Osnabrück Kulturrat: Olaf Zimmermann fordert Triage für Kunstwerke
Brauchen wir eine Triage für Kunstwerke? In der Energiekrise können nicht alle Exponate geschützt werden, sagt Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat. Er fordert einen Notfallplan.
Frage: Claudia Roth und die Kulturminister warnen vor den Folgen der Energiekrise für den Kulturbetrieb. Ist die Lage wirklich so ernst?
Antwort: Die Lage ist sehr, sehr, sehr ernst. Die Politik reagiert bislang noch viel zu verhalten. Im Vergleich zur Corona-Krise muss man sagen, dass damals dynamischer reagiert worden ist. Wir wissen, dass wir jetzt wieder Unterstützung brauchen, zumal wir jetzt zwei Krisen gleichzeitig haben. Die Corona-Krise ist für den Kulturbereich noch nicht vorbei. Die Auswirkungen spüren wir noch überall, auch bei den Besucherzahlen. Die Inzidenzen werden wieder steigen. Und jetzt kommt die Energiekrise noch hinzu. Die öffentlich geförderten Kulturhäuser spüren die Erhöhung der Energiekosten später, die privaten spüren sie sofort.
Frage: Bei wem kommt das jetzt unmittelbar an?
Antwort: Bei den Konzerten, den Kinos zum Beispiel. Aber auch in privaten Theatern oder auch den Galerien, kurz, in allen Räumen, in denen in Energie zur Verfügung stellen muss. Corona und Energie – diese Probleme bilden zwei Wellen, die sich für die Kultur beim Überlappen gerade verstärken. Das weiß ja auch jeder. Es gibt aber einfach zu wenig Gegenmaßnahmen. Es ist die Aufgabe der Politik, Wege zu finden, wie wir diese Krise so unbeschadet wie möglich überstehen.
Frage: Ist es jetzt nicht wie zu Corona-Zeiten – im politischen Diskurs zur Energiekrise kommt die Energiekrise einfach nicht vor?
Antwort: Ich finde, dass das Problem anders gelagert ist. Wir haben doch im Lockdown gelernt, welche Hilfsmaßnahmen funktionieren und welche nicht. Die Kultur hat sich in dieser Zeit viele blaue Flecken geholt. Die Maßnahmen des Wirtschaftsministeriums haben zuerst gar nicht funktioniert. Da musste nachgesteuert werden. Der Hilfsfonds für die Unterstützung der Veranstaltungswirtschaft hat auch nicht optimal funktioniert. Deshalb reden wir ja jetzt darüber, dass aus diesem Hilfsprogramm noch bis zu 1,8 Milliarden Euro übrig sind, die in einen Energiehilfsfonds überführt werden sollen. Offensichtlich sollen aber die alten Strukturen mit übernommen werden. Auch das Finanzministerium ist zurzeit ein schwieriger Partner. In der Corona-Krise haben alle noch versucht, an einem Strang zu ziehen. Das ist jetzt nicht so. Das muss sich schnell wieder ändern.
Frage: Was befürchten die für den Kulturbetrieb? Müssen Kulturhäuser geschlossen werden?
Antwort: Ein Notfallszenario sieht so aus, dass Kulturhäuser die hohen Energiepreise nicht mehr zahlen können und deshalb geschlossen werden müssen. Sie werden diese hohen Kosten nicht einfach an ihre Besucher weitergeben können. Es gibt aber noch das zweite Szenario, dass Kulturhäuser aus moralischen Gründen geschlossen werden. Wie ist es, wenn das Schwimmbad oder die Sporthalle geschlossen werden? Wird dann nicht gesagt, dass man dann Theater oder Museum nicht mehr offenhalten kann? Wir hören solche Dinge schon aus den Kommunen. Der Kulturbereich könnte mit geschlossen werden. Gleichsam als Kollateralschaden. Solche Situationen gab es schon während des Lockdowns. Der Unterschied: Die Kulturverbände machen dieses Mal klar, dass die Kultureinrichtungen jetzt unbedingt offenbleiben müssen. Das sagen wir auch dem Staat. Es geht um die Menschen. Die werden wahnsinnig werden, wenn sie in der im wahrsten Sinne dunkle Zeit im Winter auch keine Kultur mehr genießen können.
Frage: Müssen da Unterschiede bei Kultursparten gemacht werden?
Antwort: Museen zum Beispiel sind in einer besonderen Art und Weise betroffen. Ich kann Museen die Energie abstellen, aber dann sind die Objekte, die dort aufbewahrt werden, in großer Gefahr. Es gibt einen bestimmten Klimakorridor, in dem sich ein Museum bewegen muss. Wenn ich keinen gravierenden kulturellen Schaden anrichten will, kann ich ein Museum nicht schließen. Wenn es zu langfristigen Energieausfällen kommen sollte, muss man sich überlegen, wie man besonders gefährdete Kunstwerke schützen kann. Wir haben sicher nicht genügend klimatisierte Depots, um alle Werke zu schützen. Wir haben aber niemals die Werke aufgelistet, die wir unter allen Umständen bewahren und retten wollen. Was fehlt, ist eine Priorisierung.
Frage: Fordern Sie eine Triage für Kunstwerke?
Antwort: Genau. Im Notfall geht es um diese Frage. Es gibt nicht für alle Exponate geeignete Depots. Im Ernstfall wird man sich überlegen müssen, welche Kunst wir wirklich schützen wollen. Das müsste jetzt zumindest durchdacht werden.
