Verband schlägt Alarm  Sparmaßnahmen und Krise gefährden Apotheken

| | 05.10.2022 12:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Apotheker in Ostfriesland schlagen Alarm: Geht es so weiter, droht spätestens in ein paar Jahren eine Schließungswelle von Apotheken in der Fläche. DPA-Symbolfoto: Deck
Die Apotheker in Ostfriesland schlagen Alarm: Geht es so weiter, droht spätestens in ein paar Jahren eine Schließungswelle von Apotheken in der Fläche. DPA-Symbolfoto: Deck
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Der Landesverband der Apotheker in Niedersachsen sieht die Apotheken gefährdet. Aktuelle Entwicklungen würden den flächendeckenden Fortbestand der Apotheken massiv infrage stellen.

Norden/Ostfriesland - Apothekerinnen und Apotheker aus Niedersachsen gehen auf die Barrikaden. Jüngste Pläne der Politik würden den Bestand der Vor-Ort-Apotheken stark gefährden.

Was und warum

Darum geht es: Geplante Maßnahmen der Bundespolitik verschräfen die kritische Situation der hiesigen Apotheken.

Vor allem interessant für: diejenigen, die Apotheken im Umfeld nicht missen wollen.

Deshalb berichten wir: Der Landesapothekerverband Niedersachsen schlägt Alarm.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Konkret geht es um eine Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums (BMG), den Abschlag, den Apotheken für jedes verordnete Arzneimittel an die gesetzlichen Krankenkassen zahlen müssen, von 1,77 Euro auf 2 Euro zu erhöhen. Zudem kritisiert der Landesapothekerverband Niedersachsen (LAV) das neue Entlastungspaket zur Energiekrise der Bundesregierung, da es keine Nothilfen für existenzbedrohte Apothekenbetriebe vorsieht. Aber auch Personalengpässe machen den Apotheken zu schaffen.

Abschlag wird erhöht – Honorar bleibt gleich

„Seit neun Jahren ist das Apothekenhonorar nicht mehr erhöht worden, während die Kosten drastisch steigen,“ sagt Berend Groeneveld, Vorstandsvorsitzender des LAV. Groeneveld leitet auch die Rats-Apotheke in Norden. Das Apothekenhonorar richtet sich nach den verkauften Arzneimitteln: Bei rezeptpflichtigen Medikamenten ist das Honorar des Apothekers, welches im Preis inbegriffen ist, über die Arzneimittelpreisverordnung festgelegt. Für rezeptfreie Arzneimittel gibt es keine Festhonorare. Apotheken legen ihre Preise im Wettbewerb fest. „Das Apothekenhonorar ist anders als bei anderen Leistungserbringern im Gesundheitswesen von der Preisentwicklung, Inflation und den gestiegenen Kosten seit 2004 abgekoppelt“, bestätigt Groeneveld auch gegenüber dieser Zeitung. In all dieser Zeit habe es keine Dynamisierung des Honorars gegeben. „Wir sind überhaupt nicht begeistert“, so Groeneveld im Gespräch.

Die nun beschlossene Erhöhung des Apothekerabschlags um 23 Cent sei nicht nur eine Kürzung des Honorars. „Es ist ein alarmierendes Zeichen, dass politische Wertschätzung und politisches Handeln im Gesundheitsbereich nicht im Einklang stehen“, so Groeneveld. Das BMG erhoffe sich durch die Erhöhung des Apothekenabschlages Einsparungen von rund 170 Millionen Euro, um das Defizit der gesetzlichen Krankenkassen von 17 Milliarden Euro auszugleichen.

Zusätzliche Belastungen können kaum aufgefangen werden

Apothekerinnen und Apotheker würden bereits über ihrer Belastungsgrenze arbeiten – unter anderem auch wegen akuten Personalnotstands. Der LAV-Vorstandsvorsitzende warnt: „Erhöht das BMG den Abschlag, werden mittelfristig weitere Schließungen der Vor-Ort-Apotheken die Folge sein.“ Dass sich der Bundesrat am 16. September im ersten Durchgang gegen das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz ausgesprochen hat, wertet Groeneveld vorsichtig als positives Signal. Die weiteren Beratungen verfolge die Branche kritisch. Während der Pandemie sei deutlich geworden, wie wichtig die flächendeckende Versorgung durch die Apotheken vor Ort für das Gesundheitssystem ist. Dass bei den Apotheken, die für lediglich 1,9 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen verantwortlich sind, gespart werden soll und damit diese Versorgungsstruktur gefährdet wird, stoße deshalb bei den Apothekern vor Ort auf Unverständnis.

