Osnabrück  Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“: Ist das wirklich noch gerecht?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 10.10.2022 21:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Mit ihrem Roman „Dschinns“ eine Kandidatin für den Deutschen Buchpreis: Fatma Aydemir. Foto: dpa
Mit ihrem Roman „Dschinns“ eine Kandidatin für den Deutschen Buchpreis: Fatma Aydemir. Foto: dpa
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Warum gehören Leute, die in der deutschen Leistungsgesellschaft mitarbeiten, einfach nicht dazu? Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ schaut auf die Geschichte einer Familie - und die vielen kleinen Benachteiligungen einer Mehrheitsgesellschaft.

Hüseyin hat es fast geschafft. Er kann die Ziellinie schon sehen. Doch dann fängt ihn der Infarkt noch ab. Dreißig Jahre Plackerei sollten sich gelohnt haben. „Deutschland war nicht das, was Du Dir erhofft hattest, Hüseyin. Du hattest Dir ein neues Leben erhofft. Was Du bekamst, war Einsamkeit“: In Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ schrumpft das Leben des Familienvaters zur Geschichte einer Entfremdung. Die Wohnung in Istanbul soll die Belohnung für den Ruhestand sein. Doch im Flur bricht Hüseyin zusammen. Ist das gerecht – nach dreißig Jahren in der Metallfabrik?

Fatma Aydemir ist Autorin und Kolumnistin für die taz. Ihr erster Roman „Ellbogen“ über eine eskalierende Gewaltsituation in der U-Bahn erscheint 2017. Jetzt hat sie es mit „Dschinns“ erwartbar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Gastarbeiterliteratur? Dieser Terminus gehört in die fernen achtziger Jahre. Aydemir schreibt die klassische Geschichte einer Familie in den Rückblenden ihrer Mitglieder. So fächert sich die Handlung auf in ein Delta der persönlichen Erzählungen, die zeigen, wie fremd Migranten, die zur deutschen Leistungsgesellschaft gehören, in diesem Land immer noch sind.

Ist das auch nur im Ansatz gerecht? Fatma Aydemir stellt diese Frage an keiner Stelle ausdrücklich und doch durchzieht sie den ganzen Roman als Leitmotiv. Es geht um Menschen, die mittun und doch draußen bleiben, um jene gläsernen Decken und Wände, die ihre Existenz zu einem Verließ der Chancenlosigkeit machen. Das gilt für Ehefrau Emine, die ihrer türkischen Heimat nachtrauert, ebenso wie für Sohn Hakan, einen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst, oder Tochter Sevda und ihren steinigen Weg zu bescheidenem Erfolg.

Aydemirs Buch berührt als Plädoyer für die Anerkennung, die Menschen brauchen, um sich zugehörig fühlen zu können. „Dschinns“ belehrt zugleich auf subtile Weise darüber, wie sich die Muster der Familien und ihrer Konflikte über kulturelle Grenzen hinweg ähneln können. Hüseyins Familie wirkt auf diese Weise fast schon typisch deutsch. Trotzdem gehört sie nicht dazu. Aydemirs Roman umkreist dieses Motiv jener Spaltungen und Risse in den Identitäten einer Gesellschaft, in der eigentlich alle Migranten sind – auch jene, die sich als Mitglieder dessen sehen, was so gern als deutsche Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wird.

„Dschinns“: Das Buch besticht durch die Intimität und Geduld seiner Erzählfäden, es langweilt bisweilen aber auch mit jenen Wiederholungsschleifen, die sich mit diesem literarischen Muster kaum vermeiden lassen. Dennoch sei der Tipp gewagt: Dieses Buch wird ihn gewinnen, den Deutschen Buchpreis.

Fatma Aydemir: Dschinns. Roman. Hanser Verlag. 368 Seiten. 24 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.

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