Flensburg Richard David Prechts Medienkritik ist übertrieben – die Debatte richtig
Die Medienkritik der Autoren Richard David Precht und Harald Welzer einfach nur zu verdammen, wäre zu einfach und falsch. Irgendwoher muss der Verdruss und das Misstrauen ja kommen.
Wir leben bekanntlich in einer Welt voller unterschiedlichster Meinungen zu allen möglichen Themen. Das gilt auch für Journalisten. Sie konnten noch nie einen Kommentar oder eine Kolumne schreiben, die sämtliche Leser „abholt“ und auf 99-prozentige Zustimmung stößt – heute ist es noch unmöglicher als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, da die Gesellschaft nicht mal mehr einig darüber ist, ob Wladimir Putin ein blutrünstiger Tyrann ist oder nicht. Darum soll es hier aber nicht gehen.
An dieser Stelle sei mir einmal die Ich-Form gestattet. Ich arbeite seit 30 Jahren als Journalist, die letzten acht davon frei, und weiß einigermaßen, wovon ich rede. Nach jedem Artikel, zum Beispiel über Putin, gibt es Post von Lesern (hier sind tatsächlich nur Männer gemeint), die mit Kündigung des Abos drohen, weil sie nicht zustimmen, sich also in dem Text nicht wiederfinden und/oder „Objektivität“ vermissen, was bei einer Kolumne für die Rubrik „Kolumne“ völlig unmöglich ist.
Die Grafik zeigt, wie es weltweit um die Pressefreiheit bestellt ist:
Abgesehen davon: Seit ich den Job mache, habe ich nicht ein einziges Mal (!) eine Anweisung eines Chefredakteurs erhalten, dieses oder jenes (nicht) zu schreiben. Die Kollegen lassen mir völlig freie Hand, sie kennen meist nicht mal das Thema, über das ich mich auslasse, erfahren es erst, wenn ich ihnen den Text per Mail zugesendet habe: Auch bei diesem hier war es so.
Manche Leser glauben, ich schriebe nur das, was ein Chefredakteur lesen wolle, damit ich weitere Aufträge erhielte. Auch das stimmt nicht, meine Auftragslage ist bestens, ich muss immer wieder Anfragen ablehnen. Zudem habe ich keine Ahnung, wie die vielen Chefredakteure von all den Zeitungen und Magazinen, für die ich arbeite, politisch ticken – und wüsste ich es, wäre es mir egal. Mit anderen Worten: Vieles von dem, was über Journalismus und Journalisten erzählt – oder besser: – außerhalb der Redaktionen angenommen wird, ist falsch und nicht einmal die halbe Wahrheit.
Dennoch gibt es berechtigte Kritik an der Medienwelt, betrachte ich mit Sorge, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen misstraut – und das hat Gründe, die längst nicht nur mit der zunehmenden Polarisierung, Fake News oder Desinformationen (etwa des Kreml) zu tun haben, sondern auch mit Entwicklungen des Journalismus unserer Tage, der Personalisierung, der Zuspitzung von Aussagen insbesondere in Online-Medien, der vom Inhalt nicht gedeckten Überschriften und der – gefühlten oder tatsächlichen – politischen Einseitigkeit in Redaktionen.
Was in der öffentlichen Debatte dabei häufig vergessen wird: Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland, für die man zahlen muss, sind in privater Hand. Die Eigentümer können tun und lassen, was sie wollen – es ist ihr Geld, ihr Geschäft. Anders ist es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der von Milliarden Euro der Bürgerinnen und Bürger lebt und schon deshalb zur Ausgewogenheit verpflichtet ist – und dieser Vorgabe längst nicht umfänglich gerecht wird.
Gerade weil ein stetig wachsender Teil der Bürger den klassischen Medien misstraut oder gar keine Nachrichten (mehr) liest, ist es wichtig, dass wir uns Gedanken darüber machen, was (vielleicht) falsch läuft in der deutschen Medienlandschaft. Nun haben der Philosoph Richard David Precht und der Sozialpsychologe Harald Welzer ein Buch vorgelegt, das diese – ungeachtet aller Schwächen ihrer Thesen – überfällige Debatte voranbringt – und das schon aus dem simplen Grund, dass die beiden ein breites Publikum erreichen. Es bringt jedenfalls nichts, immer wieder zu betonen, dass Precht und Welzer ihre Prominenz Medien verdanken, die sie nun kritisieren.
Das Buch heißt „Die vierte Gewalt“. Schon über den Untertitel lässt sich trefflich streiten: „Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist.“ Da wird in den Raum gestellt, dass Medien und Politik in einem mehr oder weniger virtuellen Zusammenspiel für Mehrheiten sorgen oder ungewünschte Stimmungen drehen.
Dass der Vorwurf auf tönernen Füßen steht, zeigt sich daran, dass weite Teile der Medien – auch ich – für rasche Lieferungen von Panzern an die Ukraine plädieren, Bundeskanzler Olaf Scholz aber nicht nachgibt. (Es wäre auch ein Ding oder Unding, würde er auf mich hören.)
Verwendung findet auch der fragwürdige Begriff des „Mainstreams“, der in einem Milieu genutzt wird, das bekannten Medien Desinformation und Manipulation bescheinigt. Er ist Unsinn, weil er Meinungsunterschiede innerhalb von Redaktionen ignoriert und unterstellt, was nicht existiert, nämlich einen vereinheitlichten oder sogar gleichgeschalteten Gleichklang einer Ansicht zu einem bestimmten Thema. Wenn in einer Redaktion nun mal keine einzige Journalistin und kein einziger Journalist der Meinung ist, dass das Corona-Virus eine Erfindung einer elitären Weltverschwörung sei, wird es auch niemand schreiben, nur um nicht als „Mainstream-Medium “ durchzugehen.
In der Verlagsankündigung zu dem Buch war sogar von „Selbstgleichschaltung“ der Medien die Rede, was Welzer zunächst gebilligt hatte, aber von Precht sofort scharf kritisiert wurde. In die rechte Ecke wollen die Autoren nicht gestellt werden – da gehören sie definitiv auch nicht hin –, weshalb sie sich mehrfach von jeder „Lügenpresse“-Diffamierung distanzieren.
Das ist es denn auch, weshalb das Buch nicht einfach in die Tonne getreten werden, sondern breit diskutiert werden sollte, auch wenn es nicht immer um Fakten, sondern gefühlte Wahrheiten geht. Denn dass, wie es Welzer nun formuliert, der Meinungskorridor in Medien „verengt“ ist, empfinden sehr viele Menschen so. Wir von den Medien sollten also klären, ob es und – wenn ja – warum es so ist, wie es kommt, dass das so viele glauben.