Hamburg Endlich wird die Klitoris richtig dargestellt: „Sex in echt“ klärt sogar Erwachsene auf
Viele Aufklärungsbücher sind veraltet und führen zu unrealistischen Erwartungen. „Sex in echt“ möchte aufzeigen, dass bei Sex nicht nur Babys und Geschlechtskrankheiten entstehen. Erwachsene können dazulernen, wenn sie ihr eigenes Genital zeichnen.
In diesem Artikel erfährst Du:
Ein Aufklärungsbuch, das sich auch für Erwachsene lohnen soll: Die Autorinnen Nadine Beck und Rosa Schilling haben „Sex in echt“ geschrieben und dabei selbst noch etwas über die Pubertät, die Lust und die Liebe gelernt. Penisse, Popos und Vulven wurden dabei von Sandra Bayer illustriert, bekannt für das Design der Einhorn-Kondome.
Was unterscheidet das Buch von anderen Aufklärungsbüchern, was läuft im Sexualkundeunterricht an Schulen falsch? Und was antworte ich meiner Tochter, wenn sie fragt, was ihre „Mumu“ macht? Wir haben mit den Autorinnen von „Sex in echt“ gesprochen:
Frage: Heute gibt es viele Influencer, die rund um das Thema Sex aufklären – wie euch beide. Hattet ihr früher so etwas wie Vorbilder?
Antwort: Nadine: Als ich angefangen habe, mich für Sex und meinen Körper zu interessieren, war mein Vorbild ein schwuler, exzentrischer Mann: Freddie Mercury. Seinetwegen war für mich das Thema Homosexualität gar keine Frage mehr.
Antwort: Rosa: Heute würden wir vielleicht sagen, dass er nicht-binäre Anteile hatte. Und sein Look war auch nicht klassisch männlich. Eine total tolle Melange aus Schnurri (Anm. d. Red.: Schnurrbart) und Glitzerklamotten.
Frage: Welches Buch hat euch damals in Sachen Aufklärung geholfen?
Antwort: Nadine: Gar kein Buch.
Antwort: Rosa: Im Kindergarten gab es eins, das hieß Peter, Ida und Minimum. Das ist ein Klassiker aus den Siebziger Jahren. Das kennen noch viele, das war ganz süß – aber keine Ahnung, wie ich das heute bewerten würde. Ich erinnere mich noch stark an das Bild, das den Geschlechtsverkehr zeigt: Mama und Papa liegen aufeinander und über ihren Köpfen schwebt ein Herz.
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Frage: Hat sich im Laufe der Jahre etwas an der Darstellung von Sex verändert, wie sehen die Schulbücher von heute aus?
Antwort: Rosa: Soweit ich weiß, gibt es mittlerweile Schulbücher für den Biologie-Unterricht, welche die Klitoris richtig darstellen.
Antwort: Nadine: Ich habe mir mal einen Schwung gebrauchter Aufklärungsbücher bestellt. Es war teilweise gruselig. Immer dieselben Fehler: Meistens fehlt die Klitoris zur Hälfte, die Darstellung ist heteronormativ, es sind nur weiße Menschen zu sehen.
Antwort: Rosa: Und die anatomischen Zeichnungen sind zu glatt. Klar, das sind nur Modelle, die zeigen kein Foto. Aber mich haben diese Zeichnungen früher verunsichert. Ich dachte: Hm, bei mir sieht das irgendwie nicht so symmetrisch aus.
Frage: Vor allem bei Penissen ist mir das damals aufgefallen. Alle waren perfekt gezeichnet, glatt, lang und hübsch. Erst durch Gespräche mit Freundinnen habe ich gelernt, dass das Quatsch ist.
Antwort: Nadine: Total! Man glaubt, dass Penisse ganz bestimmt aussehen müssen, weil man es nur so aus Vorlagen kennt. Dabei haben sie eine genauso große Bandbreite. Eventuell wird darüber noch weniger gesprochen. Jungs machen vielleicht Penisvergleiche, reden in einer gewissen Ebene über Menstruation. Aber vielleicht nicht so, wie Frauen. Diese Über-Perfektion stresst.
