Bielefeld Opfer narkotisiert und missbraucht? Arzt führte Liste mit 80 Frauennamen
Er betäubte offenbar seine Opfer und fiel über seine hilflosen Patientinnen her. Der Assistenzarzt aus Bielefeld führte eine Liste mit 80 Frauennamen. Bekannt sind bisher allerdings 34 Missbrauchsopfer.
Die Vergewaltigungsserie des Arztes Philipp G. in Bielefeld sorgt bundesweit für Entsetzen. Der Mediziner des Evangelischen Klinikums Bethels (EvKB) soll 28 Frauen im Rahmen seiner Arbeit betäubt und vergewaltigt haben, aus seinem privaten Umfeld sind sechs weitere Opfer bekannt. Der Arzt, der sich im Jahr 2020 in der Untersuchungshaft das Leben genommen hatte, soll eine Liste von insgesamt 80 Frauennamen geführt haben.
Wie das TV-Magazin „Kontraste“ und der „Kölner Stadtanzeiger“ parallel berichten, reicht die Liste mit Opfernamen, die der Täter geführt haben soll, bis ins Jahr 2013 zurück. Damals lebte er noch nicht in Bielefeld. Die Auswertung dieser zurückliegenden Fälle ist noch nicht abgeschlossen.
Nachgewiesen wurden ihm alleine im Zeitraum von Februar 2019 bis April 2020 bislang 34 Opfer. Angesichts der bereits 2020 entdeckten Liste, die jedoch jetzt erst mit seinen Taten in Verbindung gebracht wird, dürfte die tatsächliche Missbrauchsopfer-Zahl deutlich höher liegen. Das Problem: Alle Frauen waren während des Missbrauchs betäubt, die Mehrzahl der Opfer kann sich also wohl nicht an die Vergewaltigung erinnern.
Zu möglichen weiteren Opfern sagt die Staatsanwaltschaft Duisburg, die im November 2021 Ermittlungen gegen die Vorgesetzten G.s neu aufgenommen hatte: „Die Prüfung, ob es auch außerhalb des Klinikums zu Straftaten des Verstorbenen gekommen ist, dauert noch an. Damit ist derzeit noch unklar, ob und gegebenenfalls wie viele weitere möglicherweise Geschädigte/Opfer es gibt.“
Der Arzt hatte Videos von seinen Taten aufgenommen und akkurat in digitalen Ordnern mit Klarnamen abgelegt. Der zu seinem Todeszeitpunkt 32-Jährige soll seine Patientinnen mit dem Narkosemittel Propofol in die Bewusstlosigkeit geführt haben.
Eine Betroffene berichtet im „Kölner Stadtanzeiger“, dass der Kripo allein in ihrem Fall mehr als 50 Filme vorliegen: „Manche ein paar Sekunden lang, andere eineinhalb Minuten, manche in Zeitlupe“, berichtet die alleinerziehende Mutter.
Bereits bekannt ist ein Fall von 2016. Damals war der Mann noch als Medizinstudent im „Hospital zum Heiligen Geist“ in Kempen (Kreis Viersen) aktiv. Damals soll der Arzt eine schwangere Patientin, die er unter Narkose gestellt hatte, vergewaltigt haben. Doch trotz ihrer Betäubung erinnert sich das Opfer an die Vergewaltigung. Die Folge: Der Chefarzt der Abteilung hatte aufgrund der Erzählungen der Frau „unmittelbar die zuständigen Strafverfolgungsbehörden in Kenntnis gesetzt“.
Die DNA-Spuren des Arztes in ihrem Gesicht reichten jedoch nicht aus, um den Beschuldigten wegen einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung zu belasten. Im Oktober 2016 wurden die Ermittlungen entsprechend eingestellt. Der damalige NRW-Justizminister, Peter Biesenbach, kritisiert im aktuellen „Kontraste“-Interview vor allem die Entscheidung der Ermittler, die jetzt identifizierten Opfer nicht aktiv über die Taten informiert zu haben.
Das überraschende Argument der Staatsanwaltschaft Bielefeld und Generalstaatsanwaltschaft Hamm: Man wolle die „ahnungslosen“ Opfer, die unter Narkose vergewaltigt worden waren, nicht im Nachhinein traumatisieren.
Trauma-Expertinnen kritisierten diese Entscheidung, schließlich hätten die Frauen auch unter Narkose vieles mitbekommen können. „Die Betroffenen nicht zu informieren, war von Anfang an falsch. Als sich dann auch noch die Geschlechtskrankheit herausstellte, war es sogar evident rechtswidrig“, sagte Minister Biesenbach. Tatsächlich wurden bei der Obduktion des Vergewaltigers mindestens drei Geschlechtskrankheiten festgestellt.