Berlin Welchen seiner Filme Fatih Akins Eltern nicht sehen dürfen
Fatih Akin steht mit seinem neuen Film „Rheingold“ in den Startlöchern. Im Interview spricht der Regisseur über Rassismus, nackte Männer und seine Erziehung. Und er verrät, dass seine Eltern einen seiner Filme nicht gucken dürfen.
In seinem Film „Rheingold“ erzählt Fatih Akin das Leben des Rappers Xatar nach, der nach einer Flüchtlingskindheit zum Musikstar wurde. Im Interview erinnert sich der 49-Jährige an seine eigene Kindheit in Altona, an die Nachbarn Onkel Lutz und Frau Meier, an seine Zeit in einer Gang, an „Kanaken raus“-Graffitos und die Morde der Neonazis.
Frage: Herr Akin, Ihren aktuellen Film widmen Sie Ihrem verstorbenen Vater; Ihre Mutter taucht in der Danksagung auf. Wie haben Ihre Eltern Ihren Weg zum Film begleitet?
Antwort: Ich bin in so einem Vakuum aufgewachsen: Mein Bruder ist drei Jahre älter und der hat meine Eltern auf Trab gehalten – gerade in den Jahren, wo ich mich entschieden habe, Filme zu machen, so mit 15, 16, 17. Außerdem hatte meine Mutter in der Zeit Krebs und war ein halbes Jahr im Krankenhaus. Meine Eltern waren also mit anderen Sachen beschäftigt und ich konnte mich frei entfalten. Irgendwann habe ich Geld mit Filmen verdient; dann war es in Ordnung.
Frage: Gibt es Szenen in Ihrem Werk, die Ihren Eltern Bauchschmerzen bereiten?
Antwort: Nach den Sexszenen bei „Gegen die Wand“ haben meine Eltern mich gefragt, was das soll. Sex ist ja immer so eine Sache. Deswegen gibt es in meinen Filmen wahrscheinlich auch so wenig Sex.
Frage: Wegen der Eltern?
Antwort: Ja, ich glaube, das hat mit meiner Erziehung zu tun. Da hallt so eine gewisse Prüderie nach. Oder zumindest Respekt vor Sex im Film. Und beim „Goldenen Handschuh“ habe ich meine Eltern nicht zur Premiere eingeladen.
Frage: Logisch. Der Film zeichnet ziemlich drastisch Fritz Honkas Serienmorde nach.
Antwort: Das ist der einzige Film von mir, den meine Eltern nicht gesehen haben. „Guckt das nicht“, habe ich ihnen gesagt. Das wird euch nur verstören. Sie haben es bis heute nicht gemacht.
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Frage: Bei Wikipedia lese ich über Sie: „Zeitweise war er in einer Jugendbande.“
Antwort: Was da alles steht! Ich spende ja jeden Monat für Wikipedia. Trotzdem stand da jahrelang, vielleicht steht es da immer noch, dass meine Frau Schauspielerin ist. Das stimmt nicht. Sie hatte ein paar Auftritte bei mir, wenn mal jemand ausgefallen ist. Aber ja, ich war in Jugendgangs. Und schon damals war ich der Chronist; erst habe ich über uns geschrieben, dann kam eine Videokamera ins Haus der Jugend und ich habe Filmchen über die Gang gedreht.
Frage: Zurzeit diskutieren wir intensiv über Alltagsrassismus. In Ihrem Film spielt das gar keine Rolle. „Almans“, also Herkunftsdeutsche, tauchen kaum auf.
Antwort: In der Gang-Welt gibt es eben kaum Almans. Natürlich sind es alles Deutsche. Ich sehe mich auch als Deutschen. Aber es gibt eben Bio-Deutsche oder Weiße oder Almans auf der einen Seite und auf der anderen Kanaks.
Frage: Das kommt noch dazu: Wir haben nicht mal griffige Wörter für „Herkunftsdeutsche“ und „Deutsche türkischer Herkunft“. Sprachlich tritt man leicht ins Fettnäpfchen.
Antwort: Ich darf „Kanaks“ sagen. Was Sie sagen dürfen, müssen Sie rausfinden. Es ist kompliziert geworden; und natürlich gibt es in der Debatte auch Hysterie und Dogmen und Übertreibungen. Ich glaube, dass es unterschiedliche Räume gibt. In bestimmten Räumen kann ich für Sinti und Roma das Z-Wort sagen; aber auch nur hier, wo jedem klar ist, dass ich keinen verletze. In der Öffentlichkeit könnte ich das nie sagen. Und das ist auch okay so. Kanak kann ich selbst sagen; mit dem Wort bin ich aufgewachsen. Da stand „Kanaken raus“ an der Hauswand. Wenn du das mit acht oder zehn Jahren liest, kriegst du Angst. Wenn ich es heute sage, hat es auch damit zu tun, dass ich Herr über die Angst geworden bin.
