Emden spielte fast 90 Minuten in Unterzahl So fühlt sich Kickers-Kapitän Bastian Dassel nach dem Blitzrot
Der Emder Kapitän bezog nach der 0:3-Pleite gegen Lübeck Stellung und erklärte den Fauxpas nach zwei Minuten. Während die Rote Karte unumstritten ist, sieht es beim Elfmeter anders aus.
Emden - Mit Bastian Dassel hätte Samstag keiner tauschen wollen. Nach nicht einmal 120 gespielten Sekunden (!) erhielt der Kapitän des Fußball-Regionalligisten BSV Kickers Emden eine Rote Karte. In fast 90-minütiger Unterzahl unterlagen die Ostfriesen Phönix Lübeck dann mit 0:3. Dassel fühlte sich danach wie ein Dussel. „Das ist richtig schmerzhaft. Man fühlt sich so, als hätte man die Jungs im Stich gelassen“, sagte der Abwehrchef nach der zehnten Niederlage im elften Ligaspiel.
Der Anführer zog sich im Pokalspiel Mitte September in Jeddeloh eine Muskelverletzung zu und erlebte die nächste Auswärtsklatsche bei Holstein Kiel von Außen. „Wir haben uns nach dem 0:7 im Training diese Woche viel vorgenommen, uns aufgerichtet und hatten einen guten Matchplan – und dann passiert das“, ärgerte sich der 32-Jährige, dessen Einsatz auf Messers Schneide stand. Beginnend mit dem Spiel lief sich vorsichtshalber Corvin Braun weiter warm, falls Dassel doch noch passen müsste.
Unglückliche Dassel-Situation
Dass der Kapitän schon nach zwei Minuten wegen einer Notbremse das Feld verlassen musste, dieses Szenario beinhaltete kein Notfallplan: ein neues Kapitel in Emdens Horror-Wochen. „Wenn, dann kommt es meistens knüppeldick“, kommentierte Trainer Stefan Emmerling.
Nach einem Befreiungsschlag der Lübecker wollte Verteidiger Dassel den Ball kurz hinter der Mittellinie aus der Luft nehmend zu Torwart Isaak Djokovic zurückspielen. Der Auricher schlug aber über den Ball, geriet noch ins Straucheln und der gedankenschnelle Julian Ulbricht sprintete dazwischen. Dassel hielt ihn rund 40 Meter vor dem Kickers-Tor kurz fest, der Gegner ging zu Boden und Schiedsrichter Tim-Alexander Strampe zeigte regelkonform wegen einer Notbremse Rot. „Ich hätte ihn besser laufen lassen sollen und man hätte dann bei elf gegen elf versucht, ein mögliches 0:1 aufzuholen. Es war eine Kurzschlussreaktion, nachdem ich über den Ball getreten hatte. Ich hatte noch gehofft, dass vielleicht ein Mitspieler auf gleicher Höhe war.“ Doch Dassel war letzter Mann. Mit gesenktem Kopf verschwand eines der Aufstiegsgesichter Richtung Kabine – durch den Spielertunnel, durch den er kurz zuvor das Team vor 470 Zuschauern aufs Feld geführt hatte.
Starke Reaktion der Mitspieler
Wer nach vielen heftigen Pleiten dachte, das Emder Team würde wieder zusammenbrechen, wurde eines Besseren belehrt. Emmerling opferte mit Andre N’Diaye einen der fünf Mittelfeldspieler und zog ihn in die Abwehr. Mit zwei Viererketten und Alleinunterhalter Tido Steffens davor verteidigte das Kickers-Team taktisch geschickt und mit großer Leidenschaft. Bis auf einen Fernschuss von Jayden Bennetts brachte der Gast nichts Großartiges zustande.
„Wir kannten die Situation in Überzahl nicht, waren davon irgendwie irritiert“, sagte Gäste-Trainer Oliver Zapel nach der Partie. Im Spiel war er so unzufrieden, dass er alle neun Auswechselspieler zum Warmlaufen schickte: nach 26 Minuten. Das Emder Publikum honorierte den guten Emder Auftritt in Unterzahl mit Szenenapplaus.
Spieldaten
Emden: Djokovic; Ayodele, Sillah, Dassel, Visser, Goosmann (75. Braun), Köster, Ndiaye, Adeniran, Wulff, Steffens (87. Niehues).
Tore: 0:1 Ulbricht (Foulelfmeter, 33.), 0:2 Farahnak (38.), 0:3 Ciapa (76.).
Elfmeterszene sehr umstritten
Es bedurfte schon eines Elfmeters für die Lübecker Führung. „Das war natürlich ein Stimmungskiller“, so Emmerling – ein umstrittener. Nach einer der wenigen gelungenen Gäste-Kombinationen tauchte Bennetts im Strafraum vor BSV-Keeper Djokovic auf. Der tauchte ab, Bennetts ging zu Boden. Es gab einen Kontakt – aber zuerst mit dem Ball oder doch mit dem Gegner? „Ich hatte das klare Gefühl, dass ich den Ball spiele“, berichtete der Emder Torwart. Die Videobilder des Livestreams unterstützen die Djokovic-These.
Doch alle Emder Proteste nützten nichts. Ulbricht war die Aufregung egal. Er verwandelte den Strafstoß zum glücklichen 0:1 (33.). Fünf Minuten später hieß es 0:2, nachdem Ebrahim Farahnak den Ball nach einem einstudierten Freistoß aus fünf Metern einschießen konnte. Die Emder haderten mit der Foul-Situation vor dem Tor und manch anderer kleineren Entscheidung. „Schieber, Schieber“-Rufe wurden auf der Tribüne skandiert, das Schiedsrichter-Gespann wurde beim Gang in die Halbzeit von Ordnern mit Regenschirmen vorsorglich vor Bierbecher-Würfen aus dem Fanblock geschützt - keine gute Aktion manch Emder Fans.
Emmerling lobt sein Team
Die einzige und beste Kickers-Chance besaß Tido Steffens, dessen Schuss abgefälscht wurde und auf dem Tornetz landete (42.). Auch in der zweiten Halbzeit machte Lübeck zunächst wenig aus der Überzahl, auch wenn Ulbricht fast das 0:3 erzielt hätte (52.). Doch mit zunehmender Spielzeit ergaben sich für die klar spielbestimmenden Gäste immer mehr Möglichkeiten. Auch weil die Kräfte nachließen, konnte Emden in der Schlussphase froh sein, dass Mateusz Ciapa nur noch das 0:3 markierte (76.).
„Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Sie hat alles gegeben. Das Momentum ist anders als vergangene Saison oft nicht bei uns“, sagte Trainer Stefan Emmerling. Damit meinte er natürlich besonders auch die Rote Karte für Bastian Dassel, der sich das Spiel hinter der Kickers-Bank von der Tribüne aus anschauen musste und dabei auch den zweijährigen Sohn Leonard vor ein Rätsel stellte. „Papa, warum spielt du nicht mehr mit?“
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