Isernhagen  Die Rechtspopulisten sind zurück: Bericht aus der Raucherecke der AfD-Wahlparty

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 09.10.2022 20:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Jubel bei der AfD: Spitzenkandidat Stefan Marzischewski freut sich über das gute Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl 2022 in Niedersachsen. Foto: dpa
Jubel bei der AfD: Spitzenkandidat Stefan Marzischewski freut sich über das gute Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl 2022 in Niedersachsen. Foto: dpa
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Die AfD ist wieder da - und wie. Mit einem zweistelligen Ergebnis ziehen die Rechtspopulisten in den niedersächsischen Landtag ein. Beobachtungen aus der Raucherecke der AfD-Wahlparty:

„Alter Schwede”, entfährt es der AfD-Anhängerin am Sonntagabend kurz nach 18 Uhr irgendwo kurz hinterm Stadtrand von Hannover. Mit nervöser Hand fummelt sie eine Zigarette hervor. „Gott sei Dank”, ruft ein älterer Herr, der ihr hinaus zum Raucherbereich folgt und abwechselnd an Zigarette und Bierglas zieht und nippt.

Die Mitglieder der selbsternannten Alternative können ihr Glück kaum fassen. Mit diesem Wahlergebnis - deutlich zweistellig - hatte so wohl kaum jemand gerechnet. Noch vor wenigen Monaten sah es eher danach aus, als könnte die AfD an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Der Wahlabend aber lief ganz anders. Es werden Mitglieder in den Landtag einziehen, die damit bei der Aufstellung der Landesliste wohl nicht gerechnet haben dürften.

Nach Isernhagen hatte die AfD am Sonntag diejenigen zur Wahlparty geladen, die sie dabei haben wollte, um den Erfolg zu feiern. Unsere Redaktion gehörte offenkundig nicht dazu. Erst wollte die Partei den Ort der Feier nicht verraten. Als der Reporter dann doch vor der Tür stand, durfte er nicht hinein. Der Jubel aber, als die erste Hochrechnung um Punkt 18 Uhr im Saal gezeigt wurde, war auch so durch die geöffneten Fenster draußen in der Raucherecke zu hören.

„Jetzt sind wir auch im Westen, in einem schwierigen Bundesland wie Niedersachsen angekommen”, rief Spitzenkandidat Stefan Marzischewski-Drewes seinen Parteifreunden zu, die das starke Abschneiden mit „Stefan, Stefan”-Rufen feierten. Bundes-Vize Tino Chrupalla, der aus Berlin herbeigeeilt war, unterstrich: „Alles, was über zehn Prozent im Westen geht, ist Volkspartei und das sind wir.”

Die Botschaft des Abends: Niedersachsen soll der Wendepunkt für die AfD sein, die bei den ersten drei Landtagswahlen in diesem Jahr schlecht bis katastrophal abgeschnitten hat. In Schleswig-Holstein war sie gleich ganz aus dem Landtag geflogen. Allerdings noch bevor das Wahlvolk die Auswirkungen der Energiepreiskrise trafen.

Im Windschatten von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und wachsender Inflation melden sich die Populisten nun mit einem Rekordergebnis für Niedersachsen zurück. Doch nicht die äußeren Einflüsse auf diese Wahl stellte Parteichef Chrupalla als Grund für das gute Ergebnis in den Vordergrund: „Zusammenhalt lohnt sich, das hat sich gezeigt.” Überwinde die AfD interne Querelen, so seine These, könne sie überall in Deutschland erfolgreich sein.

In der zurückliegenden Legislatur hatte die AfD Niedersachsen allerdings unter Beweis gestellt, dass sie Opposition nicht kann. Nach Jahren interner Streitereien zerbrach 2020 die Fraktion im Landtag und wurde aufgelöst. Jetzt kehrt sie als Fraktion in etwa doppelter Stärke zurück. Und das wird wohl auch die Arbeit im künftigen Landtag beeinflussen. Der Ton im Leineschloss dürfte rauer werden, wo Grüne und FDP in den zurückliegenden Jahren aus Regierungssicht eine eher pflegeleichte Opposition waren.

Der AfD-Spitzenkandidat ist landespolitisch unbefleckt. Im Wahlkampf gab er sich betont gemäßigt. Mit Marzischewski werden aber auch einige bekannte Gesichter der letzten AfD-Fraktion wieder einziehen. Landespolitische Beobachter zählten sie in der Vergangenheit ausdrücklich nicht zum gemäßigten Teil der Partei, die zudem vom Verfassungsschutz als Verdachtsobjekt eingestuft worden ist.

Die Neu- und Altparlamentarier der selbsternannten Alternative bringen Ballast mit: Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen Partei-Vize und Neu-Landtagsmitglied Ansgar Schledde aus der Grafschaft Bentheim.

Die Anklagebehörde geht dem Anfangsverdacht der Untreue nach. Ex-AfD-Mitglied Christopher Emden hatte im ZDF erklärt, er hätte für einen guten Listenplatz zur Landtagswahl eine vierstellige Summe auf ein Konto zahlen sollen, das von Schledde verwaltet wird.

Der wies die Vorhaltungen des ehemaligen Parteifreundes als „Mumpitz” zurück. In der Raucherecke der AfD-Wahlparty sagte Schledde unserer Redaktion, er habe seinerseits nun rechtliche Schritte eingeleitet. Aber das sind nur Randnotizen am Sonntagabend im Qualm von Isernhagen.

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