Sylt  Warum Sylt den Neubau von Ferienunterkünften stoppt

Barbara Glosemeyer
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Von Barbara Glosemeyer
| 13.09.2022 10:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ferienwohnungen auf Sylt. Foto: imago/ferienlicht
Ferienwohnungen auf Sylt. Foto: imago/ferienlicht
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Der Bauausschuss der Gemeinde Sylt hat am Donnerstagabend einen richtungsweisenden Beschluss gefasst: Er stimmt für das Beherbergungskonzept. Große Freude bei „Merret reicht‘s“.

Die Zeiten, in denen auf Sylt Ferienwohnungen und Hotels ohne Rücksicht auf Verluste gebaut werden und Wohnraum für die Insulaner immer knapper wurde, gehören jetzt der Vergangenheit an. Mit dem Beschluss für das Beherbergungskonzept hat der Bauausschuss am Montagabend ein deutliches Signal gesetzt, dass es ein Weiter-So nicht geben darf.

Die Gemeinde Sylt als größte der fünf Gemeinden auf der Insel will den Neubau von zusätzlichen Ferienunterkünften und damit den Ausverkauf der Insel stoppen. Die Entscheidung war mit Spannung erwartet worden und dass der Beschluss am Ende sogar einstimmig über alle Fraktionen hinweg gefasst wurde, schien die vielen Zuhörerinnen und Zuhörer, die die Debatte verfolgten, fast zu überraschen. Das Beherbergungskonzept muss jetzt künftig von Politik und Verwaltung in der gemeinde Sylt bei allen Planungen und Projekten berücksichtigt werden. Die Ortsentwicklung hat nun die Aufgabe, eine Umsetzungsstrategie für das Beherbergungskonzept unter Einbezug notwendiger Gutachten und Personalressourcen zu entwickeln.

Applaus aus den Zuschauerreihen erhielt Bürgervorsteher Frank Zahel, der als erster ans Mikrofon ging und sagte: „Wir sollten dem Beschlussvorschlag folgen. Es ist ein erster Aufschlag in die richtige Richtung. Es muss ein deutliches Zeichen gesetzt werden, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn wir wieder nur Probleme aufzeigen, kommen wir keinen Schritt weiter.“ Und er hoffe, dass die Amtsgemeinden dem Votum der Gemeinde Sylt folgen und ebenfalls für das Beherbergungskonzept stimmen.

Das Konzept, das die Gemeinde Sylt für 28000 Euro bei der Beratungsgesellschaft CIMA in Auftrag gegeben hatte, hat erstmals zahlenbasiert das ausgesprochen und belegt, was die Insulaner eigentlich alle längst spürten oder sogar wussten: Dass die Anzahl der Ferienunterkünfte auf Sylt in einem krassen Missverhältnis steht zur Anzahl der Dauerwohnungen: 7400 Ferienunterkünften in der Gemeinde Sylt stehen rund 11.000 Dauerwohn-Einheiten zur Verfügung. Das Verhältnis sei nicht mal mehr 1:2, sondern nähere sich langsam aber sicher einem Wert von 1:1 an, hatte Stadtentwicklungsexperte Uwe Mantik den Entscheidern in der Politik vor Monaten vorgerechnet und gemahnt: „Wenn das nicht gestoppt wird, wird die Insel nicht verschwinden, aber sie wird zum Centerpark, weil die Menschen, die hier leben, verschwinden werden“. Es sei höchste Zeit gegenzusteuern.

Volle Zustimmung für diese drastische Einschätzung erhielt Mantik, der per Video zugeschaltet war, vom Leiter des Bauamts beim Kreis Nordfriesland, Burkhard Jansen. Der war persönlich angereist zur Sitzung und sagte, er könne der Analyse von Mantik, was die Insel Sylt betrifft, uneingeschränkt folgen: „Die Bewertung der Cima, dass Overtourism in der Gemeinde Sylt angekommen ist, eine Ausweitung von Ferienwohnungen den Rahmen sprengt und eine Überbeanspruchung der Natur bedeuten würde, ist richtig und ich teile diese Einschätzung“, sagte Jansen.

Zugleich machte der Bauamtsleiter klar, dass das Problem nicht ende, indem man den Bau zusätzlicher Ferienunterkünfte stoppe. Denn mindestens ein Viertel der bestehenden Ferienwohnungen seien nicht genehmigt auf Sylt. „Das heißt, wenn wir als Bauaufsicht aktiver werden, kann ein Teil des Problems ordnungsrechtlich gelöst werden“, so Jansen. Und genau das habe die Bauaufsicht des Kreises vor. Ab dem kommenden Jahr sollen deutlich mehr Kontrollen auf der Insel durchgeführt werden. Dafür soll auch Personal von derzeit 4,5 Stellen aufgestockt werden, vorausgesetzt es wird vom Kreistag genehmigt.

Das bedeute, dass es Ferienwohnungen geben wird, „die diesen Prozess nicht überstehen werden“, aber genauso auch bestehende Ferienwohnungen im Nachhinein offiziell genehmigt werden könnten, sagte Jansen: „Das Beherbergungskonzept ist eine vernünftige Grundlage für ein städtebauliches Entwicklungskonzept. Bei einer Änderung des Bebauungsplans sind viele Belange zu berücksichtigen. Gewachsene Strukturen können legalisiert werden, andererseits gilt es, das Maß gehalten wird.“  

Mit großer Freude hat das Bürgernetzwerk „Merret reicht‘s“ den einstimmig gefassten Beschluss aufgenommen. „Das ist der erste und entscheidende Schritt für eine lebendige, liebens- und lebenswerte Zukunft auf Sylt. Dieses einstimmige Votum hat Kraft und ist die Grundlage für alles weitere. Die Politik hat fraktionsübergreifend die Dringlichkeit unseres Anliegens erkannt. Der Kreis und das Land unterstützen den Sylter Kurswechsel. Wir sind auf dem richtigen Weg und können mit unserem Vorgehen vielleicht sogar eine Vorreiterrolle für die touristische Entwicklung in der Region und in ganz Schleswig-Holstein wahrnehmen“, resümiert Birte Wieda stellvertretend für alle „Merrets“. Merret danke allen Bauausschussmitgliedern für dieses eindeutige, positive Votum und der Verwaltung für die Vorarbeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gemeindevertretung der Gemeinde Sylt abschließend im Oktober für das Beherbergungskonzept stimmt und auch die vier Amtsgemeinden entsprechend entscheiden, sei seit Montagabend nach oben geschnellt.

Wenn es auf den unterschiedlichsten Ebenen auch noch viel zu tun gebe, damit das Konzept greifen kann, könnte die Voraussetzung dafür, weitere touristische Bebauung zu stoppen, die künftige Umnutzung von Dauerwohnraum zu verhindern und für die Kontrolle der Nutzung von Immobilien zu sorgen, aus heutiger Perspektive gar nicht besser sein.

Begeistert ist das Netzwerk darüber, dass Kreisbauamtsleiter Burkhard Jansen die Analyse und die Bewertung des Gutachtens in allen Bereichen unterstützt. „Konflikte und Steine auf dem Weg der Umsetzung des Beherbergungskonzeptes sind wohl unvermeidbar. Aber die Insel ist wieder auf Kurs und kann eine historische Chance wahrnehmen“, so Birte Wieda am „Tag danach“. 

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