Berlin Bully Herbig: Ich liebe „Schuh des Manitu“ und er ist gut, wie er ist
Eigentlich möchte Michael Bully Herbig nur über seinen Film „Tausend Zeilen“ reden. Doch die Frage, ob Winnetou rassistisch ist, lässt sich derzeit nicht ausklammern. Wie denkt er heute über seine tuntige Winnetou-Persiflage „Schuh des Manitu“?
Mit seiner Satire „Tausend Zeilen“ hat Bully Herbig gerade den Skandal um gefälschte „Spiegel“-Geschichten ins Kino gebracht. Im Interview kommentiert er den Sinn und Unsinn, den Zeitungen über ihn selbst schreiben – und erklärt, wie die Winnetou-Debatte den Blick auf seinen Blockbuster „Schuh des Manitu“ verändert.
Frage: Herr Herbig, über viele Promis werden erfundene Geschichte verbreitet. Auch über Sie?
Antwort: Kaum – das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich selbst da nicht besonders engagiere. Meine Frau und ich haben vor 20 Jahren entschieden, dass wir unser Privatleben aus dem ganzen Boulevard-Zirkus raushalten.
Frage: Ein Grund mehr, was hinzuzudichten!
Antwort: Vor ungefähr 15 Jahren stand tatsächlich mal was in einer großen Boulevardzeitung. Da war eine Baustelle abgebildet, die mir völlig unbekannt war, an einem Ort, an dem ich nie war – und darüber stand die Schlagzeile: „Hier baut Hui Buh sein neues Schloss!“ Auf einem zweiten Bild daneben waren dann meine damalige Assistentin, die ich einmal zum Bayerischen Filmpreis mitgenommen hatte, und ich selbst zu sehen. Unterschrift: „Ein seltenes Bild: Bully mit seiner Frau.“ Baustelle, Schloss, Frau – alles falsch. Das blieb auf lange Zeit aber die größte Fake-Geschichte über mich. Bis Wikipedia mir ein zweites Kind angedichtet hat; das wurde dann aber nach ein paar Jahren von irgendjemandem korrigiert.
Frage: Sie fahren sicher gut damit, den Boulevard nicht anzufüttern.
Antwort: Zumal ich das Gefühl habe, dass es immer wilder wird. Man bekommt den Eindruck, es geht nicht mehr um eine saubere Recherche, sondern nur darum, wer die Meldung als Erster hat. Und wer die lauteste Headline raushaut, damit die Leute schnell draufklicken. Wenn die Nachricht zum Geschäft wird, wird’s unappetitlich. „Don‘t touch the news“ (Finger weg von den Nachrichten) – das war immer unser Grundsatz, als ich damals noch beim Radio gearbeitet habe. In der Morgen-Show haben wir alles auf den Arm genommen – von den Nachrichten haben wir die Finger gelassen.
Frage: Haben Sie damals auch journalistisch gearbeitet oder waren Sie immer im Entertainment?
Antwort: Wir haben Unterhaltung gemacht. Beim Radio bin ich ja nur gelandet, weil sie mich an der Filmhochschule nicht angenommen haben. Und ich hatte Glück. Das Privatradio steckte damals in den Kinderschuhen, und es herrschten eine wundervolle Anarchie und Aufbruchsstimmung. Wir konnten machen, was wir wollten. Ich war kein Journalist und kein Moderator, also haben wir Comedy gemacht: Kino für die Ohren. Was ich da gelernt habe, konnte ich auch später noch sehr gut gebrauchen.
Frage: Die Filmhochschule hat Sie abgelehnt. Geben Sie da jetzt zum Trotz selbst Seminare?
Antwort: Nicht aus Trotz, aber aus Spaß. Ein, zwei Mal habe ich Gastvorträge gehalten. Ich begrüße die Leute gerne mit: Sie wollten mich nicht – hier bin ich!
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Frage: Hatten Sie später das Gefühl, dass Ihnen die Ausbildung fehlt?
