Perth  Lebendig im Leichensack: Der rätselhafte Fall des Kevin Reid

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 09.10.2022 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
War ein Mann in Australien noch am Leben, als der Reißverschluss des Leichensackes geschlossen wurde? (Symbolfoto) Foto: dpa/Ingo Wagner
War ein Mann in Australien noch am Leben, als der Reißverschluss des Leichensackes geschlossen wurde? (Symbolfoto) Foto: dpa/Ingo Wagner
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In Westaustralien hat die Behauptung eines Arztes für Furore gesorgt. Der Mediziner glaubt, dass ein 55-jähriger Australier noch am Leben war, als er ins Leichenschauhaus gebracht wurde. Was ist passiert?

Einen Tag lag ein Mann in Australien bereits in einer Leichenhalle, als der Reißverschluss seines Leichensacks nochmals geöffnet wurde. Den Anwesenden bot sich ein gruseliger Anblick: Auf dem Krankenhauskittel des Mannes war frisches Blut von einer Verletzung am Arm, zwei seiner Gliedmaßen lagen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Position und die Augen des Australiers standen weit offen.

Der anwesende Arzt glaubt deswegen, dass der Mann möglicherweise noch am Leben war, als er in die Leichenhalle des Krankenhauses gebracht wurde, und erst dort gestorben ist. „Ich glaube, das offene Blut eines neuen Hautrisses, die Armposition und die Augen stimmten nicht mit einer Person überein, die bei der Ankunft im Leichenschauhaus postmortal war“, heißt es in einem Bericht des Arztes an den Gerichtsmediziner, aus dem das lokale Medium „WA Business News“ zitiert.

Der Mediziner behauptete zudem, dass Krankenhausangestellte ihn gebeten hätten, Reids Sterbeurkunde zurückzudatieren, um den Vorfall zu vertuschen.

Die bizarre Geschichte beschreibt die letzten Stunden von Kevin Reid, einem 55-jährigen Australier, der im Rockingham Hospital in Perth palliativ behandelt wurde. Der Vorfall ereignete sich bereits Anfang September, wurde jedoch erst vergangene Woche bekannt. Die Behauptungen des Arztes haben in Australien für Furore gesorgt, nachdem das Land derzeit auch mit einem großen Arbeitermangel im Gesundheitssystem zu kämpfen hat.

Laut lokaler Medien soll eine leitende Krankenschwester den Tod des Mannes am 5. September bestätigt und seine Familie kontaktiert haben. Diese kam, um sich von ihrem Angehörigen zu verabschieden. Danach blieb der vermeintlich Tote auf der Krankenstation zurück. Erst rund fünf Stunden später wurde er dann in die Leichenhalle gebracht.

Eine Sterbeurkunde wurde zunächst nicht ausgestellt. Anscheinend kam es zu einer Verwechslung: Der diensthabende Arzt sollte zwei unterschiedliche Todesfälle untersuchen, kümmerte sich aber nur um einen.

Aufgrund dieses Versehens wurde Reid in dieser Nacht wohl in einen Leichensack gesteckt, ohne dass zuvor eine Sterbeurkunde ausgestellt wurde. Krankenhausangestellte berichteten aber, dass seine Augen geschlossen waren und sein Leichnam in einen sauberen Krankenhauskittel gekleidet war, bevor er in die Leichenhalle des Krankenhauses gebracht wurde.

Als der Arzt dort tags darauf jedoch seine Untersuchung durchführte, fielen die Unstimmigkeiten auf. Gleichzeitig soll der Arzt auch noch gebeten worden sein, die Sterbeurkunde rückzudatieren. Diese Bitte lehnte der Mediziner ab.

