Hamburg Kinderpsychiaterin sagt: „Eltern müssen nicht perfekt sein“
Mütter und Väter pendeln oft zwischen einer rosaroten Welt und Momenten der Überforderung, weiß Kinderpsychiaterin Susanne Mudra. Im Interview spricht sie darüber, warum niemand Angst vor negativen Empfindungen haben muss.
Mit der Geburt eines Babys verändert sich das Leben von Paaren. Aus Frauen und Männern werden Mütter und Väter. Sie erleben Momente des puren Glücks, freuen sich über das erste Lächeln oder das kleinste Brabbeln – und kämpfen zugleich mit schlaflosen Nächten und Sorgen beim ersten Schnupfen.
Eltern hören in diesen ersten Wochen von anderen oft den Spruch: „Entspannte Eltern, entspanntes Baby“. Auch Kinderpsychiaterin Susanne Mudra hat diese Aussage schon oft gehört. Sie erklärt im Interview, warum diese mit Vorsicht zu genießen ist, wie es Eltern mit Ängsten geht und warum Mütter und Väter nicht perfekt sein müssen.
Frage: Frau Mudra, gemeinsam mit Kolleginnen erforschen Sie unter anderem, wie es Menschen geht, wenn sie Eltern werden. Welche Gefühle kommen auf, wenn ein Paar erfährt, dass es ein Kind erwartet?
Antwort: Eine Schwangerschaft ist eine einschneidende Erfahrung. Neben positiven Gefühlen wie der Vorfreude auf das Kind, kommt zugleich eine große Verunsicherung auf. Eltern fragen sich, ob sie eine gute Mutter, ein guter Vater sein oder wie sie Familie und Beruf, die neuen Rollen in Partnerschaft und Gesellschaft miteinander vereinbaren werden. Sie bemerken: Elternschaft ist nicht planbar, niemand weiß, was für ein Kind auf die Welt kommen wird – das führt bei vielen zu Anspannung und Überforderung.
Antwort: Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich in dieser Phase viele Ängste um das ungeborene Kind und die Schwangerschaft drehen. Je näher der Entbindungstermin rückt, desto weniger werden die Sorgen um das Kind. Dafür nimmt die Angst vor der Geburt zu.
Frage: Wie unterscheiden sich die Ängste von Müttern und Vätern?
Antwort: Während Frauen von verstärkten Ängsten um das Kind oder die Geburt berichteten, sorgten sich Männer zudem um die Gesundheit ihrer Partnerin, ihren Beruf und damit die finanzielle Absicherung der Familie. Mütter, die sich bereits während der Schwangerschaft mehr sorgten, zeigten ein erhöhtes Risiko für postpartale Depressivität, vermehrte Unsicherheit und Unzufriedenheit in der Mutterrolle.
Frage: Eltern hören oft den Spruch: „Entspannte Eltern, entspanntes Kind“ – stimmt das?
Antwort: So einfach ist es nicht. Das Wesen und die Entwicklung eines Kindes hängen von verschiedenen Faktoren ab. Natürlich haben die Emotionen der Eltern einen entscheidenden Einfluss auf das Baby. Aber auch die Lebensbedingungen der Familie, das Temperament des Kindes, Umweltreize oder Einflüsse während der Schwangerschaft spielen eine Rolle. Zudem gibt es Kinder, deren Bedürfnisse sich schwieriger lesen lassen. Erkennen Eltern nicht, was das Baby braucht, ist es mit der entspannten Stimmung schnell vorbei.
Frage: Was bedeuten Sprüche wie diese für Eltern?
