Osnabrück  Forscher sprechen von massiven Pflichtverletzungen im Bistum Osnabrück - Kritik an Bischof Bode

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 19.09.2022 15:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Uni Osnabrück stellte am Dienstag einen Zwischenbericht zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Bistum Osnabrück vor. Foto: Jörn Martens
Die Uni Osnabrück stellte am Dienstag einen Zwischenbericht zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Bistum Osnabrück vor. Foto: Jörn Martens
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Wie schwer wiegen die Pflichtverletzungen im Bistum Osnabrück? Welche Schuld trägt Bischof Franz-Josef Bode? Und inwieweit wurde sexualisierte Gewalt in der Kirche vertuscht? Forscher finden am Dienstag klare Worte für teils katastrophale Zustände in der Diözese.

Die Universität Osnabrück veröffentlichte am Dienstag eine erste Studie zum Umgang mit Missbrauch im Bistum Osnabrück. Dem kirchlichen Führungspersonal attestieren die Forscher darin massive Pflichtverletzungen. Bis in jüngste Zeit seien Rechte Betroffener verletzt worden. Seit 2010 sei dagegen ein Wandel im Umgang mit Beschuldigten wahrnehmbar.

Auf 600 Seiten machen die Wissenschaftler anhand von 16 Fallbeispielen deutlich, wie das Bistum seit 1945 mit Tatvorwürfen, Tätern und Betroffenen umgegangen ist. Fazit: Die Kirche hat bis über das Jahr 2000 hinaus Minderjährige in Gefahr gebracht, indem sie nicht angemessen mit Tätern umgegangen ist. Bislang haben die Forscher 90 mögliche Täter identifiziert.

Auch Entscheidungen des amtierenden Bischofs Franz-Josef Bode kritisierten die Forscher. Er habe in seiner Amtszeit gefährliche Priester im Amt belassen, Entscheidungen nicht nachgehalten oder Maßnahmen ergriffen, die nicht geeignet waren, weitere Taten zu verhindern. Die Wissenschaftler sprechen dabei allerdings nicht von Vorsatz, sondern von „Sorgfaltspflichtverletzungen”.

Als hochproblematisch stuft die Studie die Aktenführung des Bistums ein. Vieles sei nicht aufbewahrt worden. Dabei lasse sich nicht sagen, inwieweit Unterlagen vernichtet worden seien, erklärte Projektmitarbeiter Jürgen Schmiesing. In jedem Fall habe es zusätzlich zu klassischen Personalakten vielfach Nebenakten an unterschiedlichen Orten gegeben.

Pikant: Erst nach Projektbeginn habe man bislang unbekannte Unterlagen in einem Tresor des Generalvikariats gefunden. „Ob nicht auch einzelne Mitarbeiter Informationen zurückhalten wollten, können wir jetzt nicht sagen”, so Schmiesing. Projektleiterin Siegrid Westphal sprach von „schweren Organisationsmängeln” und wenig professionellem Verwaltungshandeln.

Studienleiter Hans Schulte-Nölke kritisierte zudem die Entschädigungspraxis der Kirche. Betroffene würden im Bistum Osnabrück bürokratisch und abweisend behandelt.  Es habe „Kleinlichkeit gegenüber den Betroffenen“ geherrscht, statt Großzügigkeit. Dabei handele es sich um Führungsversagen. Bischof Bode habe versprochen, Hilfen für Opfer ganz auszuschöpfen. „Es ist danach aber kein Ruck durch sein Bistum gegangen”, so Schulte-Nölke. “Die generelle Linie ließe sich mit ‚Verzögern und Abwehren‘ beschreiben“, erklärte der Juraprofessor. Das Bistum Osnabrück überprüfe auch nicht sorgfältig genug, ob Betroffene über Anerkennungszahlungen hinaus Ansprüche auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld hätten.

Als „überraschend“ bezeichnete Schulte-Nölke, dass Rechte Betroffener wie auch Pflichten des Bistums vielfach unbekannt seien. Der Juraprofessor erklärte, man habe einen Katalog dazu entwickelt.

Karl Haucke als Sprecher der Betroffenen, die den Forschungsprozess mit steuern, nannte die Osnabrücker Studie „vorbildlich”. Er appellierte an Führungspersonal, persönliche Verantwortung zu übernehmen und das „Wir” durch ein „Ich” zu ersetzen. „Wir brauchen keine Schamkaskaden”, sagte Haucke. Er forderte zudem von der Kirche ein Recht auf Akteneinsicht für die Betroffenen.

Insgesamt haben die Wissenschaftler bislang 300 Akten untersucht - mit einem Umfang von wenigen Blättern bis hin zu umfangreichen Ordnern. Außerdem haben sie mit 34 Personen in Leitungsfunktionen gesprochen. Das Bistum Osnabrück hat nach Aussagen aller Beteiligten kein Mitspracherecht bei der Studie. Über Ergebnisse wurde es nicht vorab informiert. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. In zwei Jahren wird die Gesamtstudie vorgelegt. Das Bistum finanziert sie mit 1,3 Millionen Euro.

In einer zweiten Projektphase wolle man unter anderem die Rekonstruktion der Fälle abschließen. Dabei gehe es insbesondere darum, Handlungsmuster zu identifizieren und Akten daraufhin zu durchforsten, um das Dunkelfeld aufzuhellen. “Wir werden gezielt und detektivisch vorgehen müssen”, sagte Westphal.

Außerdem wollen die Wissenschaftler stärker die Begleitumstände von Taten analysieren, auf Dynamiken in Gemeinden und Interaktionen zwischen Gemeinden und Bistumsleitung eingehen. Auch die Perspektive von Betroffenen im Bistum soll stärker einbezogen werden. Die Wissenschaftler bitten daher Betroffene darum, sich bei der Universität zu melden.

Bischof Franz-Josef Bode äußert sich am Dienstag schriftlich zur Studie. Bode erklärte, es beschäftige ihn sehr, „wie blind wir eigentlich gewesen sind und wie blind ich gewesen bin für das Leiden und die Perspektiven der Betroffenen. Ich trage die Verantwortung dafür, auch für das System im Bistum“. Bode kündigte an, sich intensiv mit dem Text zu beschäftigen. Am Donnerstag will er in einer Pressekonferenz ausführlich auf die Erkenntnisse eingehen.

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