammten. Und Viktor hat zwei Schwestern in den USA, von denen noch eine, die Ärztin Dr. Halina Woroncow, lebt.
Dass Viktor nicht mehr namen- und elternlos ist, dafür hat der Wahlpflichtkurs Geschichte der Klasse R8 der Schule Osterfehn in Ostrhauderfehn gesorgt. Die Jungen und Mädchen nahmen vergangenes Jahr ein Projekt auf dem katholischen Friedhof in Langholt (Rhauderfehn) zusammen mit ihrem Lehrer Torsten Bildhauer in Angriff.
Kinder im Massengrab beigesetzt
Sie beschäftigten sich mit den Gräbern von elf deutschen Soldaten, mit dem Grab eines Soldaten der 1. Polnischen Panzerdivision, sowie von zehn polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen, die während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1939 bis 1945) im Oberledingerland gestorben waren. Und dann machte der Geschichtskurs noch eine Entdeckung: Auf dem Friedhof in Langholt sind auch insgesamt 22 Babys und Kleinkinder von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern begraben. Die meisten haben keinen Grabstein und wurden in einem namenlosen Massengrab beigesetzt. Unter ihnen auch Viktor.
Bei den Recherchen halfen auch Deli Lindemann, die Verwalterin des katholischen Friedhofs in Langholt, sowie Johanna Knoop, Bildungsreferentin des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Oldenburg, mit. Die Gemeinde Rhauderfehn ist per se mit im Boot, weil sie für die Kriegsgräber verantwortlich ist. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Schüler lernten, dass der Zweite Weltkrieg und seine Folgen auch im Oberledingerland stattgefunden hatte und heute noch Spuren zu finden sind.
Kämpfe in Ostrhauderfehn?
Für die 14- bis 16-Jährigen, die im Unterricht den Nationalsozialismus noch nicht durchgenommen hatten, war der Zweite Weltkrieg anfangs graue Vorzeit. Dass es am Ende Kämpfe, Schüsse und Tote in Ostrhauderfehn und Rhauderfehn gegeben hatte und tausende entwurzelte Menschen, sogenannte Displaced Persons, von 1945 bis 1948 in ihrer Heimatregion gelebt hatten, davon wussten sie anfangs nicht. Doch ihr Lehrer Torsten Bildhauer konnte ihnen ein Haus in Ostrhauderfehn zeigen, wo Einschusslöcher zu sehen sind, weil sich dort deutsche Soldaten auf dem Rückzug im Frühjahr 1945 mörderische Kämpfe mit den Alliierten – meistens polnische Soldaten, die mit den Kanadiern zusammen kämpften – geliefert hatten.
Es folgte die sogenannte „,Polenzeit‘ auf dem Fehn“, über die Lokalhistorikerin Helma Heinze aus Langholt ein faktenreiches Dossier geschrieben hat. Denn nach der Kapitulation der Deutschen am 5. Mai 1945 irrten zigtausende Menschen umher, die verschleppt oder gefangen worden und mit einem Mal frei waren; darunter auch die KZ-Häftlinge und Kriegsgefangenen aus den Emslandlagern. Wohin mit ihnen? Weil sich herumgesprochen hatte, dass die 1. Polnische Panzerdivision unter der britischen Militärregierung im hiesigen Raum das Sagen hatte, wurde er ein Hotspot für Displaced Persons. Deshalb wurde angeordnet, dass viele Ostfriesen ihre Häuser räumen. So kam es, dass bis 1948 an vielen Kanälen auf der einen Seite Einheimische und auf der anderen Seite Displaced Persons wohnten. Und starben. Wilma Heinze schreibt: „Im Jahr 1946 wurden 17 Kinder aus den Camps in Ost- und Westrhauderfehn sowie Rhaudermoor auf dem Friedhof in Langholt beerdigt.“
Der kleine Werner hat sogar einen Grabstein
Deshalb gibt es die Gräber von sogenannten „Polenkindern“ und „Russenkindern“ auf dem Friedhof in Langholt wie zum Beispiel das von „Werner Urszula * 29. 10. 1946 +11. 5. 1947 Pole“. Das Baby ist eins der wenigen, die einen Grabstein haben. Aber wo sind die anderen begraben, fragten sich die Schüler und Schülerinnen.