Antwort: Darin steckt auch eine Wertung: Wenn euer Baby nicht entspannt ist, hat das wohl mit euch zu tun. Frischgebackene Eltern pendeln heute zwischen ihrem Bauchgefühl und tausenden Kommentaren und Ratschlägen, die ihnen von Medien, in sozialen Netzwerken, der Medizin, Eltern und Freunden vermittelt werden. Die Fülle dieser verschiedenen Informationen fordert viele emotional heraus.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Auf der einen Seite gibt es die ideale Vorstellung von Elternschaft, eine rosarote Welt, in der mit dem Baby gekuschelt und gelacht wird. Auf der anderen Seite kommen Eltern regelmäßig an ihre Grenzen. Was sollen sie tun, wenn das Baby lange schreit? Ist es müde, überfordert oder hat Hunger? Sie müssen sich als Familie noch finden. Gleichzeitig gelten die ersten Wochen und Monate als essenziell für die sich entwickelnde Eltern-Kind-Beziehung. Das kann zu einem irrsinnigen inneren Druck führen.
Frage: Welche Auswirkungen haben Verunsicherung und Angst auf den Umgang mit dem Baby?
Antwort: Ängstlichere Mütter zeigten weniger Selbstvertrauen im Umgang mit dem Kind und mehr Überfürsorge aus Angst. Sie reagieren in neuen Situationen beispielsweise angespannter, sorgen sich, dass dem Kind etwas zustoßen könnte, trauen ihm weniger zu oder vermeiden Herausforderungen. Dies bleibt nicht immer folgenlos.
Frage: Wie zeigt sich das?
Antwort: Unsere Studie ergibt Hinweise, dass die Kinder dieser Frauen im Alter von zwei Jahren schüchterner, gehemmter agieren. Die Kinder zeigten bereits im ersten Lebensjahr in neuen, ungewohnten Situationen eine erhöhte Anspannung und Verunsicherung.
Frage: Und wie reagieren Kinder, die von Anfang an in ihrem Tun bestärkt werden?
Antwort: Wer seinem Kind einfühlsam, aber zuversichtlich, in freudvoller Interaktion begegnet, fördert dessen Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung herausfordernde Situationen zu meistern, und Vertrauen in ein starkes Miteinander. Von einer feinfühligen und bestärkenden Erziehung profitiert neben der Entwicklung des Babys auch die Eltern-Kind-Beziehung. Aber es gibt auch Kinder, die ihre Eltern von Anfang an mehr herausfordern oder mehr Schutz bedürfen.
Frage: Könnten Erkenntnisse wie diese Eltern nicht noch mehr unter Druck setzen? Wer zu Sorgen neigt, muss demnach Angst haben, dass sein Kind unter den eigenen Ängsten leidet.
Antwort: Wie gesagt, Kinder nehmen unsere Gefühlswelt ohnehin wahr. Sie spüren, wenn Mütter und Väter angespannt sind, das lässt sich nicht leugnen. Trotzdem gehören auch Ärger, Angst und Stress zur Elternschaft dazu. Viel schwerer als die Sorgen wiegt, dass Eltern sich dies oft nicht eingestehen wollen. Seelische Belastung oder Ängste passen nicht zum gesellschaftlichen Bild der glücklichen Familie.
Frage: Wie meinen Sie das?
Antwort: Der Druck entsteht oft weniger durch die Gefühle der Eltern, sondern durch unsere idealisierten Vorstellungen vom Familienleben. Das gesellschaftliche Phänomen der Überoptimierung beeinflusst auch die Elternschaft und verstärkt den Druck. Dabei ist es unmöglich, sich die ganze Zeit perfekt zu verhalten. Negative Gefühle, auch während einer ersehnten Schwangerschaft oder in den ersten Lebensmonaten eines Babys, sind normal. Es kommt jedoch darauf an, wie Eltern damit umgehen: Wer seine Gefühle dauerhaft wegschiebt, läuft eher Gefahr, unter Angstzuständen zu leiden oder an einer Depression zu erkranken.
Frage: Was hilft jungen Eltern, wenn Sie merken, dass sie an ihre Grenzen kommen?
Antwort: Unterstützung – am besten von Beginn der Schwangerschaft an. Das fängt im familiären Umfeld und im Freundeskreis an: Eine Schwangere, die von anderen hört, es sei nicht schlimm, dass sie schlecht schlafe, das gehöre eben dazu, fühlt sich unverstanden und allein mit ihrem Problem. Einer jungen Mutter, die sich keinen Rat weiß, weil ihr Baby abends immer schreit, hilft es nicht, wenn ihr geraten wird, sie solle sich einfach entspannen.
