Osnabrück Missbrauch im Bistum Osnabrück: Diese Fälle sind bislang bekannt
Am Dienstag stellen Wissenschaftler ein erstes Gutachten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Bistum Osnabrück vor. Dabei wird es voraussichtlich auch um konkrete Fälle gehen. Welche sind bereits bekannt?
Erst seit Kirche und Gesellschaft sexualisierte Gewalt ernst nehmen und verfolgen, trauen sich viele Betroffene, mit Ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Taten, die Priester im Bistum verübt haben, liegen daher zum Teil schon seit Jahrzehnten zurück. Ein Überblick über Missbrauchsfälle im Bistum, über die wir in der Vergangenheit bereits berichtet haben - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Haren-Erika: 1996 wird ein Gemeindepfarrer aus Haren-Erika im Emsland wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 227 Fällen verurteilt. Die Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren wird für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Zwischen 1987 und 1995 hatte der Mann demnach mindestens 14 Jungen sexualisierte Gewalt angetan, vor allem Messdienern. Wahrscheinlich ist die tatsächliche Zahl der Betroffenen höher. Schon während des Prozesses wurde immer wieder thematisiert, dass Eltern von der Kirche unter Druck gesetzt worden seien, die Taten nicht öffentlich zu machen. Der damalige Weihbischof Theodor Kettmann hatte den Priester am 31. Mai 1995 in den Ruhestand versetzt.
Dalum/Osterbrock: 2004 entpflichtet Bischof Franz-Josef Bode den Pfarrer der Kirchengemeinden Dalum und Osterbrock im Landkreis Emsland von seinem Dienst. Pfarrer R. wird beschuldigt, Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht zu haben. R. soll dabei gesehen worden sein, mit „immer jünger werdenden Jungen“ Squash gespielt, geduscht, und die Sauna besucht zu haben. Der Fall schaffte es jedoch nicht vor Gericht. Lediglich der Besitz von „fragwürdigem Bild- bzw. Zeitschriftenmaterial“ führte laut damaliger Berichterstattung dazu, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Auflage einstellte. Der Pfarrer erklärte sich laut Bistum bereit, beratende Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Steinbild/Wippingen/Renkenberge: 2010 entpflichtet Bischof Franz-Josef Bode den 38-jährigen Priester H. von seinem Dienst, weil der online kinderpornografische Inhalte konsumiert hatte. Die Polizei ermittelt. H. arbeitet später als Seelsorger in einem Bereich des Bistums, in dem er keinen Kontakt zu Kindern haben soll.
Meppen: 2010 werden sexuelle Übergriffe auf Minderjährige im ehemaligen Internat des Maristenklosters in Meppen bekannt. Nachdem sich ein Betroffener gemeldet hatte, beauftragte der zuständige Orden einen Anwalt mit der Aufarbeitung. Erste Vorwürfe lassen sich bis ins Jahr 1967 zurückverfolgen. Auf Anzeigen habe man im weiteren Verlauf angeblich auf Wunsch der Eltern verzichtet. Das Internat existiert heute nicht mehr.
Haren: 2010 entpflichtet das Bistum einen 49-jährigen ehemaligen Jugendpfarrer, der eine Minderjährige vergewaltigt haben soll. Der Mann war auch in Spelle im Landkreis Emsland und Georgsmarienhütte, Landkreis Osnabrück, tätig. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Vergewaltigung einer 14-Jährigen. Das Landgericht Osnabrück stellt das Verfahren schließlich wegen Verjährung ein. Der Geistliche hatte Sex mit der damals minderjährigen Messdienerin eingeräumt, diesen jedoch als einvernehmlich geschildert.
Brögbern/Lingen: 2019 gibt das Bistum bekannt, dass rund 40 Jahre zuvor in der Kirchengemeinde St. Marien in Brögbern ein Mädchen von einem inzwischen verstorbenen Pfarrer sexuell missbraucht worden sein soll. Die Frau hatte sich ans Bistum gewandt. Bereits 2002 war Pfarrer R. auffällig geworden: Damals hatte offenbar Generalvikar Theo Paul einen Brief erhalten, in dem der Mann beschuldigt wurde, in den 60er- und 70er-Jahren einem Mann gegenüber übergriffig gewesen zu sein. R. wurde daraufhin Anfang 2003 mit 83 Jahren ein öffentliches Zelebrationsverbot erteilt. Kurz danach wurde der zu dem Zeitpunkt demente Mann pflegebedürftig und starb 2007 in einem Altenheim.
Dalum/Osterbrock: 2019 wird öffentlich, dass ein ehemaliger Pfarrer der Osterbrocker Gemeinde St. Isidor mehrfach Jungen im Meppener Knabenkonvikt missbraucht haben soll. Der Mann war von 1980 bis 1995 in der Gemeinde und verstarb 2013. Details zu den Vorgängen sollen Bischof Franz-Josef Bode bereits 2010 mitgeteilt worden sein.
Merzen: 2019 informiert das Bistum darüber, dass der langjährige Gemeindepfarrer Hermann H. in den 80er und 90er Jahren in Merzen Kinder sexuell missbraucht haben soll. In der Folge melden sich immer mehr Opfer und Angehörige - nicht nur aus Merzen, sondern auch aus anderen Orten, an denen H. tätig war, nämlich Dalum, Rhede und Twist. H. lebt zu diesem Zeitpunkt in einem Altenheim. Das Bistum versucht in der Folge, H. aus dem Priesterstand zu entlassen. Problematisch: Bischof Franz-Josef Bode hatte H. - damals angeblich aus gesundheitlichen Gründen - in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Auflagen, etwa im Umgang mit Kindern, hielt das Bistum am neuen Wirkungsort des Pfarrers jedoch nicht nach. Zudem übernahm H. auch im Ruhestand wieder Leitungsaufgaben. Mitte dieses Jahres wurde bekannt, dass Hermann H. schließlich aus dem Priesterstand entlassen wurde.
Emsland: Eine heute 49-Jährige wendet sich 2020 ans Bistum Osnabrück und berichtet, dass sie ein späterer katholischer Geistlicher und Lehrer als Jugendliche missbraucht hat. Die Betroffene war damals 14 Jahre alt. Die nachweisbaren Taten sind heute verjährt. Als Anerkennung ihres Leides erhielt die Frau 5000 Euro von der Kirche. Bischof Franz-Josef Bode nahm den Diakon aus dem kirchlichen Dienst.
Osnabrück: Nachdem ein Foto-Dienstleister Anzeige erstattet hatte, ermittelt die Staatsanwaltschaft 2021 gegen den Pfarrer der Kirchengemeinde St. Elisabeth in Osnabrück. Der Bischof entpflichtet den Pfarrer von seinen Aufgaben. Das Bistum informiert die Öffentlichkeit. Am 26. Oktober soll die Hauptverhandlung gegen den 58-jährigen Geistlichen beginnen. Die Staatsanwaltschaft Hannover, in Niedersachsen Schwerpunktstaatsanwaltschaft für sexualisierte Gewalt gegen Kinder, spricht von kinderpornografischen Abbildungen in vierstelliger Zahl.