Frage: Selbst als Frau stresst das. Ein paar meiner Klassenkameradinnen hatten sehr früh Sex, mit 14 oder 15. Ich hätte – aufgrund der Schulbücher – in diesem Alter Erwartungen an einen Penis gehabt, die niemand hätte erfüllen können.
Antwort: Rosa: (Lacht.) Stimmt! Aber auch das Bild, das an Wände gekritzelt wird, zeigt immer den erigierten Penis. Das führt zu unrealistischen Erwartungen.
Frage: Wie habt ihr es trotz schlechter Schulbücher geschafft, heute so aufgeklärt zu sein?
Antwort: Rosa: Laaange Geschichte – die noch nicht zu Ende ist. Die Texte von Dr. Sommer in der Bravo haben wir beide gelesen. Irgendwann kam auch das Internet hinzu, dafür bin ich aber fast schon zu alt. Ich habe mich erst später im Studium und während des feministischen Aktivismus wieder mit den Themen Körper, Sexualität und Geschlechtlichkeit beschäftigt – aus einer anderen Perspektive.
Antwort: Nadine: Bei mir auch, lange nach der Pubertät. Ich möchte mal unterstellen, dass es vielen Menschen mit meinem Geschlecht so geht: In den ganzen Zwanzigern hatte ich gewisse Scham und die Vorstellung, dass Frauen bei Sex zu gefallen haben. Das wirkt sich natürlich auch auf Beziehungen aus. Ich beispielsweise habe nicht gelernt, meine Lust zu kommunizieren.
Antwort: Rosa: Und zu sagen: Ich will einen Orgasmus haben!
Antwort: Nadine: Genau! Das habe ich viel später gelernt. Erst durch meine Doktorarbeit habe ich mich intensiver damit beschäftigt, das war vor knapp zehn Jahren. Damals war ich knapp 35. Da kam auch das Thema Kinderwunsch auf, somit habe ich mich mit Sex anders beschäftigt – mit Dingen, die ich bisher nie hinterfragt habe.
Frage: Nun ist es aber nicht selbstverständlich, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich weiter aufzuklären. Wer kauft denn Euer Buch? Jugendliche?
Antwort: Rosa: Wahrscheinlich eher Erwachsene und Bezugspersonen. Aber wer weiß? Vielleicht kauft das auch mal ein jugendlicher Mensch, wenn es im Buchladen irgendwo auslegt. Der Titel, die Bildsprache, ist für viele Leute recht provokativ und macht neugierig.
Antwort: Nadine: Gedacht ist das Buch aber schon für Euch, für Kids. Für jeden, der sich mit Sex weiter auseinandersetzen möchte. Ob Du nun neun oder neunzig Jahre alt bist: Du kannst immer noch etwas daraus lernen. Ich habe erst kürzlich eine Freundin getroffen, die das Buch mit ihrer Tochter angeschaut hat. Die Tochter ist neun, wollte aber trotzdem wissen: Mama, wie ist das mit meiner Mumu? Dann hat meine Freundin ihr die Bilder im Buch gezeigt. Jetzt kann sie Mumu richtig bezeichnen, als Vulva.
Weißt Du, was diese Begriffe bedeuten?
Frage: Was habt Ihr noch dazugelernt?
Antwort: Nadine: Das mit der Lust habe ich viel mehr verstanden: Lust kann kommen, Lust kann gehen…
Antwort: Rosa: …und Lust ist nicht das gleiche wie Erregung.
Antwort: Nadine: Ich fand es wohltuend, sich sexuell einzusortieren. Ich beispielsweise bin allosexuell – der Begriff hat mir vorher nichts gesagt. Und: Ich habe viel rund um die Gesetzeslage der Pornografie gelernt. Mir war es vorher gar nicht klar, dass ich das unter 18 Jahren eigentlich gar nichts auf dem Handy haben, beziehungsweise weiterverschicken darf. Die meisten Konsequenzen gehen glimpflich aus. Trotzdem ist es eher ungeil, wenn das Handy weggenommen, das Haus durchsucht oder die Eltern involviert werden.
