Annie Ernaux Eine Stimme ihrer Zeit
Mit dieser Wahl liegt die Schwedische Akademie richtig: Literaturnobelpreis 2022 für Annie Ernaux. Mit ihren Büchern fragt sie, was aus dem Glücksversprechen der Wohlstandsgesellschaft geworden ist.
Louise, wer? Der Name der amerikanischen Lyrikerin Louise Glück, Trägerin des Literaturnobelpreises 2020, war eher Experten geläufig. Annie, wer? Das fragt jetzt niemand. Die Literaturnobelpreisträgerin 2022 ist einer großen Leserschaft bestens bekannt. Warum? Weil Annie Ernaux eine Stimme ihrer Zeit ist, weil ihre Analysen der sozialen Wirklichkeit mehr als nur einen Nerv treffen. Und weil ihr literarischer Ton ebenso einprägsam wie wahrhaftig ist. Bücher wie „Die Jahre“ oder „Der Platz“ sind längst zu literarischen Klassikern eines Europa der enttäuschten Versprechen von Glück und Wohlstand für alle avanciert.
Die Entscheidung der Schwedischen Akademie gilt einer Autorin, die in ihrer eigenen Biografie den Spuren der Entfremdung nachgeht, die akribisch jene Verbindungslinien nachzeichnet, die das eigene, vermeintlich nur private Leben mit den Formationen der Gesellschaft verbinden. Ernaux verbindet literarischen Anspruch mit erheblicher Breitenwirkung.
Die Vergabe des Literaturnobelpreises löste zuletzt eher Kontroversen aus. Popstar Bob Dylan galt vielen als zu leichtgewichtig, Peter Handke als moralisch fragwürdig. Annie Ernaux hingegen werden jetzt alle applaudieren. Sicher auch Michel Houellebecq, der andere Star der französischen Gegenwartsliteratur, der auch immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde.