Hamburg  Schönheitsoperation: Der soziale Druck wächst, etwas machen zu lassen

Eva Dorothée Schmid
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Von Eva Dorothée Schmid
| 10.10.2022 13:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Brustvergrößerungen gehören zu den fünf beliebtesten schönheitsmedizinischen Eingriffen in Deutschland. Foto: imago images/YAY Images
Brustvergrößerungen gehören zu den fünf beliebtesten schönheitsmedizinischen Eingriffen in Deutschland. Foto: imago images/YAY Images
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Brüste, Gesicht, Po: Der moderne Mensch optimiert sich so stark wie nie zuvor. Die Zahl der Schönheitsoperation steigt ständig. Wer begibt sich in die Hände von Schönheitschirurgen und was kostet das überhaupt? Das erklärt Psychologin Ada Borkenhagen.

Jane Fonda hat es getan, Michelle Hunziker und Linda Evangelista, letztere freilich mit verheerendem Ergebnis. Aber auch Wolfgang Joop und Jürgen Klopp und sogar Tesla-Chef Elon Musk: Sie haben sich freiwillig unters Messer gelegt, um ein bisschen schöner, ein bisschen jünger auszusehen. Sie haben sich die Brüste vergrößern lassen, das Gesicht liften, an ihren Nasen wurde gemeißelt, auf ihren Kopf wurden Haare transplantiert oder an Hüfte, Bauch und Oberarmen überschüssiges Fett abgesaugt.

Doch längst sind es nicht mehr nur Prominente, die sich in die Hände von Schönheitschirurgen begeben, sondern ganz normale Menschen. „Die Zahlen, die wir haben, die zeigen einfach, dass das keine Minderheit oder besondere Gruppe mehr ist, sondern dass schönheitsmedizinische Maßnahmen zum Alltag gehören“, sagt Ada Borkenhagen, die seit vielen Jahren zum Thema Schönheitsoperationen forscht.

Was das Geschlechterverhältnis betrifft, ist der Anteil der Frauen, die sich einer Beauty-OP unterziehen, noch sehr viel höher als der der Männer. Das Verhältnis liegt ungefähr bei 80 zu 20 Prozent. „Aber auch bei den Männern nimmt der Anteil derjenigen zu, die sich beispielsweise die Tränensäcke wegoperieren, eine Haartransplantation machen oder ihre Nase richten lassen“, sagt Borkenhagen.

Welche schönheitsmedizinischen Eingriffe in Deutschland am beliebtesten sind, zeigt diese Grafik:

Die Motive einen Eingriff vornehmen zu lassen, sind dabei unterschiedlich.

Da gibt es die Anti-Aging-Gruppe, die ihren Körper nicht grundsätzlich verändern will, sondern die Zeichen des Alterungsprozesses aufhalten möchte. „Diese Gruppe fängt mit den ersten Behandlungen heute ab 35 Jahren an, denn dann bilden sich die ersten Mimikfalten“, so Borkenhagen. Bevor Verfahren wie Botox und Injektionen mit Hyaluronsäure oder Collagen populär wurden, waren die Männer und Frauen, die Anti-Aging-Medizin in Anspruch nahmen, älter.

Aber wer mit 50 oder 60 Jahren das Facelifting vermeiden wolle, der müsse schon frühzeitig dem Volumenverlust des Unterhautgewebes Einhalt gebieten. „Wenn sich die Mimikfalten erst richtig ausgebildet haben, bekommen Sie die nicht mehr vollständig weg“, sagt die Expertin.

Dann gibt es eine Gruppe, die einen vermeintlichen Makel hat – das kann eine krumme oder zu große Nase sein, kleine oder zu große Brüste oder eine Fettverteilungsstörung, die sogenannten Reiterschenkel. „Diese Unzufriedenheit mit einem bestimmten Körperbereich ist nach der Pubertät ausgebildet und da man in Deutschland eine Schönheits-OP in der Regel erst ab 18 Jahren machen darf, machen es viele in diesem Alter“, erklärt Ada Borkenhagen.

Manchmal trete die Unzufriedenheit mit dem Körper nach Schwangerschaften auf. „Die Bruststraffung kommt bei vielen Frauen erst in Frage, wenn sie das erste Kind hatten.“ Und die Bauchdeckenstraffung sei nach der zweiten Schwangerschaft oder wenn der Kinderwunsch abgeschlossen ist angesagt.

Außerdem gehen auch jene zum Schönheitschirurgen, die mit einer schönheitsmedizinischen Maßnahme ein psychisches Leiden beenden wollen. „Das heißt, sie wollen jemand anderer sein, weil sie mit ihrer Identität nicht zufrieden sind oder sie leiden unter Hässlichkeitswahn, der sogenannten körperdysmorphen Störung“, erklärt Ada Borkenhagen. Dies trifft allerdings nur auf eine relativ kleine Gruppe zu.