Antwort: Gar nicht. Als „Der Schuh des Manitu“ ins Kino kam und so ein exorbitanter Erfolg war, hat sich dazu sogar einer der Professoren geäußert, etwa so: „Wäre Herr Herbig auf die Filmhochschule gegangen, hätte er diesen Film wohl nie gemacht.“ Da könnte sogar was dran sein. Aber am Ende glaube ich auch: Wie ich Unterhaltung definiere, das steckt in meiner DNA. Das hätte man mir da auch nicht genommen. Aber es wäre mir vermutlich schwerer gefallen; vielleicht hätte ich mich den „Schuh des Manitu“ nicht getraut.
Frage: Würden Sie ihn sich denn heute noch trauen?
Antwort: Es war mein Traum, Filme zu machen, seit ich zehn war. Wickie, Elvis Presley, Winnetou, Superman – das waren meine Avengers. Wickie und Winnetou waren Vorbilder. So wollte ich sein. Das waren meine Werte. Sich als Erwachsener selbst in den Sattel zu hocken und durch Almerìa zu reiten – für mich war das 2001 das Größte. Das war alles mit ganz viel Liebe und ganz viel Leidenschaft gemacht. Aber um die Frage zu beantworten: Ich liebe diesen Film noch immer und er ist gut so, wie er ist. Humor verändert sich aber. Natürlich würde ich den Film heute nicht mehr ganz genau so machen, wie vor 20 Jahren. Ist doch logisch. Der Zeitgeist ist ein anderer und daraus entstehen neue Ideen, andere und frischere Gags.
Frage: Ein bisschen ausführlicher müssen Sie das schon erläutern.
Antwort: Wie gesagt, Humor ist immer in Bewegung. Umgangsformen, was und wie man es sagt – das ist alles in Bewegung. Und das ist auch richtig so. Ich bin der Letzte, der Entwicklungen ignoriert oder Dinge nicht hinterfragt.
Frage: Aber?
Antwort: Es funktioniert nicht, wenn du als Unterhalter mit Regeln konfrontiert wirst, die dir vorschreiben, wie du deine Gags zu machen hast. Den perfekten Witz, über den alle lachen, gibt es nicht und Humor polarisiert nun mal. Man kann Komikern oder Satirikern kein Regelwerk vorschreiben, an das sie sich halten müssen.
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Frage: Wie erleben Sie die aktuelle „Winnetou“-Debatte? Es geht nicht um Ihre Filme, aber natürlich ließe sich die Kritik an der Darstellung von Native Americans auch auf die beziehen.
Antwort: Diese Diskussion wurde mir persönlich zu laut geführt. Ich warte ab, bis sich alle ausgebrüllt haben. Dann kann man sich vielleicht wieder vernünftig unterhalten – mit dem nötigen Fingerspitzengefühl.
Frage: Haben Sie den aktuellen „Winnetou“ angesehen?
Antwort: Nein. Ich hatte vor 22 Jahren das Gefühl, dass wir mit „Der Schuh des Manitu“ den letzten Winnetou-Film gemacht haben. Ich dachte damals eher, nach unserem Film wird es vermutlich nie wieder einen ernstgemeinten Winnetou-Film geben können.
Frage: Bei Wikipedia steht, Pierre Brice habe Ihnen nach „Der Schuh des Manitu“ vorgeworfen, die Kultur der Indigenen zu veralbern.
Antwort: So hat er das nicht gesagt. Ich habe Pierre Brice immer verehrt, aber ich fürchte, er hat den „Schuh des Manitu“ sehr persönlich genommen. Wir saßen damals gemeinsam auf der „Wetten, dass ..?“ Couch und er sagte mir „Ich vermissen Respekt!“ Würde ich den Film heute machen, könnten wir ja einen Kulturbeauftragten installieren. Aus jeder Community einen mit in die Entwicklung einbinden.
Frage: Flachsen Sie jetzt?
