Energie-Krise in Restaurants Kostet der Restaurantbesuch bald Eintritt?
Auf dem Festland nehmen einige Gastronomen eine Energiepauschale von ihren Gästen, um die gestiegenen Kosten abzufedern. Wäre das Modell auch etwas für Borkum? Wir haben uns auf der Insel umgehört.
Borkum - Erst die Corona-Pandemie, nun die allseits gestiegenen Kosten: Um diese mit abzufedern, haben neben Hotels auch erste Restaurants eine Energiepauschale für ihre Gäste eingeführt. Zum Beispiel die Gaststätte Zum Grünen Hof in Ganderkesee bei Bremen, wo jeder Besucher 1,50 Euro zahlen muss. Nach Angaben des Branchenverbands Dehoga Niedersachsen handelt es sich bei den Betrieben mit Energiepauschale bisher um „wenige Einzelfälle“.
Hauptgeschäftsführer Rainer Balke hat zudem Zweifel an der Rechtmäßigkeit einer solchen Pauschale. Es könne nicht sein, dass man erst am Ende auf der Rechnung mit dem Zuschlag konfrontiert werde. „Das muss schon bei Betreten des Restaurants kommuniziert werden und sichtbar sein“, sagte Balke der Deutschen Presse-Agentur. Aber wie steht man in Ostfriesland zu dem Thema? Ist dort geplant, künftig Eintrittsgeld zu nehmen? Wir haben uns auf dem Festland und auf Borkum umgehört.
„Von Eintrittsgeldern halte ich gar nichts.“ Das Statement von Karl-Heinz Wittwer, 1. Vorsitzender des Emder Kreisverbandes des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), fällt deutlich aus. Er habe in seinem Bereich auch noch von keinem Kollegen gehört, der so ein Eintrittsgeld nehme. Pauschalen müssten über den Preis geregelt werden; also über eine Erhöhung der Preise fürs Essen. Überdies sieht der Betreiber des Hotels Haus Wittwer in Emden zu viele Unklarheiten: „Wann will man den Eintritt kassieren? Wo soll er aufgeführt werden? Auf der Rechnung oder will man das im Eingangsbereich machen? Für einen normalen Gastronomiebetreib sehe ich das überhaupt nicht praktikabel.“
Altes Haus am Siel will abwarten
Ähnlich die Einschätzung von Maren Blumenberg, Geschäftsführerin im Pier 23 in der Leeraner Ledastraße. Für sie sei ein Restaurant-Eintritt auf keinen Fall vorstellbar. „Man braucht es nicht ,verschönern‘, um dem Kind einen anderen Namen zu geben, und ein Eintrittsgeld verlangen. Sondern man muss seine Preise einfach anpassen“, so Blumenberg. Schließlich mache sich auch in anderen Bereichen, etwa beim Einkaufen, die Inflation bemerkbar. „Ich glaube, dass sich die Leute schneller dran gewöhnen, wenn sich die Preispolitik ein bisschen anpasst. Dann wird da auch nicht mehr so viel drüber geredet.“ Im Pier 23 habe man das ganze Jahr über Preisanpassungen vornehmen müssen – und auch die eine oder andere Konsequenz gezogen: „Es gibt ein paar Artikel, die wir nicht mehr anbieten, weil sie vom Verkaufspreis her zu teuer wären.“ Maren Blumenberg nennt als Beispiel ein Rinderfilet. Für das müsse sie über 50 Euro nehmen.
Im Fischrestaurant Altes Haus am Siel in Ditzum wird vorerst auch keine Energiepauschale von den Gästen genommen. Vielmehr gilt dort die Devise: Abwarten. „Mein Mann und ich haben gesagt, wir lassen alles auf uns zukommen und gucken mal nächstes Jahr, wie es aussieht, ob wir irgendwas machen müssen“, erklärt Gudrun Dirks. Es könne auch sein, dass man das Restaurant über den Winter für einen Monat schließe oder nur noch abends aufhabe. Die Preise seien bereits Anfang des Jahres angepasst worden – aber, so Dirks, weil man dies vorher vier oder fünf Jahre nicht gemacht habe.
Utopische Preise für Weinbergschnecken
Servet Cigdem, der seit April auf Borkum das Bistro Buddelhus in der Franz-Habich-Straße betreibt, hat ebenfalls eine klare Meinung: „Ich selber würde als Gast in so einem Lokal nicht essen gehen, wenn man jetzt anfängt, Eintritt zu nehmen.“ Man habe die Speisekarte in der ersten Saison mit Blick auf Wareneinsatz und Preiskalkulation klein gehalten und angepasst – einmaliger Kartenwechsel inklusive, „weil gewisse Artikel nicht lieferbar oder tragbar waren. Da haben wir gesagt, das muss der Gast auch nicht bezahlen, dann führen wir den Artikel einfach nicht“. Cigdem nennt als Beispiel Weinbergschnecken, deren Preis für einen Konservenartikel utopisch gewesen sei. Insgesamt, resümiert der Bistro-Betreiber, könne er sich über die bisherige Saison im Buddelhus, das ganzjährig geöffnet bleiben soll, nicht beklagen. Das Geschäft werde gut angenommen, das Feedback der Kundschaft sei positiv.
