Osnabrück Eckhart Nickels Roman „Spitzweg“: Wie schlau dürfen Schüler eigentlich sein?
Was läuft heute in der Schule falsch? Eckart Nickels Roman „Spitzweg“ funktioniert als Satire auf Bildungsbürger, aber vor allem als Spot auf Schule als Kampfzone. Dieser Roman ist jedenfalls aktueller als seine manierierte Sprache.
Was ist das? Bildungsbürgersatire, Schulschmonzette oder schlicht Tonio Kröger 2.0? In Thomas Manns Pennälernovelle leidet der dunkelhaarige Tonio schrecklich unter der Dominanz des blonden Hans Hansen. Lebenstüchtigkeit schlägt Empfindsamkeit: Was Thomas Mann in Moll intoniert, dreht Eckhart Nickel in frisches Dur. In seinem Roman übernimmt Carl, der ebenso belesene wie durchtriebene Klassendandy, die Regie bei einem Rachefeldzug gegen die Kunstlehrerin. Die setzt Kirsten vor aller Augen herab, Mitschülerin und talentierteste Zeichnerin der ganzen Klasse. Nickel inszeniert den Plot als Schnitzeljagd – ausgerechnet durch ein Museum und durch einen Parcours, der gespickt ist mit bildungsbürgerlichen Anspielungen.
Mit den „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ und „Unterm Rad“ setzten Robert Musil und Hermann Hesse vor einhundert Jahren den Standard des deutschsprachigen Schulromans. Nickel frischt die verstaubt wirkende Gattung auf, indem er das Klassenzimmer als Konfliktfeld neu kartiert. Seine Figuren agieren so wie der Maler wirkt, der dem Roman den Titel gab: aus der Zeit gefallen. „Spitzweg“ funktioniert glänzend als Geschichte mit mehr als einem doppelten Boden. Auf der Oberfläche geht es um die Suche nach einer verschwundenen Schülerin, auf der zweiten Ebene um Menschen, die sich aus Anspielungen auf Literatur und Kunst ihren hermetisch abgeschotteten Spezialcode stricken.
Ein Aufstand gegen die Gewöhnlichkeit der Emoji-Halden des Internet? Eckhart Nickel schreibt jedenfalls, wie distinguierte Leute früher ihre Teetasse hielten – mit abgespreiztem kleinen Finger. Seine fein ziselierte Kunstsprache ist keine Hochnäsigkeit, sondern das einzig mögliche Idiom für dieses literarische Projekt. Wer es nicht kann, soll es lassen. Nickel kann es. Kein Schelm, wer in dem oberschlauen Carl, der im kritischen Moment Chopin-Schallplatten als Wurfgeschosse nutzt, das Alter Ego des Autors erkennt. Ob Kirstens vegane Eltern oder der Deutschlehrer Dr. Fant, der zum Lesen in die Kellerkatakombe entschwindet – „Spitzweg“ bietet fein ausgearbeitete Charakterminiaturen von Menschen, die in ihren abgeschlossenen Universen leben.
Wer diesen Roman voll genießen möchte, liest ihn als Reflexion auf Erkennen und Wiedererkennen, als gar nicht so versteckten Diskurs über das Bild zwischen Zeigen und Verbergen. Carl, der Ich-Erzähler und Kirsten: Nicht nur von ferne erinnert diese Trias an Maik, Tschick und Isa aus Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Auch Nickel schickt seine drei Helden auf eine Ausfahrt, die in die Ferne führt – jene der Imaginationen. „Spitzweg“ ist ein brillant unzeitgemäßes, skurriles Buch, zu skurril womöglich, um den Buchpreis zu gewinnen.
Eckhart Nickel: Spitzweg: Roman. Piper Verlag. 255 Seiten. 22 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.