Antwort: Es sieht im Moment ja so aus, als hätten die Betroffenen alle keinen Humor. Dabei ist das ja nicht der Fall. Wir hatten beim „Manitu“-Dreh Native Americans am Set, zum Beispiel Robert Alan Packard, der jetzt auch zur aktuellen Debatte Interviews gegeben hat. Der hat damals wie heute gesagt: „Es geht immer darum – welches Herz, welche Motivation hat derjenige, der eine Pointe macht?“ Die Absicht ist entscheidend. Und der Film, den wir vor 22 Jahren gemacht haben, hat sich auf Filme bezogen, die heute 60 Jahre alt sind. Schon damals war jedem klar, dass es sich um Märchen handelt. Das ist so, als würde ich heute eine Parodie auf „Harry Potter“ machen oder auf den „Herrn der Ringe“. In so einem Film müsste ich Zwerge zeigen und ich müsste sie auch so nennen.
Frage: Wie, glauben Sie, wird die Debatte sich entwickeln?
Antwort: Die Diskussion wird noch eine Zeit lang Staub aufwirbeln und wenn er sich dann irgendwann wieder gelegt hat, sind wir hoffentlich alle schlauer und sensibilisierter. Wir entwickeln uns alle weiter, aber die künstlerische Freiheit sollte man nicht infrage stellen.
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Frage: Ihr aktueller Film greift den Medienskandal um die gefälschten Reportagen des „Spiegel“-Autors Claas Relotius auf. Was hat Sie am Stoff gereizt?
Antwort: Die Größe: Es geht um Wahrheit und Lüge – damit kann man wunderbar spielen. Ich hatte mich sofort für den Stoff interessiert, aber ich musste feststellen, dass die UfA schneller war und sich die Rechte an dem Buch von Juan Moreno, dem Journalisten, der den Skandal aufgedeckt hat, längst gesichert hatte. Was mich ungeheuer gewurmt hat, bis mir dann glücklicherweise die Regie angeboten wurde. Ich hatte sofort Bilder im Kopf, und konnte den Produzenten beim ersten Treffen den halben Film vortanzen.
Frage: Nennen Sie mal ein paar Ihrer Tanzschritte!
Antwort: Es geht um ein Magazin, also darf der Film auch nach Magazin aussehen. Man kann mit Texten und Fotos spielen, verschiedene Versionen der Geschichte anbieten, die Bilder einfrieren, die Schauspieler direkt zum Publikum sprechen lassen. Alles Dinge, die man normalerweise so nicht macht. Es ist wichtig, dass der Zuschauer beide Protagonisten mag, auch den Hochstapler. Ich habe zu Jonas Nay gesagt: Wenn deine Figur nicht sympathisch ist, dann hält man alle anderen für Clowns.
Frage: Sie sollen Elyas M‘Barek ermuntert haben, für die Rolle ein paar Pfund zuzulegen. Obwohl das historische Vorbild überhaupt nicht pummelig ist. Was war der Grund dafür?
Antwort: Elyas ist momentan der größte deutsche Kinostar in diesem Land. Das kann einer Figur auch mal im Wege stehen. Ich wollte, dass er hinter der Figur, dem Reporter Juan Romero, verschwindet. Und das hat nicht nur was mit dem Spiel zu tun, sondern auch mit dem äußeren Erscheinungsbild.
Frage: Haben Sie an noch mehr Stellschrauben gedreht als am Gewicht?
Antwort: Wir haben viel darüber gesprochen, wie Journalisten sich bewegen, wie sie sich geben. Wir hatten ja schon die ein oder andere Begegnung mit Reportern. Manche sind eher schüchtern, manche kommen selbstbewusst angerauscht. Elyas‘ Figur ist ein gestandener Journalist, der bei den ganz Großen mitspielen will, der lange im Geschäft ist – und vielleicht auch ein bisschen zur Eifersucht neigt, wenn ihn ein jüngerer Kollege mit Festanstellung rechts überholt.
Frage: Lesen Sie, was andere über Sie schreiben? Ich hatte mir – weil wir ja über den „Spiegel“ reden – ein paar richtig miese „Spiegel“-Schmähungen Ihrer Filme rausgesucht.
Antwort: Ja, bitte! Feuer frei!
