Berlin Hohe Inflation in Deutschland: Wann wird es wieder billiger?
Deutschland ächzt unter der hohen Inflation. Wann nimmt der Preisdruck wieder ab? Niemand weiß es genau, aber es gibt einige Theorien.
7,9 Prozent beträgt die aktuelle Inflation in Deutschland. Was das bedeutet, spürt jeder beim Einkaufen, beim Tanken und überall sonst. Gerade wer wenig hat, muss empfindlich zurückstecken. Überall sind die Schlangen an den Tafeln lang und im Winter drohen Bäcker zu schließen, weil die Leute sich ihre Brötchen nicht mehr leisten können. Es drängt sich die Frage auf: Wann entspannt sich die Situation? Das könnte noch eine Weile dauern.
Eines vorweg: Wie es mit der Inflation weitergeht, ist schwer zu sagen. Auch für Michael Berlemann, Direktor am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. „Typischerweise geht man bei den Prognosen so vor, dass man mit Daten aus der Vergangenheit in die Zukunft prognostiziert“, so Berlemann. „Das funktioniert auch gut - wenn man in Zeiten lebt, wo die Vergangenheit es erlaubt, etwas über die Zukunft zu lernen.“
Aktuell gebe es jedoch mit Corona und dem Ukraine-Krieg lauter Schocks, die es lange nicht mehr oder noch nie gegeben hat. Diese Prognosen geben nun verschiedene Ökonomen.
Manche Experten prophezeien eine regelrechte Ära der steigenden Preise. Die Inflation könne über Jahrzehnte bei etwa fünf Prozent liegen.
Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist man etwas entspannter. Laut der offiziellen Inflationsprognose der EZB vom 8. September ist in der Eurozone für 2022 mit einer Inflation von 8,1 Prozent zu rechnen. Am Ende von 2021 ist also alles 8,1 Prozent teurer, als im gleichen Monat des Vorjahres. 2023 kommen noch einmal 5,5 Prozent hinzu. 2024 soll sich die Inflation dann mit 2,3 Prozent fast wieder normalisiert haben.
Wer sich jetzt den Einkauf nicht leisten kann, hat davon freilich nichts. An der Supermarktkasse kann man erst wieder aufatmen, wenn die Einkommen sich den neuen Kosten angepasst haben. Bis dahin könnte es etwas dauern. Zwar enthalten viele Tarifabschlüsse im Moment relativ kräftige Lohnsteigerungen, diese gleichen die Inflation aber nur selten aus.
Der Nominallohn, also die Zahl auf der Gehaltsabrechnung, ist im ersten Quartal 2022 laut statistischem Bundesamt nur um vier Prozent gestiegen. Die Arbeitslosengeld-Sätze wurden sogar zuletzt Ende 2021 an die damals noch niedrige Inflation aus der Corona-Zeit angepasst. Nicht einmal ein Prozent Aufschlag gab es damals.
Viele Ökonomen warnen vor der sogenannten „Lohn-Preis-Spirale“, bei der hohe Löhne zu hohen Produktionskosten führen: „Dieser Fehler wurde bei den Ölpreiskrisen in den 1970er-Jahren gemacht. Da haben die Gewerkschaften Lohnerhöhungen im zweistelligen Bereich durchgesetzt. So etwas löste eine länger anhaltende Inflation aus, weil die Unternehmen die steigenden Lohnkosten an die Verbraucher weitergegeben haben“, sagt etwa Ökonom Timo Wollmershäuser.
Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) haben noch im Sommer vor der Lohn-Preis-Spirale gewarnt und stattdessen Einmalzahlungen, wie die Energiepreispauschale, präferiert.
Andere Ökonomen, wie etwa Marcel Fratzscher, halten die Angst vor der Lohnpreisspirale jedoch für „ein Märchen“. Gewerkschaften hätten mittlerweile gar nicht mehr die Macht, kräftige Lohnsteigerungen durchzudrücken. Wie man in obenstehender Grafik sieht, hat sich der Reallohn, also mit einberechneter Inflation, in den vergangenen fünfzehn Jahren tatsächlich kaum verändert.
Darauf hofft auch die EZB mit ihren immer energischeren Leitzinserhöhungen. Der Leitzins gibt an, wie teuer es für die Banken ist, sich Geld zu leihen, das sie dann wieder als Kredite für Investitionen und Konsum und Zinsen an Unternehmen und Verbraucher verteilen. Je teurer der Leitzins, desto weniger wird verteilt, desto weniger Geld fließt, desto geringer die Nachfrage, desto niedriger die Preise. Allerdings: „Eine Zinserhöhung ändert nichts an dem geringen Angebot von Erdgas, Erdöl und Weizen“ sagt Thieß Petersen von der Bertelsmann Stiftung dem WDR.
Maßgeblich verantwortlich für die aktuelle Inflation sind im Zuge des Wirtschaftskrieges gegen und von Russland, steigende Energiepreise. Diese erhöhen nicht nur die Produktionskosten, sondern sorgen teilweise dafür, dass Unternehmen ihre Produktion reduzieren.
Eine sich abzeichnende Rezession würde auch den Konsum und damit die Nachfrage nach Rohstoffen und Energie senken. Schon jetzt sind fallende Energiepreise an den Börsen zu beobachten. Eine Rezession würde allerdings auch eine sinkende Nachfrage an Arbeitskräften und sinkende oder zumindest nicht steigende Löhne zur Folge haben.
Ob die Energiepreise wieder sinken ist jedoch, vorsichtig ausgedrückt, fraglich. „Die steigenden Energiepreise werden uns so lange begleiten, bis wir es schaffen, auf andere Energiequellen umzustellen“, erklärt Almut Balleer, Energieökonomin an der RWTH Aachen dem WDR. Um die Energiewende zu schaffen, müssten fossile Energieträger ohnehin teuer bleiben: „Die Preise für Güter, die wir loswerden wollen, müssen relativ zu denen anderer Güter steigen“, erklärt sie.
Wann sich die Situation für Verbraucher wieder entspannt, hängt also davon ab, dass die Löhne nachziehen. Schon jetzt erhöht der Bund den Mindestlohn ab Oktober auf 12 Euro. Zumindest wer Mindestlohn bekommt, dürfte dann eine Entlastung spüren.