Während Menschen, die sich aus kosmetischen Gründen operieren lassen, in den meisten Fällen seelisch von den Eingriffen profitieren, sind jene, die an einer körperdysmorphen Störung oder an einer massiven narzisstischen Störung leiden und deshalb zum Schönheitschirurgen gehen, in der Regel nach jeder Operation weiterhin unzufrieden. „Dann wird die Schönheitsoperation zur Sucht“, so Borkenhagen.

Auch Menschen, die ihren Körper nach aktuellen Idealen modellieren wollen, gehören zum Klientel von Schönheitsmedizinern. Bei den „Modellierern“ handelt es sich vor allem um junge Frauen. „Die machen im Moment viele schönheitsmedizinische Maßnahmen im Gesicht, aber vorrangig minimal- oder noninvasive Sachen“, erklärt Ada Borkenhagen. Lippen oder Wangenknochen aufspritzen lassen, das sei gerade en vogue.

Zudem gehe der Trend zur Sanduhrfigur mit einer sehr, sehr schmalen Taille, wohl gerundetem Po und großen Brüsten. „So eine Sanduhrfigur zu haben, ist natürlich nicht leicht. Ich könnte mir vorstellen, dass die ein oder andere auf die Idee kommt, sich eine Rippe herausnehmen zu lassen, um eine Wespentaille zu bekommen“, sagt Borkenhagen.

Die Modellierer betrachten ihren Körper ein bisschen wie ein Kleid, das man wechselt, wenn sich der Zeitgeist dreht.

Auch interessant: Schönheitschirurgen über Brust-OPs, Botox und Schönheitsideale

Doch woher kommt das zunehmende Bedürfnis, immer genau so auszusehen, wie es dem derzeitigen Schönheitsideal entspricht? Zum einen spielt die zunehmende Individualisierungstendenz eine Rolle. Und Individualität und Identität werde ganz stark über unsere körperliche Erscheinung transportiert, so Borkenhagen.

Wie jemand aussieht, lässt sich heute kaum noch verbergen. Im Lauf der Zeit sind immer mehr Hüllen gefallen. Als Frauen noch lange Röcke trugen, hat die Form ihrer Beine keine Rolle gespielt. Das kam erst mit dem Minirock. Bevor String-Tangas aufkamen, waren die Schamlippen unter Schamhaarwolken verdeckt. Doch mit der neuen Bade- und Unterwäschemode wurde die Bikinizone immer kleiner und durch das Enthaaren sah man vermehrt, wie Schamlippen aussehen. „Da ist vielen Frauen zum ersten Mal bewusst geworden, dass Frauen da unterschiedlich aussehen“, sagt Borkenhagen. Und mit den Unterschieden habe sich ein Schönheitsideal herausgebildet.

Das gleiche gilt für die Schuhmode: Seit es üblich ist, im Sommer in Flip Flops herumzulaufen, stehen auch schöne Füße im Fokus. Und wenn das Oben-Ohne-Baden in Schwimmbädern zur Norm wird, dann werden Brust-Operationen nochmal zunehmen, prophezeit Borkenhagen.

Dazu kommt, dass heute schon Kinder in den Schönheitswettbewerb eintreten: „Früher gab es keine so sexualisierte Kinderkleidung wie heute. Und inzwischen gibt es sogar für Teddybären modische Anziehsachen, damit kommen schon Zweijährige mit dem Thema Schönheit in Berührung“, sagt Borkenhagen.

Die sozialen Medien tun ihr übriges, ebenso Online-Partnerbörsen wie Tinder. „Da kommunizieren wir in erster Linie über Selfies“, erklärt Borkenhagen. Zudem vermittelten Influencer, dass man stets perfekt aussehen müsse – sei es nach dem Aufstehen oder beim Plätzchenbacken. Und von jungen Influencerinnen werden Schönheits-OPs gehypt.

Das Aussehen sei viel wichtiger geworden als es das noch zu Zeiten unserer Großeltern war. Damit habe auch die Körperunzufriedenheit zugenommen, so Borkenhagen. Und weil die Menschen um die Bedeutung des Aussehens wüssten, versuchten sie, attraktiv auszusehen.

Das Problem mit der boomenden Schönheitsmedizin sind nicht so sehr die gesundheitlichen Risiken, sagt die Psychologin. Sie findet es vielmehr bedenklich, dass der soziale Druck, etwas am Körper machen lassen zu müssen, immer größer werde.

Früher konnte sich die Reinigungskraft ein Dior-Kleid kaufen und war dann eine schöne Dame. Heute hilft ein schönes Kleid nicht mehr viel. Doch den Körper auf Vordermann zu bringen, ist teuer. „Sie brauchen sehr viel Geld, um ab 35 kontinuierlich bis 70 die verschiedenen Ebenen des Alterungsprozesses aufzuhalten.“ Borkenhagen spricht schon von einer „Körperkratie“, einer Aristokratie der Schönheit.

Sie sagt: „Attraktivität ist einer der stärksten Faktoren sozialer Ungleichheit, weil die Schicht, die begütert ist und über Bildung und Einkommen verfügt, auch mehr Zeit und Ressourcen hat, die sie in das eigene Aussehen investiert.“

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