Frage: Zum „Bullyparade“-Film hat der „Spiegel“ geschrieben: „Das Werk eines Mannes, der auf ehrgeizlose Art bloß noch mal ein bisschen Kasse macht.“ So schätze ich Sie eigentlich nicht ein. Mein Tipp wäre: Sie haben eh genug Geld.
Antwort: Man kann mir das jetzt glauben oder nicht. Aber ich habe noch nie etwas wegen der Kohle gemacht. Noch nie. Es muss mir Spaß machen! Egal, ob es Radio war oder Fernsehen oder Kino. Ich investiere da unheimlich viel Zeit und Liebe und Arbeit. Wenn ich für etwas nicht brenne, lass ich es sein. Das wäre für mich Zeitverschwendung. Das genannte Zitat ist nicht nur verletzend. Es ist falsch.
Frage: Verletzt es Sie wirklich? Lesen Sie solche Kritiken oder muss Ihre Frau vorher auswählen, was Sie sich zumuten können?
Antwort: Nee, da bin ich mittlerweile schmerzbefreit. Ich nehme mir immer vor, gar nichts zu lesen. Aber ich bin leider zu neugierig. Es interessiert mich schon, was Leute über meine Filme oder Shows schreiben. Und wenn ein Kritiker mal den Finger in die Wunde legt, sage ich auch: Chapeau, er hat mich ertappt! In den letzten 25 Jahren habe ich aber auch gelernt, dass die Meinung der Kritiker und die des Publikums nicht immer deckungsgleich ist.
Frage: Das darf man für die beiden ersten und erfolgreichsten Filme ganz sicher sagen.
Antwort: Ja – aber es gab damals durchaus auch seriöse Kritiker, die verstanden haben, was ich da mache. Und andersrum lese ich manchmal Kritiken, wo die Texter oder Texterinnen offenbar nicht ganz verstehen, was sie da eigentlich sehen. Ist schon ein paar Jahre her, da konnte man eine intellektuelle Abhandlung in einem seriösen Nachrichtenmagazin über „Kong: Skull Island“ lesen. Im weitesten Sinne ein aufgemotzter B-Movie mit einem Riesenaffen. Einem Riesenaffen! Ich habe mich bei dieser Analyse fast weggeschmissen vor Lachen. Wenn man das Genre nicht versteht, sollte man vielleicht andere die Kritik schreiben lassen. (Bully Herbig lacht.)
Frage: Sie waren mal unvorsichtig genug, sich als Lebensziel den Regie-Oscar zu wünschen. Gilt das noch?
Antwort: Na, klar. Also ehrlich, jeder, der Filme macht, fände das großartig!
Frage: Was muss man machen, damit es klappt?
Antwort: Ich weiß es nicht. Sagen Sie es mir!
Frage: Kann es sein, dass Florian Henckel von Donnersmarck viel Klinken putzt? Beim letzten Film kam er überraschend in die Pressevorführung, um die Medien auf die Bedeutung seines Opus einzuschwören.
Antwort: Lobby-Arbeit kenn ich nur aus’m Fernsehen. Ich gehe ja auch kaum zu irgendwelchen Veranstaltungen. Nicht falsch verstehen. Ich schätze die Kolleginnen und Kollegen und gucke mir viel von anderen Filmemachern an. Aber ich fühle mich in dieser Blase nicht so wohl. Ich gehöre eher zu der Zuschauerblase. Mich interessiert die Reaktion im Zuschauerraum und weniger, was auf Branchen-Treffs passiert. Wenn man also Leute bearbeiten muss, um eine Nominierung oder womöglich sogar den Oscar zu bekommen – dann fürchte ich, wird das bei mir nie was.
Frage: Immerhin verfilmen Sie zeithistorische Stoffe. Die werden bevorzugt nominiert. „Tausend Zeilen“ basiert auf einem realen Medienskandal, und „Ballon“ war davor eine reale DDR-Fluchtgeschichte.
Antwort: Und wen hat man im Jahr von „Ballon“ für Deutschland zu den Oscars geschickt?
Frage: Wen?
Antwort: Wieder Florian Henckel von Donnersmarck! (Lacht.)