Frage: In meine und Ihre Schulzeit fällt der Mordanschlag von Mölln. 1992 war ich nicht empathisch genug, meine türkischen Mitschülerinnen auch nur zu fragen, was das in ihnen auslöst. Kann ich das jetzt Sie fragen?
Antwort: Ich glaube, Rassismus ist einer der Gründe, weswegen ich Filmemacher geworden bin. Diese Ungerechtigkeit und diese Angst, die man als Kind empfunden hat. Das ist, als wirst du gemobbt. Ich war in einer Jugendgang, weil ich mich stark fühlen wollte. 1985 hatten Skinheads in Hamburg jemanden totgeprügelt: Ramazan Avcı. Das war sehr erschütternd für uns; ich habe aber von keinem Deutschen erwartet, oder von keinem Alman, dass er auf mich zukommt.
Antwort: Noch vor meiner Kindergartenzeit, als meine Eltern relativ neu in Deutschland waren, da gab es deutsche Nachbarn, die auf uns aufgepasst haben: Onkel Lutz und Frau Meier, so haben wir die genannt. Das war ein bisschen wie Oma und Opa. Die gab es auch. Aber hätte es Mölln und Solingen und Ramazan Avci nicht gegeben, dann wäre ich nicht in der Gang gelandet. Die Gang war Schutz, Anschluss und Sicherheit vor dem Rassismus, zumindest vor dem offenen. Das ist ja nur eine Form.
Frage: Und die andere?
Antwort: Was ich jetzt sage, das sage ich als jemand, der nie einen Angehörigen durch einen rassistischen Anschlag verloren hat: Ich finde den Alltagsrassismus, den versteckten Rassismus eigentlich schlimmer. Wenn Leute fragen: Ein Film über Kanak-Rapper – muss das sein? Bei einem Film über deutsche Gangsta-Rapper hätten sie das nicht gesagt. Oder wenn Wolfgang Kubicki sagt: „Erdogan ist eine Kanalratte.“ Ich muss Erdogan nicht gutfinden. Aber einen türkischen, vom Volk gewählten Politiker als Kanalratte beschimpfen – das ist rassistisch. Ich sage es unter Vorbehalt, weil ich niemanden verloren habe: Mir sind Nazis lieber, die ich auf der Straße erkenne und denen ich aus dem Weg gehen kann. Rassisten, deren Motive ich nicht gleich erkenne, die finde ich eigentlich gefährlicher.
Frage: Werden deutsch-türkische Schauspieler auch bei den Gagen benachteiligt? Oder ist das Problem eher, überhaupt Rollen zu kriegen?
Antwort: Das Problem ist das große Ganze. Wir können nicht über Diversität sprechen, wenn Kuratoren von Fördergremien und Festivals, wenn Redakteure und alle anderen Entscheidungsträger, wenn Filmkritiker*innen nicht divers sind – weder queer noch sonst was. Im Moment sitzt da ein weißes Bildungsbürgertum, das nicht mehr repräsentativ ist – und entscheidet, was divers ist.
Antwort: Ich kann als Filmschaffender zurückblicken: wie hat John Huston das gemacht, wie Scorsese oder Josef von Sternberg? Ich blicke auf Männer zurück. Die Frauen – von Jane Campion bis zurück zu Leni Riefenstahl – sind Ausnahmen. Ich hoffe, dass Frauen irgendwann mal auch zurückblicken können und viele Regisseurinnen sehen. Und dass ich mal auf eine Tradition von Kanaks zurückblicken kann. Noch gibt es diese Traditionen nicht, aber wir arbeiten dran.
Frage: Sie zeigen mehrere Folterszenen – auch der Protagonist wird gefoltert. Wie haben Sie mit dem realen Xatar über diese Erfahrung gesprochen?
Antwort: Ob das Xatar war oder türkische Journalisten, mit denen ich befreundet bin: Die meisten Männer, mit denen ich über Folter gesprochen habe, die wollten erzählen. Als ob sie den Schmerz in eine Flaschenpost stecken und ihn damit loswerden. Wenn ich mit Frauen gesprochen habe, die sexuelle Folter erlebt haben, war das viel schwieriger. Das verlangt eine ganz andere Sensibilität; da habe ich keine Strategie – außer Mitgefühl.
Frage: Wie inszeniert man so sensible physische Szenen? Die Folter, aber zum Beispiel auch die Geburtsszene?