Frage: Gibt es einem Punkt an dem Elternstress für das Kind zu Problemen führt?
Antwort: Eltern sollten nicht in Panik verfallen, wenn sie Ängste oder Sorgen empfinden. Deswegen schaden sie nicht sofort ihrem Kind. Krisen in der Elternschaft sind normal, genauso wie die Erkenntnis, dass der Alltag mit Baby von manch idealisierter Erwartung abweicht. Hält der Leidensdruck aber an, verstärken sich psychische Probleme oder beeinträchtigen sie das Miteinander mit dem Kind, sollten sich Eltern lieber frühzeitig Hilfe holen. Niemand muss da allein durch.
Frage: Wo finden überforderte Familien Hilfe?
Antwort: Sich bei Verunsicherung und Angstgefühlen Unterstützung zu suchen, ist sehr wichtig – das ist auch schon während der Schwangerschaft möglich. Viele schämen sich immer noch, externe Hilfe einzufordern. Hier sind wir als Gesellschaft gefragt, dieses Gefühl zu verändern, indem wir niedrigschwellige Unterstützungsangebote in Kliniken, Arzt- und Hebammenpraxen oder Beratungsstellen wie den „Frühen Hilfen“ anbieten. Am UKE in Hamburg haben wir deshalb die Eltern-Säuglings-Ambulanz um ein pränatales Angebot für belastete werdende Eltern ergänzt.
Antwort: Jede Mutter und jeder Vater kennt herausfordernde Situationen mit einem Kind. Die ersten Monate mit Baby sind einmalig. Ich wünsche keinem Mann und keiner Frau, dass sie diese als besonders belastende Zeit abspeichern, die schwer zu ertragen war. Es ist keine Schande, sich in dieser hochemotionalen ersten Phase Beistand zu wünschen. Wer Bauchschmerzen hat, geht schließlich auch zum Hausarzt, um Komplikationen wie einen Blinddarmdurchbruch zu verhindern.
Frage: Wie kann Unterstützung bereits während der Schwangerschaft aussehen?
Antwort: Bei den Vorsorgeuntersuchungen fragt man werdende Mütter oft nur nach ihrem körperlichen Befinden, dabei sollten wir bereits während der Schwangerschaft auf psychische Belastungen achten. Die Bezeichnung „Babyblues“ ist eine Verniedlichung, die es Betroffenen schwermacht, nach Hilfe zu fragen und zu erkennen, wenn sich daraus eine postpartale Depression oder Angsterkrankung entwickelt.
Antwort: Wir müssen Mütter und Väter mit ihren Ängsten und Verunsicherungen ernst nehmen. Sie sollen wissen: Eltern müssen nicht perfekt sein, es reicht auch ein „gut genug“ – der Begriff wurde geprägt durch den Kinderanalytiker Donald Winnicott.
Frage: Was steckt dahinter?
Antwort: Ziel ist es, als Eltern bestmöglich auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen, sich auf seine Gefühlswelt einzulassen und das Kind als stetigen Interaktionspartner anzuerkennen, den Eltern erst einmal kennenlernen müssen. Eltern sollten ein sicherer Hafen für ihr Kind sein: Sie sind für das Baby da, bieten Trost und Schutz und lernen zunehmend seine Signale zu lesen und zu beantworten.
Antwort: Entscheidend für eine sichere Bindung ist jedoch nicht, dem perfekten Bild von Familie zu entsprechen oder niemals negative Gefühle zu haben. Vielmehr treten im Alltag und Entwicklungsverlauf unweigerlich Missverständnisse im Miteinander auf, in denen man zum Beispiel ein kindliches Bedürfnis nicht gleich erkennt oder beantworten kann. Diese lassen sich in der Regel aber wahrnehmen und reparieren. Das gehört dazu. Kinder können daran sogar reifen.