Online wurden die Archive des Internationalen Zentrums über NS-Opfer im hessischen Bad Arolsen durchforstet, aber sie besuchten auch das Staatsarchiv in Aurich. So stießen die Jugendlichen auf die Camps für Displaced Persons in ihrer Heimat. In Ostrhauderfehn und Rhauderfehn waren vor allem Polen und Ukrainer gestrandet, aber auch Russen wie Eugenia und Timofei Woroncow, die Eltern des kleinen Viktor.
Die beiden hatten als Landarbeiter im thüringischen Billmuthausen Zwangsarbeit leisten müssen. Weil sie nicht mehr nach Russland zurückkehren wollten, Thüringen aber in der sowjetisch besetzten Zone lag, ging das Paar nach Kriegsende ins Ruhrgebiet. In Krombach wurde Viktor geboren. Anschließend kamen seine Eltern nach Ostrhauderfehn. Das alles trug der Kurs mit Hilfe ihres Geschichtslehrers und mit Johanna Knoop vom Volksbund zusammen. Und sie fanden noch jemanden: Dr. Halina Woroncow. Denn: Während ihrer Recherche stießen die Jugendlichen auf Viktors Familie. Eugenia und Timofei Woroncow waren nach seinem Tod über Bremerhaven in die USA ausgewandert.
In den Kirchenbüchern stehen Namen
Die Geschichte von Viktor und seinen Eltern konnten die Schüler zurückverfolgen, weil Deli Lindemann, die Verwalterin des Friedhofs in Langholt, die alten Kirchenbücher durchforstet hatte. Dort standen Viktors Vor- und Nachname, seine Lebens- und Sterbedaten sowie die Namen seiner Eltern. Außerdem wurden 21 weitere Säuglinge gefunden, die in der Gräberliste von 1951 nur noch als Polen- und Russenkinder bezeichnet wurden und aus der Auflistung von 1971 ganz verschwunden waren.
Einen Grabstein wie bei dem Baby Werner Urszula gibt es von Viktor aber nicht, genauso wenig wie von vielen anderen Säuglingen, die im Oberledingerland begraben wurden. Inzwischen gehen alle davon aus, dass sie in Langholt in einem Massengrab beigesetzt wurden. Die Schüler haben nicht nur geforscht, sondern sie packten auf dem Friedhof mit an, säuberten die Grabanlage und legten Inschriften frei.
Halina Woroncow kommt zur Gedenkfeier
Inzwischen hat die Gemeinde Rhauderfehn zusammen mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge eine „Geschichts- und Erinnerungstafel Katholischer Friedhof in Langholt“ in Auftrag gegeben, die am 12. November, einen Tag vor dem Volkstrauertag, an dem Gräberfeld aufgestellt werden soll.
Mit dabei ist dann Halina Woroncow. Sie war vom Volksbund angeschrieben worden, dass in Langholt das Grab ihres Bruders ist – eine Information, die die 65 Jahre alte Ärztin quasi elektrisierte, wie sie den Schülern in einem Videotelefonat und dieser Zeitung in einer Mail berichtete. Ihre Mutter, die 2021 im Alter von 102 Jahren gestorben war, habe ihr zwar berichtet, dass Viktor eine Lungenentzündung gehabt habe und in ihren Armen gestorben sei. Doch wo genau ihr Baby begraben wurde, habe sie später nicht mehr orten können. Und die USA verließen Viktors Eltern nie wieder.
Aber nun will Halina Woroncow den Weg ihrer Eltern von Thüringen nach Bremerhaven selbst abreisen. Deshalb kommt sie am 7. November nach Ostrhauderfehn und Langholt. Sie werde auch am Sonnabend, 12. November, um 11 Uhr an der Gedenkfeier auf dem Friedhof in Langholt teilnehmen, teilt Johanna Knoop vom Volksbund mit.