Flensburg/Neumünster  Als die Hells Angels Flensburg und die Bandidos Neumünster verboten wurden

Mira Nagar, Dörte Moritzen, Eckard Gehm
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Von Mira Nagar, Dörte Moritzen, Eckard Gehm
| 12.10.2022 14:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
April 2010: Die Bandidos Neumünster und die Hells Angels Flensburg werden verboten. Foto: ddp
April 2010: Die Bandidos Neumünster und die Hells Angels Flensburg werden verboten. Foto: ddp
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Im April 2010 wurden die Rocker-Clubs dicht gemacht. Wie es dazu kam – und wie es in der Szene heute aussieht.

Da waren sie nun also. Erzfeinde, Konkurrenten in der Rotlichtbranche. Dabei war der Norden doch immer Rot-Weiß. Rot-Weiß wie die Farben der Hells Angels. 2009 lassen sich die Bandidos erstmals nördlich der Elbe nieder. Für die Hells Angels, Platzhirsche im norddeutschen Rocker-Milieu, kommt das einer Kampfansage gleich.

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In einer Villa in einem Wohngebiet in Neumünster, gutbürgerlich und ruhig, eröffnen die Rocker ihren Club, nicht weit vom damals berüchtigten Rechtsradikalen-Treffpunkt "Club 88“ entfernt. Eine treibende Kraft bei der Errichtung des Bandidos-Stützpunkts in Schleswig-Holstein war Neonazi B., ehemaliger Landesvorsitzender der NPD.

B. war frisch aus der Untersuchungshaft entlassen worden. "Der 'Naziszene' respektive dem militanten rechten Spektrum habe ich nicht Ad hoc den Rücken gekehrt", teilt er über eine Mittelsperson mit. "Ich habe meine Aktivitäten einfach eingestellt."

Heute ist er "Sergeant at Arms" der Bandidos National, also derjenige, der für Sicherheit zuständig ist.

Sie wollten eigentlich nur Motorrad fahren, sagt ein Ex-Mitglied der Bandidos heute. Er möchte anonym bleiben, denn mit den alten Weggefährten hat der Aussteiger zum Teil abgeschlossen. Und das ist noch sehr milde ausgedrückt. Bei den Rockern heißt so etwas "Out in Bad Standings" und das ist genau das Gegenteil von einvernehmlicher Trennung oder "Wir können ja Freunde bleiben." Dennoch wolle er die Zeit nicht missen, sagt der ehemalige Bandido heute.

Statt Kutte trägt er jetzt Markenkleidung. Doch die Tattoos sind noch da. Und die Erinnerungen an das, was sich dann medienwirksam „der Rockerkrieg“ nannte.

Schon vor der eigentlichen Gründung der Bandidos brodelte es: Es gab immer wieder Streit zwischen späteren Gründungsmitgliedern der Bandidos Neumünster und Hells Angels-Mitgliedern. Darunter Schlägereien, die lebensgefährliche Verletzung des Hells Angel K. und dessen Falle durch einen Lockvogel in Kaltenkirchen, die zu Schüssen aus dem Hinterhalt führte.

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Diese Fehde sollte sich mit der Gründung der Bandidos Neumünster noch ausweiten. Es folgte eine Serie blutiger Auseinandersetzungen.

Dazu zählt ein Angriff des damaligen Flensburger Hells Angels-Präsidenten R.. Im September 2009 rammte er mit seinem Audi A8 den Neumünsteraner Bandido K. vom Motorrad. Der Biker überlebte schwer verletzt. Mit Milzriss, Rippenbrüchen, einer Wirbelfraktur sowie Lungenquetschung landete er auf der Intensivstation. Er musste in ein künstliches Koma versetzt werden.

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Vor Gericht sollte es später heißen: „Der Angeklagte hat seinen Wagen als Waffe benutzt.“ Handy-Bewegungsprofile zeigten: Offenbar rotteten sich mehrere Rocker um R. zum Zeitpunkt des Unfalls auf der A7 zwischen Flensburg und Tarp zusammen – die Attacke wurde als konzertierte Aktion des Hells Angels-Charters Flensburg gewertet. 

Wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und gefährlicher Körperverletzung wurde R. zu vier Jahren Haft verurteilt.

2009 wurde ein Waffenlager in einer Kfz-Werkstatt in Flensburg entdeckt. Dort fanden die Ermittler unter anderem fünf Maschinenpistolen, zehn Pumpguns, Sprengstoff sowie Munition – und die DNA-Spuren und Fingerabdrücke mehrerer Hells Angels aus Flensburg. Jürgen Sievers, damals Leiter der Abteilung für Zentrale Ermittlungen, sagte nach dem Fund: „Damit hätte man jederzeit in den Krieg ziehen können.“

Der Besitzer der Lagerhalle war laut LKA zwar kein Mitglied der Hells Angels, doch der Rockerclub gehörte zum Kundenkreis. Offenbar wurden hier die illegalen Waffen gehortet.