Antwort: Rosa: Für mich war es das Pubertätswissen. Dazu wusste ich zwar vorher schon was, weil ich ausgebildete Sexualpädagogin bin – aber ich arbeite hauptsächlich mit Erwachsenen zusammen.
Frage: Apropos Bilder im Buch: Wie wichtig war Euch die Gestaltung des Buches?
Antwort: Rosa: Die Idee, Sandra als Illustratorin zu engagieren, hatten wir nicht selber, die kam vom Verlag. Wir mochten sofort ihren Stil. Sie ist außerdem keine Kinderbuchautorin, sondern bekannt für die Kondome- und Periodenprodukte von der Marke Einhorn. Deswegen kennt sie das Milieu der Genitalien und der Menstruation. Das finde ich genial: Ihre Zeichnungen, das Design des Buches, ist für jeden zugänglich.
Antwort: Nadine: Ihr Stil ist ein bisschen comic-mäßig, aber weder niedlich noch babyhaft. Das hätte auch nicht zu unserem Buch gepasst. Ich glaube, da fühlen sich die Kids nicht ernst genommen, wenn alles rund um das Thema Sex rosafarben gestaltet ist.
Frage: Gerade in dem Alter, in dem Aufklärung eine Rolle spielt, möchte man nicht mehr als Kind wahrgenommen werden.
Antwort: Nadine: Genau. Du wirst gerade erwachsen und hast coole Comics verdient! Wir dürfen aber aus vielen Gründen keine konkreten Dinge abbilden, wegen pornografischen Aspekten und weil der Jugendschutz bestimmte Vorgaben hat.
Frage: Ist das nicht absurd, bei sexueller Aufklärung keine Fotos zu zeigen?
Antwort: Rosa: Das hat auch gute Gründe.
Frage: Welche?
Antwort: Rosa: Ich finde es richtig, einen Jugendschutzgedanken zu haben. Beispielsweise ist unser Laden „Fuck Yeah“ in Hamburg schon unter 18 Jahren zugänglich, weil wir keine Pornografe-Titel anbieten, also keine DVDs zu sehen sind. Und um ehrlich zu sein, finde ich das auch okay. Die Kids schauen sich das sowieso auf ihren Handys an.
Frage: Ich dachte nicht an Pornografie, eher an Fotos von echten Penissen oder Vulven.
Antwort: Rosa: Es gibt keine genaue juristische Definition, was unter Pornografie zu verstehen ist. Das ist eine Sache der Auslegung. Allgemein gilt: Erregte Genitalien, die sexuell miteinander interagieren. Aber ist es schon pornografisch, wenn nur der Penis abgebildet ist, oder muss noch eine Hand zu sehen sein? Es gibt auch Definitionem, die nur unsittliche pornografische Darstellungen verbieten. Aber was soll das denn sein, unsittlich? Das sind moralische Wertungen. Es gibt aber Aufklärungsbücher, die explizite Fotos zeigen.
Frage: Die zeigen dann aber wieder perfekte, weiße Körper – wie die Zeichnungen der Schulbücher?
Antwort: Rosa: Genau, das ist dann wieder der Nachteil. Bei Fotos hast Du noch eher den Drang, Dich damit zu identifizieren und Dich zu vergleichen. Man müsste eine Menge Fotos schießen, um Vielfalt abzubilden. Das geht mit Illustrationen viel einfacher.
Antwort: Nadine: Wir wollten konkret sein, was bestimmte anatomische Kennzeichen angeht. Wenn Du aber eine Sache real zeigst, bist Du hart an der Grenze des Jugendschutzes und hart an der Grenze des Idealisierens. Rosa: Und schließlich gibt es neben Bildern auch noch Worte. Wir beschreiben sehr deutlich, wie man was wo reinstecken muss.