Die Gesundheitssprecherin der Opposition, Libby Mettam, die häufig den Zustand des westaustralischen Gesundheitssystems kritisiert, beschrieb den Fall auf Twitter als „entsetzlich“. Die Anschuldigungen, dass ein Arzt den Zeitpunkt des Todes zurückdatieren sollte, würden eine Untersuchung der Corruption and Crime Commission, der Kommission, die gegen Korruption und Verbrechen vorgehen soll, rechtfertigen.

Mark Duncan-Smith, Präsident der Australian Medical Association in Westaustralien, sagte der australischen Tageszeitung „Sydney Morning Herald“, dass Ärzte einen Patienten auf Atem- und Herzgeräusche untersuchen und prüfen müssten, ob sich die Pupillen erweitert haben, bevor sie den Tod eines Menschen bescheinigen könnten.

Dies geschehe im Normalfall, bevor der Patient zur Leichenhalle gebracht werde. Duncan-Smith bestätigte zudem die Zweifel des Arztes, der den Toten untersuchte. Er sagte, es sei unwahrscheinlich, dass ein Patient, der nach seinem Tod einen Schnitt oder eine Wunde erlitten habe, bluten würde. „Sobald ein Patient gestorben ist, stoppt das Herz, sodass es keine Zirkulation mehr gibt und das Blut nicht mehr mit Sauerstoff angereichert ist“, sagte er. „Wenn also ein Verstorbener einen Schnitt bekommen würde, würde man nicht erwarten, Blutungen oder rotes Blut zu sehen.“

Der Geschäftsführer des zuständigen Gesundheitsservices, des South Metropolitan Health Service, bestritt gegenüber lokalen Medien, dass der 55-Jährige noch am Leben gewesen sei, als er in den Leichensack gesteckt wurde.

Paul Forden sagte gegenüber dem Fernsehsender 7 News, dass er mit einigen leitenden Pathologen und leitenden Ärzten darüber gesprochen habe. „Der menschliche Körper ist ein komplexer Organismus und tatsächlich gibt es nach dem Tod Bewegung.“ Auch Körperflüssigkeiten würden noch kurz vor dem Tod abgegeben. Sein Dienst würde den Vorfall untersuchen, doch es ginge dabei eher um das Prozedere nach dem Tod eines Patienten und nicht, ob der Patient tatsächlich tot gewesen sei.

Vorfälle, bei denen Menschen fälschlicherweise für tot erklärt wurden, sind zwar selten, aber nicht völlig unbekannt. 2020 berichtete die „New York Times“ von einer jungen Frau aus Michigan, die für tot erklärt wurde, Stunden später dann aber atmend und mit offenen Augen im Bestattungsunternehmen aufgefunden wurde.

Die 20-Jährige, die mit Zerebralparese geboren wurde, starb letztendlich nach acht Wochen im Koma. Dies sei „der Albtraum vieler Menschen“, sagte der Anwalt der Familie, Geoffrey Fieger, der Zeitung damals und fügte hinzu, dass die Angelegenheit durch die Tatsache verschlimmert worden sei, dass die junge Frau behindert war. „Es ist jemandem passiert, der nicht für sich selbst sprechen konnte.“

Im gleichen Jahr bahrte eine indische Familie ihren 74-jährigen Angehörigen in einem gläsernen Kühl-Sarg auf. Erst am nächsten Tag bemerkte man, dass der Mann doch noch am Leben war. Letztendlich verstarb er wenige Tage später wegen Lungenproblemen, die er sich möglicherweise durch die Kälte im Sarg zugezogen hatte, wie die „BBC“ berichtete.

Und im Mai dieses Jahres zeigte der Sender „Sky News“ Bilder aus Shanghai, die ebenfalls einen ähnlichen Fall dokumentieren. Auf dem Video sieht man die Mitarbeiter eines Bestattungsinstituts, die den vermeintlich leblosen Körpers einer älteren Frau in einen Leichenwagen laden. Dabei fällt ihnen offensichtlich auf, dass diese gar nicht tot ist. Die Frau wurde daraufhin zurück ins Altenheim gebracht.

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