Eine Eskalation im Rockerkrieg sollte noch weitreichende Folgen haben. Es ist ein Wintertag in Neumünster. Drei Mitglieder der Red Devils Neumünster, dem Unterstützerclub der Hells Angels, kehren in ein Schnellrestaurant ein. 

„Subway" ist damals ein bekannter Treffpunkt der Red Devils. Eine in einen Bandido offenbar verliebte Mitarbeiterin des Schnellrestaurants hatte die Rocker per SMS auf die Anwesenheit der verfeindeten Gruppierung hingewiesen.

Daraufhin überfallen Mitglieder der Bandidos mit Schlagstöcken und Messern ihre Gegner im Subway Neumünster. Beiden Messeropfern – darunter der lebensgefährlich verletzte E.B. – werden die Kutten geraubt, eine Demütigung für ihre Träger.

Wer genau beim Überfall dabei war, bleibt unklar. Als einziger wird dafür P.B. verurteilt. Er wurde erkannt. Doch der Haupttäter soll er nicht gewesen sein. Dieser bleibt unklar, so dass P.B. als einziger dafür in Haft geht.

Die Ungereimtheiten bei der Aufklärung des Vorfalls werden derzeit im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss erörtert.

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Ein brutaler Überfall mitten in der Flensburger Innenstadt folgte: Acht Mitglieder der Bandidos haben einen Mann aus dem Hells-Angels-Milieu überfallen, vermutlich durch Schüsse in die Reifen seines Mercedes. Dann attackierten sie das Auto mit Äxten und Stangen. Dabei wurde der damals 41-Jährige durch Axtschläge verletzt.

Schon länger betrachteten Behörden und Politik die Gewalttaten mit Argwohn. Eine Soko Rocker wurde 2009 beim LKA gegründet und der damalige Innenminister Klaus Schlie verkündete eine "Null-Toleranz-Strategie" gegenüber kriminellen Clubs.

An einem Donnerstagmorgen Ende April 2010 rückten maskierte Beamte schließlich mit Akkuschraubern der Hells-Angels-Tafel am Flensburger Clubhaus zu Leibe.

In Neumünster wurde das hölzerne Schild der Bandidos fast zeitgleich aus dem Boden gerissen.

Schlie hat die Vereine "Hells Angels MC Charter Flensburg" und "Bandidos MC Probationary Chapter Neumünster" verboten.

300 Polizeibeamte, darunter das Spezialeinsatzkommando (SEK), durchsuchten zehn Wohnungen von Vereinsmitgliedern und Vereinsheime in Flensburg und Neumünster sowie in der näheren Umgebung beider Städte.

Viele der Verbrechen der Mitglieder werden den Clubs zulaste gelegt, was juristisch wichtig für ein Verbot ist.

Es war fortan verboten, die Vereinssymbole - sprich Kutten - in der Öffentlichkeit zu tragen. Auch Nachfolgeclubs durften nicht gegründet werden. Man dürfe auch die psychologische Wirkung der Vereinsverbote nicht unterschätzen, sagte Klaus Schlie zum Verbot. Verbotene Rockerclubs könnten sich nicht mehr länger als mächtige Organisationen in der Öffentlichkeit präsentieren.

Doch Symbole lassen sich austauschen und Namen abkürzen. Wo Kutten nicht mehr offen getragen werden durften, konnte man sich mit Supporter-Clubs behelfen, wo Logos und Schriftzüge verboten waren, taten es auch Abkürzungen. AFFA zum Beispiel. "Angels forever, forever Angels" soll das heißen. Die Bandidos verwendeten BFFB.

Auch wenn die Verbote den Verfassungsbeschwerden der Rocker stand hielten, geht ihre Geschichte weiter. Bandidos "patchten" sich um und wichen für einige Zeit nach Padborg aus. In Wahlstedt vor den Toren Neumünsters besteht auch heute noch ein Clubheim. BMC Northgate steht an der Tür.

Doch auch die Konkurrenz hat Neumünster nicht verlassen. Die Red Devils sind in Neumünster weiterhin aktiv/bzw. vorhanden, bestätigt das LKA.

"Mit den Verboten verschwinden die Menschen ja nicht", so das LKA.

Die Flensburger Hells Angels-Zentrale wurde zum Clubheim des Supporter-Vereins Red Devils. Inzwischen wurde auch das Schild des Supporter-Clubs entfernt und es bleibt als Erkennung nur die rot-weiße Farbe. Und am Namensschild die Zahlen 666.

Der mutmaßlich tonangebende Club der Hells Angels Kiel war 2010 noch nicht verboten worden und betrieb die Geschäfte weiter. Was erneut zum Konflikt mit dem LKA führte.

Nachdem der Gaardener Familienvater B. am 30. April 2010 spurlos verschwand, fiel der Verdacht auf Kontakte zu den Hells Angels. Dafür dass sein Verschwinden im Zusammenhang mit Streitigkeiten unter Mitgliedern des damaligen Kieler Charters der Hells Angels steht, konnten die Ermittler keine Beweise finden.

