Hamburg Parallelen zur RAF: Wie radikal sind die Klimaaktivisten?
Regelmäßig gehen Klimaaktivisten mit ihren Forderungen auf die Straße. An den Rändern greifen einige zu radikalen Mittel und blockieren Straßen oder stören Fußballspiele. Extremismus-Forscher Alexander Straßner erinnert das an die Anfänge der Roten Armee Fraktion.
Am 23. September steht der nächste globale Klimastreik an. Wie radikal ist die Bewegung? Gruppen wie „Letzte Generation” und „Ende Gelände” sprechen von zivilem Ungehorsam und drohen mit Sabotageakten. Der Klimaaktivist Tadzio Müller schloss sogar eine „grüne RAF” nicht aus. Ist die Gefahr real? Das sagt Extremismus-Forscher Alexander Straßner.
Frage: Sehen Sie eine Radikalisierung der Klimabewegung?
Antwort: Ja, vor allem, wenn klimapolitisch nicht genug getan wird. Was „genug” ist, entscheiden dabei die Aktivisten. Genau dieser absolute Wahrheitsanspruch ist Bestandteil von Extremismus und hat Züge einer Sekte. Die Aktivisten wollen nicht über die geforderten Maßnahmen diskutieren, sondern sie zur Not ohne politischen Diskurs durchsetzen. Sie behaupten von sich selbst für eine ganze Generation zu sprechen. So diskriminieren sie systematisch andere Meinungen und auch das ist ein Kennzeichen einer Radikalisierung.
Frage: Die Klimabewegung ist sehr vielfältig. Wie ordnen Sie Gruppierungen wie „Fridays for Future”, „Extinction Rebellion”, „Letzte Generation” oder „Ende Gelände” ein?
Antwort: In meinen Augen hat sich „Fridays for Future” deutlich gemäßigt. Vertreter der Bewegung zeigen sich gesprächsbereit und kandidieren für politische Ämter. Die anderen genannten Bewegungen weigern sich, den parlamentarischen Weg zu beschreiten. Sie behaupten, dafür sei die Zeit zu knapp. Bei diesen radikalen Rändern sehe ich die Gefahr, dass Einzelne in die Illegalität gehen, noch ist es aber nicht so weit.
Frage: Warum nicht?
Antwort: Es fehlt noch an einer Galionsfigur, die für Militanz steht. Greta Thunberg oder Luisa Neubauer sind viel zu gemäßigt.
Frage: In den sozialen Netzwerken sind Klimaaktivisten sehr präsent. Sie warnen vor einer drohenden Apokalypse. Sie verweisen außerdem auf den hohen persönlichen Preis, den sie beispielsweise durch Verhaftungen zahlen. Warum machen sie das?
Antwort: Das erzeugt vor allem maximale Aufmerksamkeit. Dazu kommen narzisstische Züge: Die Aktivisten zeigen, dass sie etwas Außergewöhnliches mit ihrem Leben machen. Dabei gab es ökologisch motivierte Extremismen bereits ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Antwort: Sie waren davon überzeugt, Außergewöhnliches zu leisten, allein indem sie sich vom bürgerlichen Leben verabschiedeten.
Frage: Sehen Sie weitere Parallelen zur Roten Armee Fraktion der 1970er Jahre?
Antwort: Ja, die Argumentationslinien sind die gleichen. Die ersten RAF-Mitglieder haben auch von sich behauptet, an der Spitze einer Generation zu stehen und über ein überlegenes Herrschaftswissen zu verfügen. Außerdem verwiesen sie auf die Dringlichkeit ihrer Anliegen. Sie waren wie die Klimaaktivisten heute überzeugt:
Frage: Die Aktivisten wollen durch zivilen Widerstand ein Umdenken erzwingen. Ist das Mittel nicht legitim?
Antwort: Der Zweck heiligt nicht die Mittel, nein. Die Aktivisten können sich im Falle einer Verhaftung in das weiche Bett eines demokratischen Rechtsstaats legen und sind nicht von der Vernichtung bedroht. Und Klimamaßnahmen zu beschließen und umzusetzen, ist ebenfalls ein demokratischer Prozess. Ich bin überzeugt: Wenn die radikalen Klimamaßnahmen sofort umgesetzt werden würden, würde unsere Gesellschaft in Schieflage geraten und wäre nur noch damit beschäftigt, die Balance wieder herzustellen. Deswegen müssen Kompromisse gefunden und kontinuierlich an der Klimapolitik gearbeitet werden. Die Ungeduld Einzelner bringt nichts.
Frage: Wird es Gewalt aus der Klimabewegung geben?
Antwort: Ich befürchte es. An den Rändern tummeln sich Extremisten, denen neue klimapolitische Maßnahmen nicht reichen. Für sie gibt es keine Kompromisse, sondern nur die eigenen Forderungen. Sie könnten in die Illegalität gehen, um die reine Lehre zu erhalten. Alles andere wäre ein Kompromiss mit dem System.