Frage: Da stellt sich die Frage, welche Themen in einem Aufklärungsbuch behandelt werden sollen. Ich beispielsweise hätte mir mehr Wissenswertes rund um Verhütungsmethoden gewünscht.
Antwort: Rosa: Da hatten wir das Gefühl, dass es schon andere Bücher mit detaillierteren Informationen gibt.
Antwort: Nadine: Die Konsequenzen von Pille, Spirale und Co. zu erklären, ist außerdem ein bisschen schwierig. Es gibt viele Influencer und Influencerinnen, die gegen die Pille sind, aber für manche Menschen sind Hormone nun mal die beste Option. Das ist mega individuell und sollte mit Ärzten und Ärztinnen besprochen werden. Rosa: Wir haben uns deswegen mehr auf Kommunikation von Sex konzentriert und auf Lust und Unlust. So schreiben wir beispielsweise: Safer Sex ist Teamwork und dass ihr beide gemeinsam die Entscheidung bewusst treffen müsst. Das haben wir sehr deutlich erklärt, ohne extra noch einmal die Vor- und Nachteile der einzelnen Verhütungsmethoden aufzulisten.
Frage: Welche Themen waren Euch denn wichtig, was wird noch zu wenig im Sexualkundeunterricht behandelt?
Antwort: Rosa: Viel! Mir wurde lediglich Gefahrenabwehr beigebracht: Ungewollte Schwangerschaften müssen verhindert werden, genauso wie sexuell übertragbare Krankheiten.
Antwort: Nadine: Aber eigentlich eher nur die Krankheiten namens Aids. Ich selbst hatte gar keinen Aufklärungsunterricht – bis auf zwei Filme auf einem altmodischen Projektor, der furchtbar gerattert hat. Ich meine, es ging um die Menstruation.
Frage: Und in meinem Sexualunterricht habe ich beispielsweise nie ein Lecktuch gesehen – erst durch Jan Böhmermanns öffentlich-rechtlichen Porno.
Antwort: Rosa: Ganz genau, höchstens Kondome. Zu meiner Zeit wurden keine Latexhandschuhe oder Lecktücher erwähnt. Selbst Basics, wie Händewaschen, das kann auch schon helfen, wurden nicht erwähnt. Es wurde eine zutiefst heteronormative Vorstellung vermittelt: Sex ist Penis in Vagina und dabei können Babys und Krankheiten entstehen. Über all das Schöne – Babys können auch toll sein – wird nicht geredet. Damit meine ich Lust, die Kommunikation rund um Sex. Deswegen wollten wir das eher thematisieren.
Frage: Eine Sache unterscheidet Euer Buch von vielen anderen: Ihr lasst Platz für Notizen. Unter anderem soll man sein Genital zeichnen. Warum?
Antwort: Nadine: Ah, die Introspektion! Die ist aus vielen Gründen wichtig. (Anm. d. Red. Introspektion ist eine auf das eigene Bewusstsein, die psychischen Vorgänge gerichtete Beobachtung)
Antwort: Rosa: Wir finden es gut, wenn wir die Leute dazu einladen können, sich selbst zu reflektieren. Wenn man beispielsweise sein Genital zeichnet, geht es darum, sich mit seinem Körper auseinanderzusetzen. Das ist total wichtig für die eigene Sexualität, den ganzen spaßigen Teil, und für Safer-Sex, dem frühzeitigen Erkennen von Krankheiten.
Antwort: Nadine: Außerdem sind die ganzen interaktiven Elemente wichtig, um seine Sprachfähigkeit zu trainieren: Worauf habe ich Lust und wie kann ich das jemandem anderen mitteilen? Wie kann ich sagen: Ich liebe es, wenn Du mit meinen Nippeln spielst? Dadurch habe ich eine ganz andere kommunikative Basis. Wenn ich nicht mal weiß, wie ich die Sachen benenne, habe ich eine gewisse Hemmschwelle.