Es meldete sich aber ein vermeintlicher Zeuge. Der wegen seiner Körperform "Kugelblitz" genannte Aussteiger S.R. behauptet erfahren zu haben, dass Hells-Angels-Mitglieder B. stundenlang gequält und gedemütigt hätten, bis ihm einer ins Gesicht oder in den Hals geschossen habe.

Der "Kugelblitz" gab an, dass die Leiche unter der Lagerhalle in Altenholz bei Kiel versteckt sei. Sieben Wochen lang suchten Spezialisten dort nach einer Leiche. Die Halle wurde abgerissen.

Gefunden wurde nichts, obwohl offenbar Leichenspürhunde anschlugen. B. bleibt bis heute vermisst.

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Dennoch liegt gegen die Hells Angels Kiel offenbar genug vor für ein Verbot. Anfang 2012 kam es zur Razzia und dem Ende des Charters Kiel.

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Nach außen hin ist es tatsächlich entspannter geworden, der "Rockerkrieg" scheint Geschichte. Hells Angel K. lebt mit neuem Nachnamen in Thailand, das den Tatverdächtigen aus dem Fall Kaltenkirchen nicht ausliefert. Ein Teil der Neumünsteraner Bandidos hat den Club verlassen.

"Oberflächlich ist es ruhig, aber wir haben ähnliche Verhältnisse wie 2008/09. Die Gruppen versuchen, sich wieder zu stärken. Es brodelt in den Clubs, auch wenn es nach außen ruhig bleibt", heißt es beim LKA.

Seitens des LKA wird außerdem angenommen, dass die Szene derzeit ruhig bleibt, weil die großen Clubs Verfassungsbeschwerde eingelegt haben. Es geht um eine Novellierung des Vereinsgesetzes (Kennzeichenverbot nach § 9 Abs. 3 VereinsG). Mit der Verschärfung des Vereinsgesetzes wurde geregelt: Ist der Ortsverein eines Rockerclubs verboten, müssen bundesweit alle Mitglieder ihre Abzeichen ablegen.

Ein erneuter Rockerkrieg würde den juristischen Kampf gegen die Gesetzesänderung schwieriger machen.

Doch gewaltfrei blieben die Rocker nach den Verboten nicht. 2016 kam es zu einem erneuten Übergriff. Am 23. Mai verfolgte ein Bandido-Quartett, verkleidet als Sondereinsatzkommando der Polizei, in einem gemieteten VW Touran die schwarze Corvette eines Hells Angels, der zu seiner Freundin in Dägeling (Kreis Steinburg) fuhr.

Als die Corvette hielt, stoppten die Bandidos schräg dazu, schalteten ein Blaulicht ein und sprangen aus dem Auto. Mit seinem Baseballschläger zertrümmerten sie ein Seitenfenster, ein Messer wurde gezogen und drei Mal in den Trizeps des Corvette-Fahrers gestochen. Drei der Rocker wurden gefasst, der vierte entkam.

Und auch das Auflaufen in Kutten von Flensburger Red Devils und eine Massenschlägerei bei einer Rennveranstaltung bei Husum brachten erneut das LKA auf den Plan.

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Auch die Rivalitäten von Tattoo-Läden in Neumünster gehen auf Rocker-Konflikte zurück. Denn die ehemaligen Bandidos Neumünster sind im Streit auseinander gegangen.

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Bei den Streitigkeiten zwischen Personen aus Kreisen konkurrierender Tattoo-Studios in Neumünster könnten sich offenbar alte Rocker-Konflikte und eine neue Konkurrenz-Situation in der einträglichen Branche vermengt haben. Das schätzt auch das LKA in Kiel so ein: Es gebe sicherlich eine Schnittmenge mit dem internen Bandidos-Streit, heißt es.

Es gebe zwar keinen Nachweis, dass es sich um Clubgeschäfte handelt. Aber da hinter den Studios "Notorious Ink" und "Famous Tattoo" nach Erkenntnissen des LKA auch Vereinsmitglieder stünden, gebe es eine Gemengelage.

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Allerdings gibt es auch innerhalb der Rocker-Szene einen Wandel. Die Kultur der Clubs hat sich geändert, wie es einstimmig aus Ex-Rocker- und LKA-Kreisen heißt.

"Es gibt die Oldschool-Rocker, aber es gibt auch die neuen, die keine lange Prospect-Zeit hinnehmen wollen", heißt es beim LKA. Das heißt, neue Mitglieder sind nicht mehr bereit, lange auf eine Mitgliedschaft zu warten.

Zudem sei es durch neue Mitglieder beispielsweise aus dem arabischen Raum anders geworden, sagt der Bandidos-Aussteiger. Diese würden eher zueinander stehen als zum Club. "Blut ist dicker als die Kutte", so das LKA.

Und so hakt es offenbar hier und da mit der lebenslangen Treue für den Verein. Angels, Bandidos und die in SH inzwischen hinzugekommenen Mongols sind dann nicht mehr forever, sondern vorübergehend.

Letzte Überarbeitung am 9. August 2022.

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