Todendorf  Wie eine Hundetrainerin verhindern will, dass Hunde ausgesetzt werden

Sina Wilke
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Von Sina Wilke
| 07.10.2022 11:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nadine Seeger mit zwei ihrer Hunde, einem weißen Schäferhund und einem Rottweiler. Foto: Chrissi Witt
Nadine Seeger mit zwei ihrer Hunde, einem weißen Schäferhund und einem Rottweiler. Foto: Chrissi Witt
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Nadine Seeger ist Verhaltenstherapeutin für Hunde. Sie hilft Hundehaltern, die mit ihrem Tier nicht mehr klarkommen. Welche Gründe es hat, wenn es zwischen Hund und Halter nicht klappt.

Der junge Beagle-Mischling war süß und quirlig, scheinbar der perfekte Familienhund. Aber seine Halterin klang am Telefon verzweifelt: Der Hund wirkte aufgedreht und hatte sogar geschnappt – eine Katastrophe mit zwei kleinen Kindern im Haus.

Nadine Seeger, Trainerin und Verhaltenstherapeutin für Hunde aus Todendorf, ließ sich den Familienalltag schildern – und hatte schnell eine Ahnung, was mit dem Welpen los war:

Irgendwann, so Nadine Seeger, habe er dann aus Überforderung angefangen zu schnappen.

Sie gab der Halterin Tipps, wie sie ihrem Hund helfen könne, zur Ruhe zu kommen. Ob es funktioniert hat, weiß sie nicht, denn die Anrufer ihres Notruf für Hundehalter melden sich anonym. Eines weiß sie aber: „Wenn sie es nicht geschafft haben, dann geht es eben nicht mit diesem Hund.“

Es gibt so einiges, was nicht geht zwischen Hund und Mensch, das erfährt Nadine Seeger in ihrer täglichen Arbeit in ihrer Schule „Pet für Hunde“; das erfährt sie aber auch in ihrem ehrenamtlichen Engagement beim Notruf. Diesen hatte sie vor den Sommerferien zusammen mit Kollegen eingerichtet, um zu helfen, bevor überforderte Menschen ihre Tiere aussetzen.

„Die Situation ist schwierig: Viele Hundepensionen haben aufgegeben, andere sind voll, und die meisten Tierheime bieten keine Plätze mehr an, weil sie so viele Fundhunde haben“, weiß Nadine Seeger.

Dennoch gebe es immer noch Möglichkeiten, einen Hund auf Zeit unterzubringen, die „viele Leute gar nicht auf dem Schirm haben“. Dog-Sharing-Programme zum Beispiel oder Nachbarschaftshilfen. „Auch Trainer übernehmen gern mal einen Fremdhund, um sich weiterzubilden.“ Der Bedarf bei der Hotline war so groß, dass Nadine Seeger entschied, die Beratung weiterhin anzubieten.

Und schnell zeigte sich, dass es nicht nur um logistische Probleme ging. „Meistens ist das nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Denn Menschen, die ihren Hund für den Urlaub nicht loswerden, haben oft schon andere Problem mit ihm“, weiß Nadine Seeger. Häufig seien sie mit ihrem Tier überfordert, weil es viel belle, aggressiv oder ängstlich sei.

„Viele müssen nach der Zeit des Homeoffice zurück ins Büro, aber der Hund kann nicht allein bleiben. Deshalb möchten sie ihn wieder abgeben“, schildert die Hundetrainerin ein häufiges Problem. „Einigen konnte ich das zum Glück ausreden und Tipps geben, was sie erstmal versuchen sollen.“

Woran könnte es liegen, dass der Hund den ganzen Vormittag bellt? Ist er nicht ausgelastet? Unsicher? Hilft vielleicht ein sogenanntes Deckenkommando, damit er sich auf seinem Plätzchen entspannen kann, statt an der Tür zu sitzen und auf das Treppenhaus zu lauschen?

