Analyse  Jugendbeteiligung – heutige Konzepte greifen viel zu kurz

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 04.10.2022 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An der Frage, wie man die jungen Leute erreichen soll, scheitern die meisten Kommunen. Symbolfoto: Wolff/Pixabay
An der Frage, wie man die jungen Leute erreichen soll, scheitern die meisten Kommunen. Symbolfoto: Wolff/Pixabay
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Eigentlich will jede Stadt und Gemeinde junge Leute in ihre Entscheidungen einbeziehen. Die Frage ist nur wie. Viele Projekte scheitern. Kein Wunder.

Leer - Es gibt viele Gründe, Jugendliche in die Entwicklung einer Stadt oder Gemeinde einzubeziehen: Die Kommune wird lebendiger und attraktiver – mindestens für die junge Generation. Der Zusammenhalt und das Verständnis füreinander wachsen. Die jungen Leute werden an die Kommune gebunden, es gibt weniger Vandalismus. Das Selbstbewusstsein und das Demokratieverständnis der Jugendlichen wächst. Und zuletzt verlangt es schlicht das Gesetz, im Falle von Niedersachsen die Kommunalverfassung.

Was und warum

Darum geht es: Es wäre ein Gewinn für jede Stadt oder Gemeinde, wenn es gelänge Kinder und Jugendliche einzubinden. Die bisherigen Angebote und Ideen greifen aber viel zu kurz.

Vor allem interessant für: Jugendliche, alle, die mit Kindern und Jugendlichen umgehen, Kommunalpolitiker

Deshalb berichten wir: Die CDU hat beantragt, einen Jugendbeirat einzurichten. Die Stadt lehnt den Antrag mit Hinweis auf ihr Angebot ab.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Man muss kein kommunalpolitisches Genie zu sein, um festzustellen, dass man in Leer – wie in den allermeisten Kommunen in Deutschland – noch meilenweit von einem lebendigen und konstruktiven Austausch mit Kindern und Jugendlichen entfernt ist. Das räumt auch Stadtjugendpfleger Arne Salge im jüngst neu ausgearbeiteten Konzept für seine Fachstelle ein: Der Zugang zu der für Partizipationsprozesse besonders relevanten Zielgruppe der 14-18-Jährigen fehle, heißt es da.

Projekte der Stadt mit wenig Erfolg

Das bedeutet nicht, dass man sich in Leer und auch anderswo nicht bemüht hat: In Leer beispielsweise gab das Projekt „Jugend im Rathaus“, bei dem die jungen Teilnehmer über mehrere Tage ihre Ideen für die Stadt ausarbeiten. Einmal ist es gelaufen, die nächsten beiden Male war die Resonanz so gering, dass es wieder abgesagt wurde.

Beim Politik-Dinner, bei dem fünf Schüler gemeinsam mit fünf Kommunalpolitikern gekocht haben, sollten Berührungsängste fallen. Das mag geklappt haben – oder auch nicht. Es betraf aber halt nur die fünf Schüler und eventuell ein paar mehr, denen die Probanden von ihren Erfahrungen erzählt haben. Bis da alle Vorbehalte gefallen sind, müssen viele Menüs gekocht werden.

Mehrstufiges Verfahren

Andere Kommunen probieren es mit einem Jugendparlament. Die Erfahrung zeigt aber, dass das Engagement der Jugendlichen in vielen Fällen schnell nachlässt, auch die Wahlbeteiligung unter den jungen Leuten bleibt oft im einstelligen Prozentbereich.

Die CDU Leer wünscht sich nun einen Jugendbeirat, der die Politiker in Leer bei ihren Entscheidungen berät. Davon verspricht sich Stadtjugendpfleger Salge nichts. Er setzt jetzt auf ein mehrstufiges Verfahren: Erst das Politikdinner, später „Pimp your Town“ („pepp deine Stadt auf“) – eine zeitlich begrenzte Beteiligungsform unter Einbeziehung der Schule, und noch später anlassbezogene Arbeitsgruppen, bei denen je nach Thema konkrete Gruppen direkt angesprochen werden. Die letzte Stufe sollen Online-Beteiligungsformate sein, gemeinsam mit anderen Institutionen wie Schulen oder Jugendverbände.

Früher anfangen

Das kann man alles machen, aber um das grundsätzliche Problem zu lösen, muss man früher anfangen – und anders. Bei den genannten Projekten der Stadt setzen die Erwachsenen die Themen, bestimmen den Zeitpunkt und den Rahmen der Diskussion. Kinder und Jugendliche müssen aber früh erfahren, dass ihre Meinung jederzeit zählt, dass sie Ideen haben, die umgesetzt werden können, und dass es an den entscheidenden Stellen ein offenes und ehrlich interessiertes Ohr für ihre Belange gibt.

Das kann im Kindergarten anfangen: Was wünschen wir uns für unser Außengelände? Welche Farbe soll der neue Raum haben? Was stört uns an unserer Einrichtung? In der Grund- und noch mehr in den weiterführenden Schulen kann der Blick nach und nach auf die gesamte Stadt geweitet werden. Das Einbringen eigener Ideen und Kritiken sollte zu einer ganz selbstverständlichen, auf Dauer von Schule unabhängige und niederschwelligen Erfahrung werden.

Ehrliches Interesse bei den Verantwortlichen

Wichtig sind ein gut erreichbarer und kompetenter Ansprechpartner – oder ein leicht zugängliches Online-Tool, ehrliche und verständliche Rückmeldungen und Erfolgserlebnisse. Auf dieser Basis könnten auch die genannten Projekte der Stadt eine ganz andere Wirkung entfalten.

Und womöglich noch wichtiger: Bei den Erwachsenen, vor allem den Politikern und den Verantwortlichen in der Stadtverwaltung, muss ein ehrliches Interesse an den Ideen der jungen Leute bestehen – und die ernsthafte Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Beides hat vor drei Jahren eindeutig gefehlt, als Aktivisten von Fridays for Future konkrete und ernsthafte Verbesserungsvorschläge für das Stadtgebiet gemacht hatten. Es gab dafür zwar viel Beifall, es hat zwei Jahre gedauert, bis die Stadt zumindest in Tabellenform darauf reagierte. Ein Gespräch dazu hat es nie gegeben.

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