Auch im Borkumer Upholm-Hof-Restaurant müssen Gäste künftig keinen Eintritt zahlen – wobei der Gastronomie-Betrieb ohnehin Ende des Monats in die Winterpause geht, wie Delbert Hanley in Vertretung des Chefs Alexander Hentschel berichtet. „Wir haben unsere Preise nicht erhöht. Man sieht selber in den Medien, es geht uns allen gleich“, so Hanley, und da dürfe man die Leute nicht ausbeuten. Notgedrungen arbeite man aber mit weniger Personal, ob nun im Service oder in der Küche. Wiedereröffnet werden soll das Restaurant am 1. April 2023.
Gastronom muss zweimal Preise erhöhen
Im Restaurant Zum Kaap in der Kaapdelle auf Borkum geht es in Kürze ebenfalls in die Winterpause. Auch bei Erika Fink hält sich die Begeisterung für die Idee eines Eintrittsgelds in Grenzen. „Es gibt Dinge, da muss man dann auch manchmal durch. Das müssen ja die Leute, die einen normalen Haushalt haben, auch“, gibt sich die Inhaberin mit Blick auf die gestiegenen Preise pragmatisch. Notfalls müssten aus Kosteneinspargründen bestimmte Dinge von der Karte genommen werden, „wenn man sagt, ok, das vom Kalb kann ich nicht mehr verkaufen, ich mache es dann von dem und dem Fleisch. Man hat da ja auch ein bisschen Spielraum“. Auf ihrer Speisekarte, so Fink, habe sie die im Frühjahr festgesetzten Preise beibehalten. „Ich glaube, für alle war die Saison auf der Insel nicht schlecht. Aber jeder kann immer nur von seinem Laden reden, und weiß nicht, was beim anderen war.“
Aus einem anderen Borkumer Restaurant, dessen Betreiber sich und den Namen seines Geschäfts nicht in der Zeitung lesen möchte, ist zu erfahren, dass auch dort die Einführung einer Energiepauschale derzeit kein Thema ist. Zwei Preiserhöhungen in diesem Jahr seien aber notwendig gewesen – erst wegen der gestiegenen Preise für Speiseöl, dann wegen der Erhöhungen von Produzenten und Lieferanten. Die Kundschaft habe aber mit Verständnis auf die Preiserhöhungen reagiert, lässt der Gastronom wissen.
Lieferengpässe bei Schraubverschlüssen
Für Michael Schrödter, Betreiber des Lord Nelson Pub in der Borkumer Bismarckstraße, wäre ein Eintrittsgeld eher kontraproduktiv. „Das würde abschrecken, wenn die Leute irgendwo Eintritt zahlen müssten, und dann fürs Bierchen auch noch mal.“ Im Hinblick auf gestiegene Kosten ergänzt er: „Wir haben Anfang des Jahres die Preise schon etwas höher angesetzt, weil die ganze Bierbranche mir gesagt hatte, dass sie irgendwann die Preise erhöhen wird.“ Da sei von einer Energiekrise noch gar nicht die Rede gewesen. Mit Lieferschwierigkeiten habe man sich aber auch im Lord Nelson Pub, der im November in die Winterpause geht, arrangieren müssen, berichtet Schrödter. Gleichwohl habe man Engpässe stets mit anderen Produkten auffangen können – etwa wenn Schraubverschlüsse aus Italien für Prosecco-Flaschen oder Kleber für die Etiketten fehlten.
Für Osman Kalkinc, Inhaber des Restaurants Alt Borkum in der Roelof-Gerritz-Meyer-Straße und zweiter Beisitzer im Dehoga-Inselverband auf Borkum, wäre eine Energiepauschale für Gäste das falsche Signal und Konzept. Dies würden die Kunden nicht akzeptieren, ist er sicher. Gleichwohl sieht Kalkinc seine Branche vor großen Veränderungen. Seiner Überzeugung nach gibt es nur zwei Möglichkeiten, zu überleben: als reine Versorgungsgastronomie, wo es dem Gast darum gehe, satt zu werden, und als gehobene Genuss- und Wohlfühlgastronomie.
Mit Material von dpa