Probleme haben Halter auch mit ängstlichen Hunden, die häufig aus dem Ausland kommen. „Da kann man das Selbstwertgefühl der Tiere verbessern, indem man zum Beispiel in den Alltag kleine Aufgaben einbaut, die sie bewältigen“, erklärt Nadine Seeger.

Immer wieder erlebt die 34-Jährige auch, dass sich Menschen keine Gedanken darüber machen, wie die Rasse tickt, die sie sich angeschafft haben. „Eine ältere Dame rief an, weil ihr junger Border Collie ihre erwachsene Tochter hütete. Der ließ niemanden an die Frau heran“, berichtet sie, und schiebt lachend hinterher: „Naja, das ist halt ein Border Collie, der will hüten.“

Sie fragte die Frau, wie sie den Hund beschäftige. Sie gehe mit ihm spazieren, war die Antwort. Doch das reicht dem anspruchsvollen, intelligenten Hütehund in der Regel nicht. „Der braucht Kopfarbeit und Führung“, weiß Nadine Seeger.

Dann berichtet sie noch von den Hundehaltern, die sich wunderten, dass ihr Kangal zu Hause niemanden hereinlässt. „Ok, aber das ist seine Aufgabe. Und das hätte man vorher leicht herausfinden können.“

Das Problem sei, so die Hundetrainerin, dass viele Menschen nur danach gehen, wie süß ein Hund aussieht. „Sie finden ihn schön, machen sich aber keine Gedanken darüber, welche Eigenschaften er hat.“ Wurde er gezüchtet, um zu wachen, zu hüten, zu jagen?

Menschen auf der Suche nach einem Hund gehen meist ganz nach ihrem Gefühl. „Haben Sie schonmal einen Welpen auf dem Arm gehabt?“, fragt Nadine Seeger. „Das Ding ist gelaufen! Da sagt niemand mehr: Das ist aber nicht der richtige Hund für mich.“ Der Mensch ist schockverliebt, aber es passt dann trotzdem nicht immer.

Manchmal erfährt sie am Telefon auch von Schicksalen, die ihr sehr nahe gehen: Eine betagte Dame war schwer erkrankt, konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Mit letzter Kraft versuchte sie nun ihren alten Deutschen Schäferhund unterzubringen. „Aber keiner will alte Hunde haben“, sagt Nadine Seeger bedauernd.

Sie versucht dann mit Ideen zu helfen, wo man es noch versuchen könne – Vorsicht bei Ebay Kleinanzeigen; „Deine Tierwelt“ sei eine gute Adresse, auch Tierheime helfen bei der Vermittlung.

Und sie wundert sich, dass Menschen, die ihren Hund von einer Organisation bekommen haben und ihn wieder abgeben möchten, nicht auf die Idee kommen, diese um Hilfe zu bitten. „Das hat auch viel mit Scham und Schuldgefühlen zu tun, dass sie mit dem Hund nicht zurechtkommen.“

Diese Grafik von Statista zeigt, dass die Zahl der Hunde während der Corona-Pandemie gestiegen ist:

Bei Problemen suchen viele dann nach der schnellen Lösung im Internet – wo es zwar viele gute Informationen, aber auch viel Unsinn gebe, weiß die Expertin. „Eine Anruferin erzählte mir, dass ihr Hund den Kot anderer Hunde fresse. Im Internet stand, sie müsse den Haufen verprügeln und ausschimpfen, damit das aufhört. Das ist absurd.“ Patentlösungen gebe es ohnehin meistens nicht, weil jeder Hund anders sei. Die 34-Jährige rät:

Es sei so ähnlich wie bei der Kindererziehung, sagt Nadine Seeger: „Die Leute lassen sich von 1000 Ratgebern verunsichern, statt auf ihr Bauchgefühl zu hören.“ Und in noch etwas ließen sich Eltern und Hundehalter vergleichen: „Man kann nicht alles richtig machen. Auch wir Hundetrainer haben keine perfekten Hunde.“

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