Oldenburger Münsterland  Medikamente nicht lieferbar - Apotheker klagen über Engpässe

Fenja Hahn
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Von Fenja Hahn
| 24.09.2022 16:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Über 250 Produkte sind aktuell als nicht lieferbar gemeldet: Die Apotheken suchen für ihre Kunden nach Alternativen. Symbolfoto: Deck / DPA
Über 250 Produkte sind aktuell als nicht lieferbar gemeldet: Die Apotheken suchen für ihre Kunden nach Alternativen. Symbolfoto: Deck / DPA
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Das Problem der Medikamentenknappheit ist nicht neu – doch aktuell trifft es auch gängige Mittel. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe, erklären die Apotheker und stellen politische Forderungen.

Cloppenburg /Vechta - Von Psychopharmaka über Antibiotika bis hin zu Fiebersäften für Kinder – viele Medikamente sind immer öfter und länger nicht lieferbar. Der Deutsche Apothekerverband schlägt Alarm, auch die Apotheken im Oldenburger Münsterland klagen über zunehmende Engpässe. Dabei sei das grundlegende Problem vor allem die Abhängigkeit von asiatischen Ländern, sind sich die Inhaberinnen und Inhaber einig. „275 Artikel sind aktuell nicht verfügbar“, erzählt Beate Looschen, Inhaberin der Franziskus- und Eichen-Apotheke in Lohne. Das Phänomen gebe es bereits seit Jahren und tauche immer mal wieder verstärkt auf. In der aktuellen Weltlage sei wieder eine deutliche Zunahme des Mangels spürbar, berichtet Julian Bergmann von der Antonius-Apotheke in Emstek. „So extrem war es noch nie“, beobachtet Johannes Berding, Inhaber der Mühlen-Apotheke in Vechta und der Turm-Apotheke in Langförden.

Dabei seien es diesmal laut Bergmann nicht nur exotische Arzneien, die fehlen, sondern auch gängige. „Die Engpässe sind durch die Bank weg in allen Bereichen“, weiß auch Berding. Ein prominentes Beispiel sei das Brustkrebs-Medikament Tamoxifen, das Anfang des Jahres nicht lieferbar war. Neben Blutdruckmedikamenten oder Diabetes-Mitteln mangelt es aktuell besonders an Fiebersäften. „Es trifft mit den Kindern eine sensible Gruppe“, meint Johannes Meis, Inhaber der Apotheke Meis am Krankenhaus in Cloppenburg.

Preisdruck und Abhängigkeit

Für die Engpässe gibt es verschiedene Gründe: Die Glas-Knappheit sei eine, erklärt Looschen. „Die Hersteller haben keine Flaschen, um Medikamente abzufüllen“, schildert die Lohner Apothekerin. Dass etwas in der Lieferkette fehlt, sei eine häufige Erklärung der Hersteller, berichtet Alexander von Handorff, Inhaber der Rathaus-Apotheke in Damme. Das generelle Problem sei eine Folge der jahrelangen Sparpolitik, findet Sandra Meyer von der Maxi- und Moor-Apotheke in Friesoythe.

Auch der Emsteker Apotheker Bergmann argumentiert mit dem Preisdruck für Arzneien. Die Krankenkassen hätten ihre Festbeträge so weit abgesenkt, dass viele Firmen aus der Herstellung ausgestiegen sind, erläutert sein Vechtaer Kollege Berding. So sei die Produktion nicht mehr kostendeckend oder gar gewinnbringend möglich gewesen, erklärt Meyer. Die große Nachfrage können die wenigen übrigen Firmen nicht stemmen. „Für ganz Deutschland gibt es nur noch einen Hersteller von Paracetamol-Saft“, betont von Handorff – vor zehn Jahren seien es noch elf gewesen.

Ukraine-Krieg stört Lieferketten

Um möglichst günstig zu produzieren, stellten die meisten Firmen im asiatischen Raum Medikamente her. „Das ist eine reine Kostenfrage“, weiß Berding. „Das ist nicht erst seit gestern so“, bekräftigt Meyer. Faktoren wie Corona oder der Ukraine-Krieg stören die Lieferketten, erklärt von Handorff. Durch strikte Lockdowns in China seien laut Berding teilweise ganze Produktionen stillgelegt worden. „Die Abhängigkeit ist wie beim Gas mit Russland“, meint Julian Bergmann, auch Beate Looschen stellt diesen Vergleich auf. Wenn die Lieferungen abreißen, käme Deutschland in eine prekäre Situation, so Bergmann.

Die Apothekerinnen und Apotheker sind sich einig: In der Politik scheint das Problem noch nicht angekommen zu sein. Obwohl es oft genug an sie herangetragen wird, weiß Johannes Berding, der sich im Landesapothekerverband engagiert. Es sei zwar immer wieder ein Aufschrei zu vernehmen, bemerkt der Cloppenburger Apotheker Meis, bisher seien die Reaktionen jedoch ausgeblieben. Schon vor Corona habe es deswegen von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) eine Resolution gegeben. Doch die Abhängigkeit habe sich seitdem nur noch verschlimmert, so Meis.

Apotheker fordern: Mehr Produktion in Europa

Dabei ist die Forderung an die Politik deutlich: Es muss wieder mehr auf Produktion in Europa gesetzt werden, sind sich die Inhaberinnen und Inhaber einig. Mit Dumping-Preisen und der vollständigen Abhängigkeit von Asien soll Schluss sein, findet Friesoytherin Sandra Meyer. Dadurch würde sich die Lage allerdings auch erst auf lange Sicht entspannen, erklärt der Emsteker Bergmann.

Um ihre Kundschaft trotzdem mit den nötigen Medikamenten zu versorgen, geben die Apotheken ihr Bestes, betont Meyer. „Wir sind darauf vorbereitet und schaffen Vorräte“, sagt die Apothekerin. Auch ihr Cloppenburger Kollege Meis erklärt, dass sie dank strukturierten Einkaufs gut aufgestellt seien.

Alternativlösungen sind aufwändig

„Wir legen viel Wert auf unsere Lieferfähigkeit“, bekräftigt der Vechater Apotheker Berding. Um nach Alternativen zu suchen, sei momentan aber ein großer Arbeitsaufwand nötig. Auch der Dammer von Handorff berichtet, dass viel Zeit und Arbeit in das Finden von Lösungen gesteckt werde. Beate Looschen schildert, dass sie sogar versucht habe, nachts um 0.30 oder morgens um 6 Uhr Fiebersäfte zu bestellen. „Innerhalb von 5 Minuten war alles ausverkauft.“

Deswegen arbeiten die Apotheken nun viel mit Alternativen. Das kann eine andere Stärke des Medikaments sein oder ein anderer Wirkstoff, erläutert Julian Bergmann. Der Wechsel zu einem anderen Wirkstoff braucht jedoch die ärztliche Rücksprache. Statt Fiebersäften müsste man dann für Kinder auf Zäpfchen zurückgreifen, führt Looschen auf. Zudem hätten die Apotheken die Möglichkeit, selber Medikamente herzustellen, um die Engpässe zu überbrücken.

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