Frage: Wer soll das machen?
Antwort: Die Verantwortlichen in den Museen müssten das fachlich entscheiden. Politik und Verwaltung muss die rechtliche Verantwortung übernehmen. Solche Entscheidungen sind nicht einfach.
Frage: Brauchen wir auch einen Notfallplan für den Schutz von Kulturschätzen in Kriegsszenarien?
Antwort: Ja, es wird ja auch gerade versucht, das aufzubauen. Wir als Gesellschaft, und dazu gehört auch der Kulturbereich, sind viel zu blauäugig gewesen, was bestimmte Gefahren angeht. Wir haben uns nicht vorstellen können, dass ein Krieg vor unserer Haustür stattfindet und vielleicht auch zu uns kommt. So wie wir keine Bunker haben, um die Menschen zu schützen, haben wir auch nicht genügend Orte, um Kunstwerke zu schützen. Wir müssen noch einmal ganz neu überlegen, was wir machen müssen. In den Museen wird an solchen Plänen gerade mit Hochdruck gearbeitet. Museen dürften erst als letzte der öffentlichen Orte geschlossen werden. Die muss ich doch sowieso heizen, um Schaden von den Kunstwerken abzuwenden.
Frage: Und um die Menschen mit Kultur zu erfreuen...
Antwort: Ja, denn es kann in diesem Land nicht nur darum gehen, Energie zu sparen. Die Menschen müssen auch eine Chance haben, die Krisenerfahrungen zu bewältigen. Deshalb gehört der Besuch in einem Museum, in einem Kino oder Theater einfach dazu. Das gilt auch für das Flanieren über eine Straße mit ein bisschen Weihnachtsbeleuchtung. Das gehört schon dazu, damit der Mensch nicht vollkommen ausrastet. Man braucht auch etwas Freude zu leben.
Frage: Was erwarten Sie jetzt konkret von der Politik?
Antwort: Wir brauchen ein Notfallprogramm für die Kultur. Das Programm für die Corona-Hilfen läuft Ende 2022 aus. Da ist noch Geld vorhanden. Das müsste jetzt der Kultur zur Verfügung gestellt werden. Das soll offenbar auch gemacht werden. Die Verteilung dieser Mittel muss jetzt beginnen und es muss entschieden werden, wer denn wie unterstützt werden soll. Diese Frage betrifft auch die Künstler, also die Produzenten von Kultur. Meine Kritik richtet sich dagegen, dass das alles zu lang dauert. Die Krise rennt auf uns zu. Es kann nicht sein, dass erst in einem halben Jahr Hilfsgelder ausgezahlt werden. Wir brauchen Abschlagszahlungen, die sofort fließen. Die Politik muss die Kultur jetzt unterstützen.
Frage: In den Corona-Zeiten hatte man den Eindruck, dass sich die Menschen von den Kultureinrichtungen abwenden. Sehen Sie jetzt eine Solidarisierung des Publikums mit der Kultur?
Antwort: Ich glaube nicht, dass das Interesse geschwunden ist. Wir befinden uns nur alle in einem desolaten emotionalen Zustand. Es gibt eine fundamentale Verunsicherung, die ich bisher so noch nicht erlebt habe. Viele ziehen sich in das Private zurück und gehen weniger in die Öffentlichkeit. Das sieht man im Kulturbereich übrigens auch. Einige Besucher konnten noch nicht zurückgewonnen werden. Viele Menschen aber schauen sich Theateraufführungen oder Museumsausstellungen an. Die Menschen brauchen das. Das gilt für alle Kulturorte. Ich bin sicher: Sollte der Kulturbereich in einen Schlafmodus versetzt werden, hätte das massive gesellschaftliche Auswirkungen, die über das hinausgehen, was wir in der Corona-Pandemie erlebt haben. Die Kultur muss Antworten geben auf die gesellschaftlichen Verwerfungen.
Frage: Das alles kostet viel Geld. Was wird auf diesem Hintergrund aus den teuren Theatersanierungen, die überall in Deutschland anstehen?
Antwort: Wir erleben jetzt schon, dass die öffentlichen Haushalte unter maximaler Spannung stehen. Die Zeiten, in denen auch der Kulturbereich aus dem Vollen schöpfen konnte, diese Zeiten sind vorbei. Das muss man klar sehen. Pandemie und Krieg, sie kosten uns unglaublich viel Geld. Viele Projekte werden auf den Prüfstand gestellt werden. Im Moment geht es um die Notrettung. Es ist bitter, dass seit langem erforderliche Investitionen vermutlich noch mal verschoben werden müssen. Wir stehen vor einem langen, kalten Winter. Das gilt nicht nur für die Kultur, das gilt auch für den Sport, das Soziale. Wir müssen jetzt zusammenstehen und fragen, was die Menschen brauchen, damit sie vernünftig leben können. Die Krise ist viel zu fundamental, um sie allein bewältigen zu können. Wir müssen die Grundfrage neu stellen, wieviel Kultur wir wollen. Ich bin sicher, dass die Antwort sehr positiv ausfallen wird. Ich finde es sehr bedauerlich, dass gerade vor allem bei der auswärtigen Kulturpolitik radikal gekürzt wird. Dabei bräuchten wir gerade dringend Verständigung zwischen den Völkern.