Die auch nach Außen hin wahrnehmbaren Zeichen, dass sich die Situation der Apotheken verschlechtere, seien immer deutlicher sichtbar. Schon in den vergangenen rund 15 Jahren sei die Zahl der Apotheken in Ostfriesland von rund 140 auf rund 100 gesunken, weiß der Norder Apotheker. „Die Vor-Ort-Apotheke als wichtiger Arbeitgeber, soziale Anlaufstelle und Lotse im Gesundheitswesen geht in den Gemeinden und Regionen verloren.“ Hinzu komme das Problem der Überalterung. „In den noch bestehenden Apotheken liegt der Altersdurchschnitt der Apotheker bei 55 Jahren und mehr“, sagt Groeneveld. „Wir haben schon lange mit Personalengpässen zu kämpfen“, bestätigt auch Apotheker Oliver Hirsch, Vorsitzender des Bezirks Emden beim Landesapothekerverband Niedersachsen. In den kommenden Jahren würden viele Apotheker in Rente gehen, so Groeneveld. Gleichzeitig komme kaum Nachwuchs nach – und die, die nachkommen, hätten angesichts der genannten und weiterer Probleme kaum Lust, eine Apotheke zu führen. „Noch sind Apotheken in Ostfriesland flächendeckend vertreten“, sagt Groeneveld. „Aber die Situation wird sich dramatisch verschärfen.“

Apotheken fühlen sich vergessen

Die hohen Energie- und Lohnkosten führten außerdem zu weiteren Belastungen der Vor-Ort-Apotheken. Groeneveld kritisiert das Entlastungspaket zur Energiekrise: „Die Vor-Ort-Apotheken sind wichtige Arbeitgeber in der Stadt und auf dem Land. Doch die Politik hat in dem neuen Entlastungspaket zur Energiekrise die kleinen und mittelständischen Unternehmen völlig außer Acht gelassen. Es sieht keine kurzfristigen Nothilfen wie zum Beispiel Energiekostenzuschüsse für existenzbedrohte Apothekenbetriebe vor“, kritisiert der Norder. Die Politik müsse hier definitiv nachbessern, „damit wir alle gut durch die Krise kommen.“

Die Apotheker gehen, so Groeneveld, aktuell von einer Verzehn- bis Verfünfzehnfachung der Energiepreise für ihre Apotheken aus. Viele Möglichkeiten, einzusparen oder Preise zu erhöhen, sieht Groeneveld nicht. „Bei der Digitalisierung sind wir zum Beispiel schon deutlich weiter als viele andere Branchen“, so Groeneveld. Theoretisch könne man die verschreibungsfreien Medikamente verteuern. „Aber das kauft dann ja keiner mehr“, so Groeneveld. Zudem sei „das Hauptgeschäft das Geschäft mit den Krankenkassen.“ Die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente seien gesetzlich festgeschrieben.

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie wir noch sparen sollen“

„Die Kombination aus Personalmangel, dem Anstieg aller Kosten und jetzt der zusätzlichen Erhöhung des Abschlages wird die seit Jahren rückläufige Zahl an Apotheken beschleunigen und dem Gesundheitssystem wichtige Anlaufstellen und Lotsen im Gesundheitswesen verloren gehen,“ mahnt Oliver Hirsch. Auch Groeneveld warnt, dass im Zweifel nur die Möglichkeit der Leistungseinschränkungen bleibe. Das bedeute beispielsweise eingeschränkte Öffnungszeiten.

Von diesem Mittel möchte Florian Penner, der die Löwen-Apotheke in Emden leitet, noch nicht Gebrauch machen. „Wir müssen das irgendwoe hinkriegen“, sagt er – auch mit Blick auf seine Kundinnen und Kunden sowie die Fürsorgepflicht. Aber auch er sieht die steigenden Kosten bei ausbleibender Entlastung für die Apotheken als großes Problem. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie wir noch sparen sollen“, sagt er. Die Technik sei schon so energiesparend wie möglich und „mit Frieren ist ja auch niemandem geholfen“.

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