Antwort: Es sind Choreografien. Die Folterszenen, die Prügeleien natürlich und auch die Geburt. Das war alles Bild für Bild vorgezeichnet; selbst wenn man nicht viel sieht. Nun habe ich zwei Geburten miterlebt; aber es war trotzdem gut, dass auch Mütter am Set waren. Meine Regieassistentin hat uns durch die Szene geführt. Auch Sexszenen habe ich immer choreografiert. Das musst du auch. Beim Labern kannst du die Leute improvisieren lassen. Sex kannst du nicht improvisieren. Dann kommt nämlich Marlon Brando mit Butter bei raus.*
Frage: Der echte Xatar hat eine bedrohliche Körperlichkeit; sein Darsteller Emilio Sakraya dagegen ist total sexy. Erstens: Warum? Und zweitens: Warum ist er dann nicht ständig oben ohne?
Antwort: Ich hab Emilio besetzt, weil er der beste Schauspieler ist. Nun sieht er halt unverschämt gut aus; aber das war nicht der Grund. Und jetzt werden Sie lachen: Bora Dagtekin hat Elyas M‘Barek in allen „Fack ju Göhte“-Filmen mindestens einmal oben ohne gezeigt. Den zweiten Teil haben sie gleich in Thailand am Strand gemacht, da war er dann die ganze Zeit oben ohne. In unserem Buch gab es auch eine Chance, Emilio oben ohne zu filmen, allerdings war das die Folterszene, in der er Stromschläge kriegt.
Frage: Was? Aber es ist doch klar, dass einem Durchschnittsvoyeur da alles vergeht!
Antwort: Was soll ich sagen? Eine Hure ist eine Hure ist eine Hure. In mir sprach der Teufel: Der Emilio mit nacktem Oberkörper, das bringt Zuschauer, das bringt Geld. Wir haben es kurz versucht – und ich habe mich fast übergeben. Nicht, weil er gefoltert wird, sondern: es sah aus wie „Rambo 2“, nicht mal wie „Rambo 1“. Ich dachte: Scheiße, ich drehe gerade „Rambo 2“. Ich habe Emilio sofort wieder alles anziehen lassen.
Frage: Im Film steckt jede Menge „Rheingold“ – über fünf Millionen Euro aus der Filmförderung. Was hat der ganze Film gekostet? Und was war am teuersten?
Antwort: Der Film war teuer. Er war für 18 Millionen Euro geplant, versucht haben wir dann 12 Millionen aufzutreiben und geschafft haben wir zehneinhalb. Er hätte aber noch mehr Geld gebraucht. Damit hätte ich mir mehr Zeit gekauft. Es war wie beim Fernsehen: Du musst zehn Seiten Drehbuch mit drei Schauplätzen abschießen – an einem Tag. In der guten alten Zeit bestand meine Crew aus 16 Leuten und ich war sehr viel besser vorbereitet als heute; da hätte ich mir das zugetraut. Aber wenn dein Team 100 Leute umfasst, wenn es ein historischer Dreh ist, mit all der Ausstattung – dann muss man aufpassen, dass es nicht wie Fernsehen aussieht. Filme werden nur durch Geld zu Filmen, das ist einfach so.
Frage: Beispiele, bitte!
Antwort: Neulich saß ich mit einem Freund im Kino und da lief restauriert: „Der weiße Hai“, einer meiner Lieblingsfilme. Den habe ich hundertmal auf VHS gesehen, aber noch nie im Kino. Es war dann, als würde ich ihn zum ersten Mal sehen. Am nächsten Tag bin ich noch mal rein. Die hatten eben einfach auch Geld. Spielberg hat seinen Drehplan mal eben um 100 Tage überzogen, mindestens. Ich habe um fünf oder sechs Tage überzogen.
Antwort: Warum also können wir einen solchen Film in Deutschland nicht drehen? Wahrscheinlich fehlt uns für einen großen Hai in der Nordsee die Fantasie. Da sind die Amis anders erzogen. Aber vor allem fehlt uns das Geld. Unsere Budgets reichen für: Zwei Leute sitzen im Raum und reden. Historische Stoffe werden in die Gegenwart verlegt – weil das Geld für die Kostüme und die Kulissen fehlt. Und hinterher wird das auch noch als Kunst verkauft…
Antwort: Beim „Weißen Hai“ wundern einen die Kosten natürlich nicht – schließlich haben sie auf dem Wasser gedreht.
Frage: Und das ist so teuer?
Antwort: Ich fände es schon schwer, mit diesem Glas Wasser hier auf dem Tisch zu drehen. Aber auf dem offenen Meer – wo die Boje in exakt diesem Winkel stehen muss und das Boot in diesem und die Strömung darf es nicht wegtreiben, weil dann gar nichts mehr im Bild ist. Da schafft man eine, höchstens zwei Einstellungen pro Tag.
Frage: Aber ein Wasserglas auf dem Tisch? Das steht doch sicher.
Antwort: Ja, aber es wird getrunken und dann stimmen die Anschlüsse nicht mehr. Wasser, Tiere, Kinder – diese drei Sachen sind im Film das Schwierigste. Alles nicht zu beherrschen. Mein nächster Film handelt übrigens von Kindern auf einer Insel, die segeln und angeln. Gute Nacht!